Teenagerfans – Pubertät, Träume und die Stars

Jubelnde Fans auf Rock-Konzert

Fans

Teenagerfans – Pubertät, Träume und die Stars

Kreischende Mädchen, die tagelang vor einer Konzerthalle ausharren, um die besten Plätze vor der Bühne zu ergattern; Zimmer, die von oben bis unten mit Postern der Stars tapeziert sind, und ganze Mappen voller Zeitungsartikel oder Fotos: All dies sind Phänomene, die wir nur aus der Pubertät kennen. Doch woran liegt es, dass vor allem Jugendliche so vernarrt in ihre Fanobjekte sind?

Der Star als Identifikationsfigur

Schwarzweiß-Bild von hysterischen Mädchen bei einem Beatles-Konzert.

Kreischende Fans sind kein neues Phänomen

Viele Erwachsene erinnern sich schmunzelnd an die Zeiten während der eigenen Pubertät, als sie für einen Star schwärmten oder sogar in ihn verliebt waren. Rückblickend erscheint ihnen diese Lebensphase eher komisch. Und sie stellen sich die Frage, warum sie damals so irrational gehandelt haben und zum Beispiel mehrere hundert Kilometer zu einem Konzert gefahren sind, obwohl sie die Band bereits in der Vorwoche gesehen hatten. Trotzdem tritt dieses Verhalten in jeder Teenager-Generation unserer modernen Gesellschaft auf – und das hat einen Grund.

Jugendliche befinden sich in einem Prozess des Umbruchs. Nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Entwicklung spielt im Alter zwischen zwölf und 20 Jahren eine bedeutende Rolle. Während dieser Zeit prägt sich der individuelle Charakter aus. Dafür brauchen Teenager Orientierung und suchen nach Vorbildern.

Während in früheren Zeiten eher Familienmitglieder oder Freunde als Anhaltspunkt dienten, hat die Medienwelt den Jugendlichen ganz neue Möglichkeiten eröffnet: Fernsehen und Internet bringen immer neue Identifikationsfiguren hervor, sodass sich Teenager genau den Star "aussuchen" können, der ihre Ideale am besten verkörpert. So kann ein Fanobjekt jungen Menschen helfen, sich von der Familie zu lösen und ihre Eigenständigkeit auszuleben.

Zudem dient das Fanobjekt auch als Projektionsfläche. Das heißt, Teenager schreiben einem Star zum Beispiel die für sie wichtigen Eigenschaften eines perfekten Partners zu. Dieses konstruierte Idealbild dient dann als Objekt der Verehrung.

Fanobjekt Nummer eins: die Popmusik

Fans vor einem Take-That-Konzert werden an ein Absperrgitter gedrückt.

Drängeln für den besten Platz an der Bühne

Die Zahl der Fanobjekte bei Erwachsenen und Jugendlichen ist riesig. Dennoch fällt auf, dass gerade Teenager sich besonders häufig mit der Popmusik beschäftigen. Der Psychologe Dr. Martin Huppert hat sich in einem Buch mit genau diesem Phänomen auseinandergesetzt und kommt zu einer klaren Feststellung: "Der entscheidende Auslöser ist, dass die Musik einen Bezug zur Lebensrealität der Jugendlichen hat und dass sich der Jugendliche in der Musik und den Texten wiedererkennt."

Nicht zuletzt deswegen setzen auch viele junge Musiker auf Titel, die alltägliche Probleme der Jugendlichen aufgreifen. Sie spiegeln Gefühle wider, mit denen sich der Fan leicht identifizieren kann. Das Lied der Sängerin LaFee "Heul doch" beschreibt zum Beispiel das Ende einer unglücklichen Schwärmerei, aus der ein Mädchen gestärkt hervorgeht. Die Band Killerpilze hingegen fordert in ihrem Song "Ferngesteuert" deutlich "weniger Regeln und Gebote" und spricht damit dem jugendlichen Freiheitsdrang aus der Seele.

Doch neben der Musik als solcher ist es auch das Gemeinschaftserlebnis, das Teenager an Bands und Künstlern fasziniert. Dr. Martin Huppert erklärt: "Der Jugendliche kann in einer Fanszene Geborgenheit, Orientierung und Stabilisierung finden. Außerdem wird durch die Übernahme von Modetrends und Interessen ein neues Lebensgefühl entwickelt, das er mit anderen Gleichaltrigen teilen kann."

Das ist besonders in der schwierigen pubertären Phase wichtig, in der Jugendliche mit Mitschülern und Autoritätspersonen oft aneinandergeraten. In einer Fangruppe, deren Mitglieder eine Leidenschaft teilen, kommt es demnach weit seltener zu Konflikten, da die gemeinsame Energie auf das Fanobjekt gerichtet wird.

Das Phänomen "Boygroup"

Kreischende und weinende Fans vor einer Bühne: Diese Szene assoziiert man mit Bands wie Take That, New Kids on the Block oder Tokio Hotel. Doch das Phänomen an sich ist ebenfalls nicht neu. Die erste Gruppe, die solche Reaktionen beim weiblichen Massenpublikum hervorgerufen hat, waren die Beatles in den 1960er Jahren. Damals erschienen die Bilder der hysterischen Konzertbesucher noch ungewöhnlich, doch in den 1990er Jahren wurden sie zur Normalität.

Musikmanager wie der Amerikaner Lou Perlman perfektionierten das Produkt "Boygroup". Gezielt wählte er junge, gut aussehende Sänger für seine Bands aus, wobei jeder einzelne einen anderen Typ darstellte – optisch und persönlich. Den Fans gab dies die Möglichkeit, aus einer Gruppe von üblicherweise fünf Jungs genau denjenigen auszuwählen, der ihren Idealvorstellungen am ehesten entsprach. Lou Pearlmans Erfolge mit den Backstreet Boys und N'Sync ermutigten darauf auch andere Musikverlage dazu, solche Gruppen zu casten, also gezielt zusammenzustellen.

Für die meist weiblichen Fans repräsentierten die Bandmitglieder oft den idealen Partner – die Musiker erhielten unzählige Liebesbriefe. Dr. Martin Huppert begründet dies damit, dass Mädchen sich im Gegensatz zu Jungen in ihrer Entwicklung schneller von der "dinglichen Wahrnehmung lösen und sich früher menschlichen Beziehungen zuwenden". Das heißt natürlich auch, dass Mädchen sich früher zum ersten Mal richtig verlieben – nicht selten in ihr Vorbild, den Star.

Robbie Williams bei einer Performance während des Live-8-Konzerts in London, 2005

Robbie Williams brach den Fans das Herz

In manchen Fällen überschreiten diese projizierten Beziehungen jedoch das "normale" Maß und erreichen extreme Ausmaße. Als Robbie Williams am 17. Juli 1995 seinen Ausstieg aus der britischen Band Take That verkündete, mussten Sorgentelefone eingerichtet werden, da einige Fans mit Selbstmord drohten. Doch dies ist laut Dr. Martin Huppert die Ausnahme. Zwar sind viele Boygroup-Fans in ihren Star verliebt, doch oft flacht das Interesse mit dem Ende der Pubertät schnell ab.

Was jedoch bleibt, sind die Erfahrungen und Entwicklungen, die ein Fan zusammen mit der Band erlebt und die durchaus positiv ausfallen können. Bei einer Umfrage im Tokio-Hotel-Fanklub betonten viele Mädchen, dass ihnen ihre Leidenschaft für die (bei Teenagern umstrittene) Boygroup vor allem Selbstbewusstsein gegeben habe.

Autorin: Jennifer Dacqué

Stand: 25.07.2016, 16:18

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