Bonn

Nordrhein-Westfalen

Bonn

Zwei entscheidende Wendepunkte verhalfen der kleinen Stadt am Rhein zu einer einzigartigen Geschichte: 1949 wurde Bonn überraschend zur vorläufigen Hauptstadt gewählt, 1991 beschloss die Regierung zum Entsetzen der Bonner den Umzug nach Berlin. Planet Wissen zeichnet Bonns Hauptstadt-Geschichte nach.

Ein Provinzstädtchen wird Hauptstadt

Das Foto zeigt die Villa Hammerschmidt. Vor dem prächtigen weißen Villengebäude ist ein Ziergarten angelegt, in dessen Mitte ein runder Springbrunnen steht. Auf dem Gebäude weht die Deutschland-Fahne.

Villa Hammerschmidt

Frankfurt oder Bonn? Das war 1949 die Frage, als nach dem Zweiten Weltkrieg eine provisorische deutsche Hauptstadt gesucht wurde - ein Platzhalter, in dem nur so lange regiert werden sollte, bis sich die politische Lage im besetzten Deutschland verändert hätte und Berlin wieder Hauptstadt werden könnte. Frankfurt, das sich schon seit jeher als heimliche Hauptstadt fühlte und mit seiner Infrastruktur sowie der günstigen Lage am Schnittpunkt der westlichen Besatzungszonen punkten konnte, galt als Favorit. Allerdings befürchteten viele, was Berlins erster Regierender Bürgermeister Ernst Reuter aussprach: "Wenn Frankfurt Hauptstadt wird, wird es Berlin nie wieder".

Das Foto zeigt eine Schwarzweiß-Aufnahme von Konrad Adenauer aus dem Jahr 1949. Er blickt ohne zu lächeln im Halbprofil in die Kamera.

Adenauer kämpfte für die Hauptstadt Bonn

Solche Ängste schürte die damals 100.000 Einwohner zählende Kleinstadt Bonn nicht - im Gegenteil: Gerade ihre Bescheidenheit sprach nach dem Größenwahnsinn der Nationalsozialisten für sie. Entscheidender war aber wohl die Tatsache, dass sich Bonn schon 1948 als Sitz des Parlamentarischen Rates bewährt hatte.

Dass der Bundestag Bonn am 3. November 1949 mit 200 gegen 176 Stimmen zur vorläufigen Hauptstadt wählte, hatte die Stadt vor allem ihrem Fürsprecher Konrad Adenauer zu verdanken. Immer wieder musste er sich gegen den Vorwurf wehren, er habe sich für Bonn stark gemacht, weil es nahe bei seinem Wohnort Rhöndorf lag. Die Bonner jedenfalls freuten sich riesig über die Wahl - zumindest berichtet die Stadtgeschichte, dass sie das große Ereignis ziemlich feucht-fröhlich gefeiert hätten.

Regierungszeiten - die Welt blickt nach Bonn

Das Foto zeigt das Bonner Abgeordnetenhochhaus 'Langer Eugen', ein nüchternes graues Bürohochhaus, vor blauem Himmel. Links und rechts sind niedrige, moderne Bauten zu sehen, davor ein Stück Wiese mit akkurat gepflanzten Bäumchen.

Der "Lange Eugen" war Bonns Wahrzeichen

"Bonn ist halb so groß wie der Zentralfriedhof von Chicago, aber doppelt so tot", lästerte der amerikanische Schriftsteller John le Carré über die neue deutsche Hauptstadt. Und auch im Inland wurde das "Bundesdorf" lange Zeit belächelt und verspottet. Ungeachtet dessen wurde die Stadt als Regierungssitz ausgebaut: Nach dem Auswärtigen Amt, dem Bundespostministerium oder dem Bundespresseamt entstand 1969 der so genannte "Lange Eugen" - das 29 Stockwerke hohe Abgeordnetenhochhaus, das damals Bonns höchstes Gebäude war und zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Neben diesen eher funktionalen neuen Gebäuden nutzte die Regierung aber auch die vorhandenen Prachtbauten wie die Villa Hammerschmidt, die noch heute zweiter Amtssitz des Bundespräsidenten ist, oder das Palais Schaumburg als Sitz des Bundeskanzlers.

Bei den Bonnern sorgten vor allem die anfangs noch ungewohnten Staatsbesuche für Aufsehen: von der iranischen Kaiserin Soraya (1955) über Präsident John F. Kennedy (1963) oder dem spanischen Königspaar Juan Carlos und Sofia (1977) bis hin zum französischen Präsidenten François Mitterand (1987). Wenn die Politprominenz zum Eintrag ins Goldene Buch im Alten Rathaus gebeten wurde, war der Marktplatz regelmäßig voller jubelnder Menschen.

Das Schwarzweiß-Bild zeigt Leonid Breschnew (links), Chef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, 1973 bei einem Besuch in Bonn bei Kanzler Willy Brandt. Breschnew schüttelt dem Unternehmer Berthold Beitz die Hand. Im Hintergrund stehen lächelnd Kanzler Willy Brandt und mehrere andere Menschen.

