Wikinger

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Wikinger

Sie waren die "Terroristen" des Mittelalters und versetzten vor über tausend Jahren ganz Europa in Angst und Schrecken: Die Wikinger. Blitzartig tauchten sie mit ihren wendigen Langschiffen an Küsten und Ufern auf. Bis an die Zähne bewaffnet eroberten sie Dörfer, plünderten Klöster, versklavten die Bewohner und brannten nieder, was sie nicht mitnehmen konnten. Wer waren diese furchterregenden Männer aus dem Norden, und wie lebten sie? Waren die Wikinger wirklich nur mordlüsterne Barbaren, die brennend und sengend die Kulturzentren Europas zerstörten?

Überfall auf Lindisfarne

Aquarell: Wikinger auf einem Eroberungszug.

Sie versetzten Europa in Angst

St. Cuthbert auf Lindisfarne, ein Inselkloster vor der englischen Küste an der Grenze zu Schottland. Es ist der Morgen des 8. Juni 793, als die Mönche im Morgengrauen seltsame Silhouetten über dem Meer wahrnehmen, die sich rasend schnell auf die flachen Sandstrände zubewegen. Langgestreckte Boote werden erkennbar, mit furchterregenden Drachen- und Schlangenköpfen am Bug - und heraus springen schwer bewaffnete Männer, die auf das Kloster zueilen. Es ist, als würden die Krieger direkt aus der Hölle kommen. Gnadenlos überfallen sie die Inselbewohner und töten und erschlagen alles, was sich bewegt. Sie plündern Kirche und Kloster, rauben Kreuze aus Gold und Edelsteinen, Becher, Kandelaber und wertvolle Manuskripte.

Alkuin, der berühmte englische Gelehrte am Hofe Karls des Großen, berichtet uns über den Überfall der Wikinger auf Lindisfarne: "Niemals zuvor brach ein solches Entsetzen über Britannien herein. Die Kirche des Heiligen Cuthbert ist besudelt mit dem Blut der Priester Gottes und all ihre Schätze wurden geraubt."

Der Überfall auf das Kloster St. Cuthbert auf Lindisfarne 793 ist der erste große Raubzug der Wikinger, der durch die Quellen sicher belegt ist. Doch das ist erst der Anfang. Tief ins europäische Binnenland erstrecken sich die Plünderungen der Wikinger in den folgenden drei Jahrhunderten. Wikinger aus Dänemark dringen nach Frankreich und ins südliche England vor. Aus Norwegen kommen Wikinger nach Irland, nach Island, nach Grönland und Nordengland - sogar bis zu den Färöern und den Shetlands dringen sie vor. Wikinger aus dem schwedischen Raum wenden sich in Richtung Osten, wo sie das verzweigte Flusssystem nutzen, um sich in Osteuropa fortzubewegen. Sie kommen nach Nowgorod und Kiew, sie gelangen ans schwarze Meer und sogar bis nach Konstantinopel (das heutige Istanbul).

Die Horden aus dem Norden

Wikingerhelm aus dem 7. Jahrhundert.

Gefürchtete Krieger

"Wikinger" - das ist der Name, den die überfallenen Menschen den gespenstischen und gefürchteten Kriegern gaben. Die Mittel- und Südeuropäer empfanden die wie aus dem Nichts auftauchenden Horden aus dem Norden als schreckliche Heimsuchung. Doch die Wikinger waren kein einheitliches Volk, keine ethnische Gruppe. Die Bezeichnung "Wikinger" ist ein Schmelztiegel für verschiedene Völker aus dem Norden, die vom neunten Jahrhundert an plötzlich auf dem europäischen Kontinent in Erscheinung traten. Den Menschen in Mitteleuropa war damals gleichgültig, wer sie da genau überfiel. Für sie waren die weit übers Meer gereisten "Barbaren" alle unterschiedslos schrecklich, eben alles "Wikinger". Die Wikinger waren in Skandinavien beheimatet, sie stammten aus Norwegen, Dänemark und Schweden und fanden sich zu losen Gefolgschaften zusammen, um in Mittel- und Südeuropa Beute zu machen, Siedlungsräume zu finden und schnell reich zu werden.

Was bedeutet der Name "Wikinger"?

Schulwandbild: Eroberungszüge der Normannen mit Schiffen.

