Atatürk - Vater der Türken

Anatolien

Atatürk - Vater der Türken

Wer heute in die Türkei kommt, sieht ihn ständig - auf Plakaten und Bildern in den Amtsstuben, als Denkmal auf zahlreichen Plätzen der Republik. Mustafa Kemal, genannt Atatürk, ist ein Wahrzeichen der Türkei geworden. Sein Todestag wird noch heute als Atatürk-Gedenktag begangen, die Grundlinien seiner Politik bestimmen nach wie vor das politische Leben in der Türkei.

Kindheit und Jugend

Zwischen zwei türkischen Fahnen hängt ein Porträt von Atatürk.

Symbolfigur Atatürk

Als Mustafa Kemal 1881 geboren wird, ist das Osmanische Reich schon im Zerfall begriffen. Seit Jahrzehnten hat das Reich, das sich einst von Wien bis ins Innere Afrikas erstreckte, große Gebietsverluste zu beklagen. Noch gehört Saloniki, die Stadt in der Mustafa Kemal geboren wird, zum Reich. Mustafa ist das vierte Kind der Eheleute Ali Rıza Bey und Zübeyde Hanım, das erste, das überlebt. Sein Vater ermöglicht ihm, eine private Schule zu besuchen, die nach westlichem Vorbild lehrt.

Nach dem frühen Tod des Vaters aber wechselt Mustafa Kemal häufig die Schulen, bis er sich schließlich im Alter von zwölf Jahren an einer Militärschule bewirbt. Mit Erfolg. Vier Jahre wird er dort verbringen, weitere drei Jahre an der Militärakademie von Konstantinopel. Mustafa Kemal lernt Französisch, interessiert sich für die Französische Revolution und orientiert sich wie andere Offiziersanwärter jener Zeit zunehmend an europäischen Idealen. An den Militärschulen schließt Mustafa Kemal zum ersten Mal in seinem Leben Freundschaften, die ihn lange in seinem Leben begleiten werden.

1905 verlässt er die Militärakademie als Fünftbester. Kurz bevor er in den Dienst entlassen wird, werden er und seine Freunde wegen ihrer kritischen Einstellungen gegenüber der Regierung denunziert und verhaftet. Nach mehreren Monaten im Gefängnis wird er an einen fernen Dienstort, nach Damaskus geschickt.

Der Aufstieg

Schwarzweiß-Foto von Mustafa Kemal als Offizier im Jahr 1911. Er hat eine Uniform an, einen Helm auf dem Kopf und einen Stock in der rechten Hand.

Offizier Mustafa Kemal

Mustafa Kemal ist ein selbstbewusster junger Mann, als er seine Karriere beginnt. Dass er eine machen würde, hat er schon früh geäußert. Schon Ende der 1880er Jahre hatte sich unter dem Namen "Komitee für Einheit und Fortschritt" eine Oppositionsbewegung gegen Sultan Abdülhamid II. gebildet, die im Ausland als Jungtürken bekannt wird. Die Jungtürken kommen wie Mustafa Kemal vor allem aus den Reihen der Militärschulen. 1906 schließt sich der junge Offizier der Oppositionsbewegung an. 1908 zwingen die Jungtürken Sultan Abdülhamid II., die alte reformorientierte Verfassung von 1876 wieder in Kraft zu setzen. Bald darauf übernehmen sie selbst die Regierung.

Es ist der Vorabend des Ersten Weltkrieges. Überall an den Rändern des Reiches finden kriegerische Auseinandersetzungen statt. Bei den Jungtürken dominiert die Gruppe, die eine Türkisierung und eine Loslösung des Landes von der Religion fordert. Doch mit ihren nationalen Bestrebungen sind sie nicht allein - auch andere Völker des Osmanischen Reiches begehren auf. Auf dem Balkan verliert das Reich seine Gebiete. Die Armenier müssen ihre Unabhängigkeitsbewegung in den Jahren 1915 und 1916 teuer bezahlen. Hundertausende von ihnen fallen den damaligen Deportationen zum Opfer. Die Schätzungen reichen heute von 200.000 bis zu 1,5 Millionen Toten.

Inzwischen kämpft das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Mustafa Kemal erringt seinen ersten großen militärischen Erfolg bei der Verteidigung der Dardanellen gegen die Entente-Mächte (Frankreich, Großbritannien und Russland). Belohnt wird er mit dem Titel des Oberst und des Pascha und damit, dass sein Name weltweit bekannt wird. Den Krieg an der Seite der Deutschen hat er allerdings nie befürwortet.

