Brettspiele

Spielfeld Mensch ärgere dich nicht

Spiele und Spielzeug

Brettspiele

Kriegsspiel, Beschwörung, Kult – ursprünglich ging es am Brett nicht nur ums reine Vergnügen: Man befragte beim Spiel die Götter und das Orakel. Was wird die Zukunft bieten? Glück, Reichtum, Gesundheit oder Tod und Verdammnis? Wie sieht das Leben nach dem Tod aus? Die Ägypter meinten, beim Brettspiel etwas über das Schicksal der Seelen Verstorbener zu erfahren. Forscher vermuten, dass auch im antiken Griechenland und im alten Rom mit Hilfe in Mauern geritzter Spielfelder ein Blick in die Zukunft gewagt wurde.

Heiterer Zeitvertreib und magisches Orakel

Schach, Halma, Dame, Mühle und Backgammon: Die meisten der in der westlichen Welt bekannten klassischen Brettspiele sind orientalischer Herkunft. In Europa wurden sie erst im Hochmittelalter verbreitet, als Tausende Ritter von den Kreuzzügen aus dem Morgenland zurückgekehrt waren.

Zu den ältesten Spielen der Menschheit zählen das Gänsespiel, Mancala, Mühle und das indische Pachisi. In ihnen finden sich oft philosophische und religiöse Symbole. Sie erlangten in ihren Kulturen große Bedeutung – und sind der Ursprung vieler Spiele, die wir heute kennen.

Das Gänsespiel – Reise in die Ewigkeit

Bereits im Mittelalter spielten die Menschen das Gänsespiel, ein so genanntes Laufspiel, bei dem die Spieler ihre Figuren von Feld zu Feld ziehen. Seit dem 16. Jahrhundert ist das Gänsespiel das in Europa am meisten verbreitete Spiral-Laufspiel. Die Spirale, eines der ältesten Ewigkeits-Symbole, galt als Abbild der Unendlichkeit und Spiegelbild des Lebens.

Ein buntes Spielbrett: spiralförmig laufen die Spielfelder. Auf einigen sind gezeichnete Gänse. Das Zielfeld ist in der Mitte, größer als die anderen und mit einer 63 bezeichnet. Auf dem Feld ist ein Mädchen abgebildet, das zwei Gänse füttert.

Feld 63 ist das Ziel

Ein Spiegelbild des Lebens ist auch der Spielverlauf beim Gänsespiel: Der Spieler beginnt seinen Lauf am äußeren Rand der Spirale. Er würfelt und zieht seine Figur um die gewürfelte Augen-Zahl nach innen Richtung Ziel, dem Paradies.

Besonders schwierig: Das 63. und letzte Feld muss mit direktem Wurf erreicht werden. Darüber hinaus geworfene Punkte führen wieder zurück. Warum sind es aber gerade 63 Felder? Das 63. Lebensjahr galt früher als das gefährlichste. Jedes weitere, so glaubte man, war ein Geschenk Gottes.

Während des Spiels zählt allein das Schicksal, in Form von Ereignisfeldern: Die Spieler kommen durch glückliche Zufälle vorwärts, schreiten über Brücken oder finden Schutz in Herbergen. Kurz vor dem Ziel werden sie allerdings oft zurückgeworfen, durch Labyrinthe, Gefängnisse oder sogar Todesfallen.

Ein ständiges Vor und Zurück – genau wie im Leben. Beliebt war das Gänsespiel auch, weil es oft um Geld ging. Während des Spiels wurden Einsätze auf dem Spielfeld gesammelt, die der Gewinner behalten durfte.

Mancala – Eroberung der Bohnen

Eines der weltweit bekanntesten und beliebtesten Brettspiele ist Mancala, das je nach Region auch als Kalaha oder Bohnenspiel bekannt ist. Es wird fast in der gesamten islamischen Welt, in großen Teilen Afrikas und Asiens gespielt, ob im Wüstensand oder auf den Spielplätzen der großen Städte.

Ein Mancala-Spiel

Hier liegen die ovalen Gewinn-Mulden zwischen den Spiel-Mulden

Der Name stammt vom arabischen Wort "naqala", das "bewegen" oder "wegnehmen" heißt. Man fand über 3000 Jahre alte Mancala-Spielpläne eingemeißelt in der Cheops-Pyramide, in Theben, Luxor sowie in Asien an den Rastplätzen der großen Karawanen. Bei so einer großen Verbreitung wundert es nicht, dass es insgesamt mehr als 200 Varianten des Mancala-Spiels mit zum Teil verschiedenen Regeln gibt.

