Faire Kleidung – was können wir dafür tun?

Eine Frau näht an einer Jeans in dem Slum Shastri Park in Delhi, Indien

Fairer Handel

Faire Kleidung – was können wir dafür tun?

Die meisten von uns kaufen keine oder nur wenig faire Kleidung – obwohl wir es eigentlich besser wissen. Wir kennen die schlechten Arbeitsbedingungen in den asiatischen Fabriken und tragen diese Kleidung trotzdem. Weil wir Meister im Verdrängen sind. Wie geht es besser?


Hoher Arbeitsdruck: keine Zeit für Toilettenpausen

Damit wir in Deutschland billige T-Shirts, Hosen und andere Kleidung kaufen können, müssen in den Produktionsländern häufig Menschen unter schlechten Arbeitsbedingungen schuften. Die meiste Kleidung, die in Deutschland über den Ladentisch geht, wird in Asien hergestellt: größtenteils in China und Bangladesch.

"Es ist weit verbreitet, dass Arbeiter nur wenig trinken, damit sie nicht zur Toilette gehen müssen. Denn das würde Zeit kosten“, sagt Maik Pflaum von den Christlichen Initiative Romero, eine der Trägerorganisationen, die sich in der "Kampagne für Saubere Kleidung" zusammengeschlossen haben.

In vielen Betrieben gibt es laut Pflaum Bonussysteme, die den Arbeitsdruck erhöhen: Wird das Produktionsziel mehrere Tage hintereinander erfüllt, wird ein Bonus gezahlt. "Der ist oft lächerlich niedrig. Aber wenn man wenig verdient, ist man darauf angewiesen", sagt Pflaum.

Ein Großteil der weltweit rund 60 Millionen Beschäftigten in der Textilindustrie arbeitet in Entwicklungsländern. "Sie bräuchten eigentlich drei bis vier Mindestlöhne, um den Grundbedarf ihrer Familien zu decken", so Pflaum.

Deswegen machten viele Arbeiter Überstunden, arbeiteten bis zu 16 Stunden am Tag – und das teilweise an allen sieben Tagen der Woche. Ihr Lohn würde sonst nicht ausreichen, um Miete, Essen und den Schulbesuch der Kinder zu bezahlen. Gewerkschaften sind in diesem System nicht gern gesehen.

Arbeiterinnen mit Mundschutz in einer Textilfabrik in Bangladesch

Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Bangladesch

Der Westen profitiert vom Leid der Arbeiter

Nicht nur der Lohn ist in der Textilindustrie sehr niedrig, sondern auch die Arbeitsbedingungen sind extrem schlecht: Tausende Feldarbeiter erkranken etwa jährlich, weil im Baumwollanbau Pestizide genutzt werden.

Das Gift soll eigentlich Schädlinge bekämpfen, schadet aber auch den Augen, der Haut und den Atemwegen der Arbeiter. Auch Arbeiter, die per Sandstrahltechnik Jeanshosen einen "used look" verpassen müssen, tragen ein erhöhtes Risiko, an einer Staublunge zu erkranken.

Zudem sparen viele Unternehmen am Bau ihrer Fabriken: So können die Gebäude etwa Statikprobleme aufweisen, wenn Etagen ohne Genehmigung gebaut und minderwertige Baustoffe verarbeitet worden sind. Der Feueralarm funktioniert vielerorts nicht und die Notausgänge sind selten feuersicher.

In der Vergangenheit sorgten solche Probleme bereits zu schweren Unfällen mit zahlreichen Toten: Im April 2013 stürzte in Bangladesch zum Beispiel die Textilfabrik Rana Plaza ein. Mehr als 1000 Menschen starben.

Maik Pflaum kritisiert: "Die großen Bekleidungsunternehmen nehmen es sehenden Auges hin, dass Menschen und Arbeitsrechte verletzt werden. Sie wollen den maximalen Gewinn rausholen."

Viele Menschen sind um die eingestürzte Textilfabrik Rana Plaza versammelt

Die eingestürzte Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch

Kleine Labels achten oft auf faire Kleidung

Es gibt aber auch Lichtblicke: "Gerade kleinen Labels mit jungen Leuten ist faire Kleidung wichtig. Man merkt, jüngere Designer haben das im Blick“, sagt Maik Pflaum.

So ein junges Label sitzt zum Beispiel in Bochum: Native Souls. "Wenn ich Billigsachen aus Sweatshops kaufen würde, könnte ich es viel billiger haben", sagt Geschäftsinhaber Daniel Schmitz. Mit Sweatshops meint er Ausbeutungsbetriebe in der Textilindustrie.

