Mafia – Der Staat im Staate

Zwei italienische Polizisten führen einen Verdächtigen ab.

Sizilien

Mafia – Der Staat im Staate

Wer sich auf Sizilien selbstständig machen will, wird es sich auch heute noch zweimal überlegen. Er muss nicht nur die ganz normalen Steuern an den Staat zahlen, sondern auch noch eine zweite Abgabe bereithalten: den "Pizzo", das Schutzgeld für die Mafia. Trotz zahlreicher Bemühungen in der Vergangenheit, die Mafia zu zerschlagen, ist sie auch im 21. Jahrhundert auf Sizilien allgegenwärtig.


Ursprung auf dem Lande

Der Ursprung der Mafia im heutigen Sinne reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Adlige Großgrundbesitzer hatten zu diesem Zeitpunkt die Leibeigenschaft über die Bauern verloren und setzten fortan sogenannte "gabellutti" als Verwalter ihrer Ländereien ein. Diese bedienten sich lokaler Verbrecherbanden, um rücksichtslos Pachtzinsen von den kleinen Bauern einzutreiben.

Mit der Zeit wuchs der Einfluss der "gabellutti" so stark, dass sie die Landadligen entmachteten und deren Herrschaftsrechte übernahmen. Ihre Hauptbetätigungsfelder waren die Schutzgelderpressung und Entführungen, um horrende Lösegelder zu fordern.

Erst Mussolini konnte den Einfluss der Mafia auf Sizilien zurückdrängen. Wer während der faschistischen Diktatur der "ehrenwerten Gesellschaft" angehörte, musste mit schlimmen Repressalien rechnen.

Ironischerweise wurde die Mafia nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Amerikaner wieder gestärkt. Sie setzten schon während des Krieges Lucky Luciano und andere in den USA inhaftierte Mafiosi als Spitzel ein. Nach dem Krieg erhielten diese Gangster dann hochrangige Positionen in der Militärregierung.

Der in Italien regierenden konservativen christdemokratischen Partei "Democrazia Cristiana" war das nicht unangenehm, konnte sie doch im Kampf gegen den Kommunismus auf die Unterstützung der Mafia bauen.

Schwarzweiß-Bild: Nahaufnahme mehrerer junger Männer, die einen Sarg durch die Straßen eines Dorfes tragen.

Viele mussten ihr Leben wegen der Mafia lassen

Ein neues Bürgerbewusstsein

In den 1970er und 1980er Jahren trieb es die Mafia aber in den Augen vieler Sizilianer zu weit. Mittlerweile waren auch Drogen- und Waffenhandel sowie Bauspekulationen zu lukrativen Geschäften der Organisation geworden.

Den Versuchen des italienischen Staates, die Mafia zu bekämpfen, wurde mit brutaler Gewalt begegnet. Zahlreiche hochrangige Politiker, Ermittler und Justizbeamte wurden auf offener Straße erschossen oder in ihren Autos in die Luft gesprengt.

Als 1992 auch noch der beliebte Richter Giovanni Falcone ermordet wurde und zahlreiche hochrangige italienische Politiker wie der ehemalige Ministerpräsident Giulio Andreotti in einen riesigen Korruptionsskandal verwickelt waren, änderte sich die Stimmung in der Bevölkerung.

Die 1991 von Leoluca Orlando, dem christdemokratischen Bürgermeister von Palermo, gegründete Reformpartei "La Rete" erhielt einen nie für möglich gehaltenen Stimmenanteil bei diversen Wahlen. 1993 wurde Orlando mit 75 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen wieder zum Bürgermeister von Palermo gewählt.

Bis zum Jahre 2000 schaffte er es, die Mafia fast komplett aus dem öffentlichen Leben der Hauptstadt zurückzudrängen. Altstadtviertel wurden saniert, Geldkanäle der Mafia geschlossen und die Mordrate nahezu gen Null gesenkt. Die Stadt erlebte eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit.

Großaufnahme von Leoluca Orlando, der an einem Rednerpult steht.

Leoluca Orlando reformierte Palermo

Zurück in den alten Trott

Doch nach dem Ende der Amtszeit von Orlando fiel die Stadt wieder in ihren alten Trott zurück. Die Christdemokraten kamen erneut an der Macht und ließen die alten Strukturen wieder aufleben. 2007 verlor Orlando die Wahl zur erneuten Kandidatur als Bürgermeister von Palermo. Er sprach offen von Wahlbetrug, wurde jedoch von der italienischen Regierung nicht gehört.

Auch wenn der Polizei 2006 mit der Verhaftung des seit 43 Jahren gesuchten Mafiabosses Bernardo Provenzano ein spektakulärer Coup gelang, so glauben doch viele Mafiaexperten, dass trotz der zahlreichen Verhaftungen der vergangenen Jahre die Organisation stärker sei denn je. Sie arbeite jetzt nur noch versteckter, mit noch strafferer Kommandostruktur und weiterhin besten Verbindungen zu Politik und Justiz.

Solange zu viele hochrangige italienische Persönlichkeiten von dem Geldsegen und den Annehmlichkeiten der Mafia profitieren, wird dieses Problem wohl nie gelöst werden.

Autor: Tobias Aufmkolk

Stand: 12.09.2017, 13:40

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