Gespielt wird zu zweit. Jeder Spieler erhält eine Reihe von sechs kleinen Mulden und eine Gewinn-Mulde. Die Mulden können in ein Brett geschnitzt sein, aus Schalen bestehen oder einfach in den Sand gedrückt werden – je nachdem, was gerade vorhanden ist.

Gespielt wird mit kleinen Perlen, Steinchen, Bohnen, Kieseln oder Saatkörnern. Diese werden gleichmäßig auf die Spiel-Mulden verteilt, je nach Variante drei bis sechs pro Mulde. Die Spieler nehmen nun abwechselnd die Steinchen aus einer beliebigen eigenen Mulde und verteilen sie entgegen dem Uhrzeigersinn auf die folgenden Mulden.

Ziel ist es möglichst viele Steinchen zu erobern. Das geht zum Beispiel, wenn beim Verteilen der Steinchen das letzte in eine eigene leere Mulde gelegt wird und sich in der gegenüberliegenden Mulde des Gegners ein oder mehrere Steinchen befinden. Diese werden "gefangen" und wandern in die eigene Gewinn-Mulde.

Mühle – Spielspaß weltweit

Ob in China, Troja, Ceylon, Ägypten oder Irland, ob bei römischen Legionären in Germanien, bei norwegischen Wikingern oder den Indianern in Amerika – fast überall fanden Forscher hölzerne Mühle-Spielbretter.

Vermutlich ist Mühle das am weitesten verbreitete Brettspiel überhaupt. Das Spiel gehört zur Familie der "Drei in einer Reihe"-Spiele, denkbar einfach sind die Regeln, man lernt es schnell – und doch erfordert das Spiel einige Geistesgegenwart.

Auf einer weißen Unterlage steht ein schwarzes Mühle-Spielbrett aus Elfenbein. Es ist mit 20 kugeligen Bernsteinfiguren in grau, schwarz und weiß belegt.

Mühle – eines der ältesten Spiele der Welt

Zunächst setzen die beiden Gegner abwechselnd ihre neun Spielsteine. Alle haben den gleichen Wert. Aber Schlagstärke erhält nur eine geschlossene Reihe aus drei Steinen. Wer schon beim Setzen eine solche Mühle aus drei benachbarten Steinen bilden kann, darf dem Gegner einen beliebigen Stein wegnehmen, allerdings nicht aus einer geschlossenen Mühle.

Gezogen wird immer nur um einen Schritt auf ein freies benachbartes Feld. Ziel des Spiels ist, den Gegner festzusetzen oder seine Steine auf zwei zu reduzieren.

Pachisi – Glück und Strategie

Das indische Spiel Pachisi ist mindestens 1500 Jahre alt und wird auf dem gesamten indischen Subkontinent von Menschen aller Klassen und Kasten gespielt. Es ist heute das meistgespielte Laufspiel der Welt und war Vorbild für "Mensch ärgere Dich nicht".

Der Spielplan ist kreuzförmig. Vom Zentrum des Kreuzes aus beginnen zwei oder vier Spieler ihre Reise, wandern über eine Mittelbahn nach außen und ziehen auf den Außenbahnen, wenn alles gut geht, wieder zurück zum Ausgangspunkt.

Wie weit man vorwärts schreiten darf, entscheiden sechs Würfel. Als bester Wurf gelten 25 Punkte. Daher hat das Spiel auch seinen Namen - denn Pachisi bedeutet auf indisch 25.

Kreuzförmiges Pachisi-Spielbrett aus Stoff. Auf dem Stoff sind quadratische Spielfelder in zwei Farben aufgedruckt.

Beim Pachisi ist das "Brett" oft aus Stoff

Spiele-Experten erkennen im Pachisi Elemente des hinduistischen Glaubens: Menschen ziehen von einem Zentrum aus in verschiedene Richtungen in die Welt hinaus, um schließlich wieder an ihrem Ursprungsort anzukommen.

Auf seiner Reise kann dem Spieler jedoch jederzeit ein Unglück geschehen – er wird geschlagen. Dann wird er wiedergeboren und beginnt die Reise seines Lebens erneut. Mit dem Erreichen des Ziels ist er im Paradies angelangt und muss nun nicht mehr wiedergeboren werden.

In den Innenhöfen der Paläste von Delhi, Allahabad und Agri hat man große Pachisi-Spielpläne aus Marmor gefunden, die den gesamten Boden bedeckten. Im 16. Jahrhundert spielten dort die Herrscher – und zwar mit lebenden Figuren: Sklavinnen in schwarzen, gelben und roten Saris mussten sich nach den Anweisungen der Spieler bewegen.

Autorin: Claudia Kracht

Stand: 27.10.2017, 13:00

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