Wie Computerspiele auf das Gehirn wirken

Computerspieler sitzen vor Bildschirmen.

Gamification

Wie Computerspiele auf das Gehirn wirken

Verrohung, Verdummung, schlechte Augen: An allem sollen Computerspiele schuld sein. Solchen Vorurteilen gingen Wissenschaftler nach – und entdeckten Erstaunliches.

Dass Computerspiele die Jugend verdürben, "das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten", sagte der Bundesinnenminister Thomas de Maizière nach dem Amoklauf von München. Solche Kritik ertönt oft, wenn sich ein Gewaltver-brecher als exzessiver Computerspieler erweist.

Doch das Problem sei nicht das Computerspiel, sondern das Exzessive, erklärte die Neurowissenschaftlerin Daphne Bavelier in einem Publikumsvortrag. Sie vergleicht Computerspiele mit Weintrinken: "Es gibt unschöne Verwendungen für Wein", sagte sie, "aber wenn man Wein in vernünftigem Maß konsumiert, kann er sehr gesund sein."

Computerspiel-Klischees auf dem Laborprüfstand

Daphne Bavelier hat Abschlüsse der angesehensten Elite-Unis und ist Professorin in der Schweiz und den USA. Fehlende Vernunft kann man so jemandem nur schwer unterstellen. In Experimenten hat sie gängige Klischees untersucht:

• Schaden Computerspiele der Sehkraft? Ergebnis: Menschen, die fünf bis 15 Stunden pro Woche mit Actionspielen verbringen, haben eine bessere Sehfähigkeit. Sie können kleine Details besser erkennen und mehr Graustufen unterscheiden als Nichtspieler. Ein klares Nein also.

• Stören Computerspiele die Konzentrationsfähigkeit? Dazu untersuchte Daphne Bavelier, wie gut die Probanden kognitive Widersprüche auflösen und wie gut sie bewegten Objekten folgen. Die Gamer schnitten dabei deutlich besser ab. Außerdem fand sie heraus: Gamer können schneller von einer Aufgabe zu einer anderen wechseln, und bei ihnen funktionieren auch die Gehirnregionen besser, die die Aufmerksamkeit steuern.

Gamer sitzen vor Bildschirmen.

Bei Gamern funktionieren die Gehirnregionen besser, die die Aufmerksamkeit steuern

Was die PISA-Studie über Computer-Klischees verrät

In Melbourne hat der Wirtschaftswissenschaftler Alberto Posso die Ergebnisse der PISA-Studie für 15-jährige australische Schüler mit deren Computerspielgewohnheiten abgeglichen: Danach hatten Computerspieler bessere Noten in Mathematik und Naturwissenschaften sowie ein höheres Leseverständnis.

Drei junge Menschen sind gemeinsam am Lernen.

Computerspieler haben bessere Noten in Mathematik und Naturwissenschaften

Alle diese Erkenntnisse beweisen zunächst: Computerspiele schaden wohl nicht. Sind sie aber auch nützlich? Diese Frage untersuchte die Neurowissenschaftlerin Simone Kühn am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Ihr Ergebnis: Das Spiel "Super Mario 3D" lässt die für räumliche Vorstellung, strategisches Planen und die Fingersteuerung zuständigen Gehirnregionen wachsen.

Ihr fiel auf, dass Spaß dabei eine Rolle spielt. Denn Probanden einer Vergleichsgruppe, die sie ein anderes, langweiliges Computerspiel spielen ließ, hatten damit keinen Spaß. Und ihre Gehirne zeigten auch keine Veränderungen. Hirnwachstum und Spielspaß hängen also miteinander zusammen. Unklar bleibt vorerst, was Ursache und was Wirkung ist.

In einem weiteren Experiment waren Simone Kühns Probanden mindestens 65 Jahre alt. Sie sollten die Korrektur von Fehlhandlungen, die sogenannte Inhibition trainieren.

Hier gelangen ihr mehrere Nachweise: Mit Computerspielen lassen sich nicht nur gezielt bestimmte Gehirnfunktionen trainieren. Aufgrund des reifen Alters der Teilnehmer steht auch fest, dass man den Abbauprozessen im Gehirn älterer Menschen entgegenwirken kann.

Und außerdem konnten ihre Probanden die Inhibition auch tatsächlich trainieren, "denn Inhibition galt bisher als untrainierbar", erklärt die Wissenschaftlerin mit einem leisen Anflug von Stolz in der Stimme.

Seniorin am Tablet.

Computerspiele verhindern Abbauprozess des Gehirns im Alter

Autor: Frank Drescher

Stand: 10.10.2016, 16:15

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