Wikinger auf Beutezug

Die Namensbedeutung wird heute kontrovers diskutiert. Der Begriff "Wikinger" leitet sich womöglich von dem altnordischen Verb "víkingr" ab (Rauben, Plündern, auf Beutezug sein). Oder auch vom lateinischen Wort "vicus", damit sind die fahrenden Männer gemeint, die auf dem Schiff von Ort zu Ort, von Hafen zu Hafen gelangen. Das Wort Wikinger bezeichnet also keine ethnische Zugehörigkeit, es ist vielmehr eine Zustandsbestimmung: Ein Wikinger ist ein Skandinavier, der sich auf Beutefahrt befindet. Wikinger haben auch zahlreiche andere Namen. Die Normandie, eine französische Region, leitet sich von den "Nordmännern" ab - genauso wie die Bezeichnung "Normannen". Finnen und Slawen nannten die schwedischen Wikinger dagegen "Waräger" oder "Rus", woraus das Wort Russland entstand. Ab dem Jahr 750 siedelten sie auf dem Gebiet des späteren Russland, Weißrussland und der Ukraine.

Mitteleuropa - das gelobte Land

Ansporn für die Wikinger, damals so beschwerliche und gefährliche Reisen zu unternehmen und Europa an allen Ecken und Enden zu überfallen, war die Schaffung und Sicherung besserer Lebensverhältnisse. Die Skandinavier lebten als ärmliche Bauern und Siedler, die hart ums Überleben kämpften. Wichtige Wikingerniederlassungen waren Grönland und Island. Dorthin gelangten über 10.000 Menschen aus Norwegen, weil Überbevölkerung sie zum Auswandern zwang. Handel treibende Wikinger waren für die Skandinavier die wichtigste Informationsquelle. Und von den Händlern hörte man sagenhafte Geschichten über schlecht bewachte Reichtümer im fremden Mitteleuropa, derer man sich mühelos bemächtigen könne. Solche Verheißungen reizten die mobilen Männer aus dem Norden, sie rüsteten Schiffe aus, bildeten lockere Fahrgemeinschaften und begaben sich auf Beutefahrt. Gleich die ersten Beutezüge waren so erfolgreich, dass die Wikinger von nun an regelmäßig vor Europas Küsten erschienen.

Handel treibende Wikinger

Goldschmuck aus der Wikingerzeit.

Edelmetalle als Waren

Wikinger waren in Mitteleuropa aber nicht nur mit kriegerischen Absichten unterwegs, sondern sie waren auch Händler, die in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus Küstengebiete und Inseln Europas anliefen, teilweise kolonialisierten und in Europa und im Orient ein dichtes Handelsnetz errichteten. Diese fahrenden Händler wollten nicht Beute machen, sondern Geschäfte. Die Händler der Wikinger tauschten Güter wie Honig, Wachs, Bernstein, Felle, Tierhäute und Waffen gegen Edelmetalle, Silber, Seide, Brokat, Gewürze, Helme und Rüstungen. Ein besonders wichtiger Handelszweig waren Sklaven, die bis in den vorderen Orient verkauft wurden. Sklaven nahmen die Wikinger oft und reichlich auf ihren zahlreichen Beutezügen gefangen.

Ende der Wikingerzeit

Reste einer ehemaligen Wikingersiedlung bei Menzlin (Ostvorpommern).

Im 11. Jahrhundert endete die Zeit der Wikinger

Die Wikingerzeit endete mit dem elften Jahrhundert. Norwegen, Dänemark und Schweden wurden große Königreiche, die Nordmänner begannen sesshaft zu werden. Auch die Missionierung der Skandinavier, die Hinwendung zum christlichen Glauben, führte zu einer grundlegenden Befriedung der einstigen Krieger. Gleichzeitig veränderte sich die europäische Welt, die Wikinger verloren ihr Monopol und ihre militärische Überlegenheit im Schiffsbau.Die Wikinger haben die mitteleuropäische Ordnung spürbar beeinflusst. Im Jahr 911 erhielt der dänische Wikingerführer Rollo die französische Normandie als Lehen vom französischen König. Zwar verlor der König dadurch Land an die Skandinavier, dafür stellten diese aber die Verwüstungen und Plünderungen rund um Paris ein. Eine weitere Abmachung beinhaltete außerdem den Schutz Frankreichs vor künftigen Wikingerüberfällen durch den skandinavischen Vorposten in der Normandie. Die Normannen assimilierten sich schnell. Das heißt, sie nahmen die französische Sprache und französische Bräuche an, sie fügten sich geschmeidig in die französische Kultur ein. Der normannische Herzog Wilhelm der Eroberer startete 1066 seine berühmte Expedition gegen England: In der Schlacht bei Hastings gelang ihm die Eroberung der britischen Insel. Selbst Süditalien und Sizilien nahmen die Normannen damals in Besitz.

Autor/in: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 24.09.2012, 13:00

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