1973 kam Sowjet-Chef Leonid Breschnew

Eindruck bei der Bevölkerung hinterließen aber auch die Großdemonstrationen. Im Jahr 1981 kamen 300.000 Menschen in die Hauptstadt, um sich "Für Frieden und Abrüstung" stark zu machen. Jahrzehntelang wurde die Stadt Bonn im In- und Ausland in erster Linie als Regierungssitz wahrgenommen - erst das Doppeljubiläum 1989 "40 Jahre Hauptstadt" und "2000 Jahre Bonn" sorgte dafür, dass Bonn seine Vorzüge als historisch gewachsene Stadt mit inzwischen internationalem Flair ins rechte Licht rücken konnte. So ist es fast Ironie des Schicksals, dass im gleichen Jahr mit dem Fall der Mauer die Weichen für den Wegzug der Regierung gestellt wurden.

Die zweite Hauptstadtdebatte - Entscheidung für Berlin

Am 20. Juni 1991 kurz vor 22 Uhr verkündete Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth das für Bonn niederschmetternde Abstimmungsergebnis des Bundestages: Mit 320 Stimmen für Bonn und 338 für Berlin stand fest: Allen Protesten gegen die Vergeudung von Steuergeldern zum Trotz zieht die Regierung nach Berlin. Die Stadt an der Spree war seit dem 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, wieder offiziell deutsche Hauptstadt. Die Mehrheit der Bonner reagierte entsetzt, verängstigt und wütend. Als der damalige Bonner Oberbürgermeister Dr. Hans Daniels bei einer öffentlichen Rede die Bürger dazu aufforderte, dennoch nach vorne zu blicken, brüllte ihm die Menge aufgebracht entgegen: "Ja, wie denn?"

Auf dem Foto sieht man viele Menschen mit Plakaten gegen den Umzug demonstrieren. Auf den Plakaten kann man unter anderem 'Umzug ist Unfug' und 'Umzugswahn legt Rheinland lahm' lesen.

In Bonn kam der Regierungsumzug nicht gut an

Viele fürchteten angesichts der Entscheidung um ihren Arbeitsplatz, sahen schwarz für die Wirtschaft und die Gastronomie. In der Sommerpause 1999 war es dann soweit: Im Abgeordnetenhochhaus "Langer Eugen", in den Landesvertretungen und Botschaften wurden Koffer und Kisten gepackt, Umzugsunternehmen fuhren mit Sattelschleppern vor, Abschiedsfeste wurden gefeiert und die Regierung sagte Bonn Adieu.

Die Bundesstadt - "Boomtown" mit Zukunft

Auch wenn Bonn auf eine Zukunft als Regierungssitz im wiedervereinten Deutschland gehofft hatte - die Bonner Stadtväter hatten sich auf eine negative Entscheidung des Bundestages offenbar gut vorbereitet. Bereits wenige Tage nach dem Beschluss vom 20. Juni 1991 legten sie ein Konzept zum Strukturwandel der Region vor, mit dem sich die Bundesregierung größtenteils einverstanden zeigte. 1994 wurde das Bonn-Berlin-Gesetz beschlossen und Bonn zur "Bundesstadt" erklärt. In dem Vertrag wurde unter anderem festgeschrieben, dass sechs Bundesministerien ihren Hauptsitz in Bonn behalten, der größte Teil der Arbeitsplätze der Ministerien erhalten bleiben muss und 21 Bundesämter von Berlin und Frankfurt nach Bonn umziehen.

Dass der Ausbau der Region als Standort für Wissenschaft und Kultur gelungen ist, dazu haben auch die Ausgleichsgelder für Bonn und die Region von 1,43 Milliarden Euro wesentlich beigetragen. Mit dem Geld wurden unter anderem mehrere Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen sowie ein Wissenschaftsprojekt gegründet; 51 Millionen Euro flossen in den Kulturbereich.

Das Foto zeigt das Gebäude der Deutschen Telekom AG in Bonn. Im Vordergrund ist ein strahlend weißer, niedriger Rundbau zu sehen, im Hintergrund das höhere Hauptgebäude aus grauem Beton und Glas, auf dem ein pinkfarbenes T angebracht ist. Vor dem Gebäude stehen Fahnenstangen.

Die Telekom schuf in Bonn neue Arbeitsplätze

Wirtschaftlich profitiert die Bundesstadt vor allem davon, dass sich mit der Telekom und der Post gleich zwei Global Player niedergelassen und viele Tausend Arbeitsplätze geschaffen haben. Zu dieser Entwicklung passt auch die Tatsache, dass der 2002 fertiggestellte Post-Tower mit 41 Stockwerken und 162,5 Metern Höhe nicht nur das höchste Bürogebäude in Nordrhein-Westfalen ist, sondern auch das neue Wahrzeichen der Stadt.

Und nicht zuletzt hat sich Bonn einen Namen als erste UN-Stadt Deutschlands gemacht - 18 Organisationen der Vereinten Nationen und 150 international tätige Institutionen und Nicht-Regierungsorganisationen haben ihren Sitz in der Bundesstadt.

Autor/in: Annette Holtmeyer

Stand: 29.08.2014, 13:00

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