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Wer sich bei einer Bank Geld leiht, muss Zinsen zahlen. Wer anderen einen Kredit gewährt, bekommt Zinsen. Dieses Prinzip ist so selbstverständlich, dass bislang kaum jemand auf die Idee gekommen ist, es infrage zu stellen. Durch die Finanzkrise und die drückende Last der Staatsschulden hat sich der Blick auf Zins und Zinseszins jedoch verändert.

Darum geht's:

  • Bis heute gibt es keine überzeugende Zinstheorie.
  • Der Zins setzt sich aus vier Komponenten zusammen.
  • Materielle Ungleichheit wird durch Zinsen verschärft.
  • Alternativen zum Zinsprinzip finden kaum Beachtung.

Die Aufgabe des Zinses

Man glaubt es kaum, aber der Zins gehört zu den schwierigsten und umstrittensten Gebieten der Volkswirtschaft. Immer wieder haben sich die Ökonomen an einer überzeugenden Zinstheorie versucht, bis heute ohne Ergebnis. Die herrschende Meinung in den Wirtschaftswissenschaften besagt, dass der Zins notwendig ist und eine positive Wirkung auf die Wirtschaft hat.

So soll er zum einen bewirken, dass das Geld zu jenen Unternehmen und Menschen gelangt, die aus dem Geld das Beste machen, also die Gesellschaft mit ihren Gütern und Dienstleistungen voranbringen. Zum anderen soll der Zins verhindern, dass Geld in unsinnige Investitionsprojekte fehlgeleitet wird. Allerdings gibt es dafür keine empirischen Beweise.

Münzstapel mit absteigender Höhe balancieren Würfel, die das Wort "Zinsen" bilden.

Wer Geld leiht, muss Zinsen bezahlen

Woraus der Zins besteht

Der Zins setzt sich aus vier Komponenten zusammen. Zum einem enthält der Zins die Bearbeitungsgebühr. Dazu kommt die sogenannte Liquiditätsprämie. Die Banken erheben sie, weil sie ein Prozent der Kreditsumme mit Zentralbankgeld absichern müssen.

Dieses Geld müssen sie sich bei der Zentralbank leihen, die selbst Zinsen erhebt. Diese Kosten geben die Banken, mit einem Aufschlag versehen, an den Kreditnehmer weiter.

Der dritte Bestandteil des Zinses ist die Risikoprämie, mit der sich die Bank gegen den Untergang des Schuldners absichert. Dann kommt als viertes die Inflationsprämie dazu. Sie bemisst sich aus der erwarteten jährlichen Inflationsrate.

Alle vier Bestandteile zusammen bilden den sogenannten Nominalzins. Zieht man die Inflationsprämie ab, sprechen die Fachleute vom Realzins.

Die vier Zinsbestandteile fallen unterschiedlich hoch aus und können von Kredit zu Kredit schwanken. Beispielsweise muss der deutsche Staat einen niedrigeren Zinssatz zahlen, wenn er einen Kredit aufnimmt, als der griechische Staat, weil die Risikoprämie geringer ausfällt.

Ein niedrigerer Leitzins bei der Europäischen Zentralbank kann Kredite ebenfalls billiger machen, weil die Liquiditätsprämie sinkt. Allerdings sind die Banken nicht verpflichtet, einen niedrigen Zentralbankzins an ihre Kunden weiterzugeben.

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Wie der Zins die materielle Ungleichheit verschärft

Zinsen folgen der Exponentialfunktion. Das bedeutet, dass große Vermögen stärker wachsen als kleine, genauso wie große Schulden. Geht man davon aus, dass ein Geldvermögen mit 3,5 Prozent verzinst wird, hat es sich dank der Exponentialfunktion in 20 Jahren verdoppelt.

Bei einem Vermögen von 10.000 Euro ergeben sich demnach 20.000 Euro. Bei einem Vermögen von einer Million, zwei Millionen. Beträgt der Zinssatz sieben Prozent, verdoppelt sich das Vermögen bereits in zehn Jahren.

Gleichzeitig müssen alle Menschen Zinsen zahlen. Das gilt auch dann, wenn sie keinen Kredit aufgenommen haben. Der Grund: Die Warenproduzenten und Dienstleister rechnen die Zinsen, die auf ihren Krediten liegen, in die Preise ein.

So enthält der Preis für Trink- und Abwasser durchschnittlich 15 Prozent Zinskosten, bei den Mieten liegt der Zinsanteil oft sogar bei mehr als der Hälfte. Im Durchschnitt gibt jeder Bundesbürger etwa 30 Prozent für versteckte Zinsen aus.

Rechnet man die versteckten Zinsen gegen die Zinseinnahmen aus Vermögen und Lebensversicherungen auf, ergibt sich ein verblüffendes Bild: Unter dem Strich steht für die meisten Menschen nämlich ein Minus.

Etwa 80 Prozent der Bevölkerung zahlen mehr versteckte Zinsen, als sie für ihr Erspartes bekommen. Bei etwa zehn Prozent halten sich Einnahmen und Ausgaben die Waage.

Lediglich diejenigen mit den großen Vermögen profitieren vom Zinsprinzip: Etwa 60 Prozent aller Zinszahlungen landen bei ihnen. Es liegt also auch am Zinsprinzip, dass die Superreichen immer reicher werden und die Menschen in vielen Gesellschaften materiell immer weiter auseinanderdriften.

Auch für die Verteilung von Armut und Reichtum zwischen Staaten ist das Zinsprinzip mitverantwortlich. In den 1970er Jahren haben viele Entwicklungs- und Schwellenländer die Erfahrung gemacht, dass sie ärmer statt reicher wurden, obwohl ihre Wirtschaftsleistung oft um bis zu 20 Prozent wuchs.

Das Problem: Sie hatten die Investitionen mit Krediten finanziert und die Zinsbelastungen überschritten die gesamte Wirtschaftsleistung bei Weitem.

Auch die europäischen Krisenstaaten ächzen derzeit unter der Zinslast. Selbst in Deutschland wird ihre Tilgung zum Problem, denn die Zinsen können nur durch zusätzliches Wachstum erwirtschaftet werden. Das liegt jedoch weit unter den Zinsraten.

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Alternativen zum Zinsmodell

Die meisten Menschen haben sich derart an das Zinsprinzip gewöhnt, dass sie es fast für naturgegeben halten. Tatsächlich gibt es erstaunlich viele Alternativen zum Zinsprinzip. Eine ist die schweizerische WIR-Bank, die Unternehmen mit nahezu zinsfreien Krediten versorgt.

Eine andere Variante ist das Schwundgeld des belgischen Ökonomen Silvio Gesell, dem ein Negativzins zugrunde liegt. Das heißt, dass das Geld stetig an Wert verliert. Die meisten Regionalwährungen funktionierten nach diesem Prinzip. Auch beim Islamic Banking gibt keine Zinsen. Dort werden die Sparer am Gewinn der Bank beteiligt.

Dass die Debatte um die Zinsen eher verhalten geführt wird, hat historische Gründe. Die Nationalsozialisten nahmen die "Brechung der Zinsknechtschaft" in ihre Programme auf.

Umgesetzt wurde die Forderung nie, aber sie bediente und schürte antisemitische Vorurteile, weil viele Banken in jüdischem Besitz waren. Heutige Zinskritiker laufen daher schnell Gefahr, als antisemitisch zu gelten.

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Autorin: Beate Krol

Stand: 12.07.2017, 14:05

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