Trotzdem entschieden er und seine Frau Rebecca Kerckhoff sich für den, wie Schmitz sagt, teureren Weg: Sie eröffneten zwei Fair-Trade-Geschäfte und ein Label. "Wir sind stolz darauf, dass wir es anders machen." Anders heißt in ihrem Fall: organisch und fair. Jedes Kleidungsstück von Native Souls ist mit dem Siegel "Global Organic Textile Standard" (GOTS) zertifiziert.

An einem Faden hängen zwei Schildchen: GOTS und fair produziert

Kleidung mit dem GOTS-Siegel wurde fair hergestellt

Auf der Hochzeitsreise kam die Idee

Beide Gründer von Native Souls kommen ursprünglich aus dem Einzelhandel; Kerckhoff arbeitete bei einer großen Kleidungskette. Das Paar begann sich erst auf ihrer Hochzeitsreise 2008 nach Borneo für organische und faire Mode zu interessieren:

"Da haben wir zum ersten Mal gemerkt, dass etwas falsch läuft. Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Level, auf dem wir hier leben, und dem Level, auf dem andere leben. Wir haben gesehen, was es für andere bedeutet, dass wir unser Level halten können."

Das Ehepaar gründete 2015 ein Label. Auf der GOTS-Homepage haben sie dazu nach zertifizierten Kleidungsproduzenten gesucht. Sie entschieden sich schließlich für einen Hersterller in Sri Lanka, nachdem sie selbst hingeflogen waren, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Gibt es Fluchtwege, Trinkwasser und Toiletten? Was ist mit Pausenräume, in denen sich die Arbeiter ausruhen können?

Die beiden besuchten auch nichtzertifizierte Betriebe, um besser vergleichen zu können. Seitdem fliegen sie alle vier bis fünf Monate nach Sri Lanka, um sicherzugehen, dass die Bedingungen nach wie vor fair sind. Und sie sind mit ihrer Wahl zufrieden: "Das war ein Glückstreffer."

Daniel Schmitz steht vor einem Kleidungsregal

Daniel Schmitz von Native Souls

Siegel für faire Kleidung

Native Souls ist GOTS-zertifiziert. Das ist eines von mehreren Siegeln, das Konsumenten Aufschluss über Produktionsweisen von Kleidung gibt.

Das Textilsiegel Global Organic Textile Standard (GOTS) sichert vor allem ökologische Standards wie die Einhaltung von Umweltkriterien. Außerdem müssen soziale Kriterien erfüllt werden.

Grundlage für diese sind die Kernnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Diese umfassen unter anderem sichere und hygienische Arbeitsbedingungen, Vereinigungsfreiheit und das Verbot von Kinderarbeit.

Das Siegel Fairtrade certified cotton garantiert ebenfalls faire Arbeitsbedingungen und fördert den Umstieg auf biologischen Anbau. Das Siegel überprüft aber nur faire Arbeitsbedingungen in der Baumwollproduktion.

Die Non-Profit-Organisation Fair Wear Foundation prüft Unternehmen, statt Kleidung zu zertifizieren. Mitgliedsunternehmen müssen innerhalb von drei Jahren ihre Produktionsbedingungen sozialer gestalten.

Fairtrade-Siegel an schwarzem T-Shirt

Das Fairtrade-Siegel zertifiziert faire Baumwoll-Kleidung

Wir sind "Künstler im Verdrängen"

Faire Kleidung ist also eigentlich recht einfach zu erkennen. Warum kaufen viele dann lieber konventionelle und potenziell unfaire? Weil der Mensch ein "Künstler im Verdrängen" sei, sagt Maik Pflaum.

Viele Kunden würden sich damit rausreden, dass sie nichts dafür könnten, sie hätten selber nicht viel Geld. Dabei sei fair gehandelte Kleidung mittlerweile "nicht teurer als vergleichbare Markenkleidung", so Daniel Schmitz von Native Souls.

Als Alternative zur unfairen Mode könnten Kunden auch Second Hand-Ware kaufen, so Pflaum. Auch im Internet kann man sich über faire Bekleidungsgeschäfte informieren. Die Webseite gruenemode.com etwa sammelt Positivbeispiele. Auch die Seiten korrekte-klamotten.de und getchanged.net informieren zum Thema.

"Es ist eigentlich ekelhaft, dass es Fair-Trade-Läden gibt", sagt Daniel Schmitz. "In einer idealen Welt dürfte es solche Läden nicht geben. Da müsste Fair Trade normal sein."

Kleidung in einem Geschäft, daneben ein Schild mit Rabattaktionen

Viele Menschen kaufen lieber konventionelle Kleidung

Autorin: Lisa Tüch

Stand: 16.10.2017, 10:59

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