Auf dem Weg zur Republik

Das Schwarzweiß-Foto aus dem Jahr 1921/22 zeigt Atatürk, umgeben von Offizieren aus seinem Stab. Alle tragen warme Jacken oder Mäntel und eine Pelzmütze.

Kemal Atatürk mit seinem Stab 1921/22

Am 31. Oktober 1918 endet der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Türkei. Zwei Jahre später wird das Land unter den Siegermächten Großbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland aufgeteilt, so dass der Türkei nur noch ein Restgebiet um Ankara in Zentralanatolien bleibt. Der Zugang zum Mittelmeer ist dem Land damit genommen und Istanbul wird unter internationale Vormundschaft gestellt.

1919 schickt der Sultan des Osmanischen Reiches auf Druck der Engländer Mustafa Kemal Pascha ans Schwarze Meer, um von dort aus die wachsenden Unruhen in Zentralanatolien unter Kontrolle zu bringen. Doch stattdessen setzt sich dieser an die Spitze einer neuen Widerstandsbewegung. Im April 1920 ruft sie in Ankara die "Große Türkische Nationalversammlung" aus. Präsident der Nationalversammlung wird Mustafa Kemal, der gleichzeitig den Vorsitz der Nationalen Regierung innehat.

Zur gleichen Zeit erlangen die Türken militärische Erfolge gegen die Franzosen, die Italiener und die Armenier. Schrittweise erobern sie sich ihr Land zurück. Die letzten Kämpfe finden gegen die Griechen statt, die die Kapitulation dazu genutzt haben, im Westen des Landes wieder Fuß zu fassen. Bei Inönü gewinnt die Nordarmee eine entscheidende Schlacht gegen sie.

Ein Jahr später hat der zähe Widerstand Erfolg: Die Sieger des Ersten Weltkrieges erkennen die Türkei in den Grenzen von heute an. Der Vertrag von Lausanne legt 1923 fest, dass die 1,5 Millionen Griechen, die seit Generationen in der Türkei leben, nach Griechenland umsiedeln müssen. Umgekehrt müssen die etwa 500.000 Türken, die in Griechenland leben, in die Türkei auswandern. Am 29. Oktober 1923 wird die türkische Republik ausgerufen. Das Sultanat ist abgeschafft.

Die Reformen

"Wie erhaben ist es, zu sagen: Ich bin ein Türke!" Dieser Leitspruch steht noch heute über dem Land. Geprägt hat ihn Mustafa Kemal. Nach der Trennung von Religion und Politik wird das Türkentum zum wichtigsten Identifikationsfaktor der neuen Republik. Der Bruch mit der osmanischen Vergangenheit wird durch einen radikalen Nationalismus vertieft - jeder soll sich als Türke verstehen, gleich ob Türke, Armenier oder Kurde und unabhängig von der Religion, der er sich zugehörig fühlt. Ab sofort bestimmt nicht mehr die Religion die Politik, sondern die Regierung kontrolliert die religiösen Angelegenheiten.

Mustafa Kemal, in Hut und Anzug gekleidet, sitzt als Beifahrer im Sozius eines Motorrades - im Hintergrund stehen Frauen, die in der typischen Mode der 20er Jahre gekleidet sind.

Unterwegs zu einem modernen Staat

Mustafa Kemal setzt zahlreiche weitere Reformen durch, die das Leben in der Türkei radikal verändern. Er führt die europäische Gesetzgebung und den gregorianischen Kalender ein, das lateinische Alphabet und Türkisch als Amtssprache. Der Fes als Kopfbedeckung für die Männer wird verboten, nur noch die Oberhäupter der anerkannten Religionsgemeinschaften dürfen in religiösen Gewändern auftreten. Mustafa Kemal führt die Einehe ein, 1934 erhalten die Frauen das aktive und passive Wahlrecht. Im selben Jahr werden Familiennamen eingeführt und Mustafa Kemal erhält den Nachnamen "Atatürk", was so viel bedeutet wie "Vater der Türken". Schon zu Lebzeiten wird Atatürk von den meisten Türken verehrt, mit seinen Gegnern allerdings geht er schonungslos um.

1938 stirbt Mustafa Kemal Atatürk an den Folgen einer Leberzirrhose. Während seiner Amtszeit hat sich die Analphabetenrate halbiert und das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelt. Er hinterlässt einen modernen türkischen Staat, aber seine autoritäre Staatsführung lässt noch keine demokratischen Neuerungen zu.

Autor/in: Sine Maier-Bode

Stand: 19.03.2014, 12:00

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