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Otto Wagner

Schnörkelnder Historismus bestimmte um 1900 die Architektur auch in Österreich. In dieser Zeit schockierte ein Wiener Architekt seine Zeitgenossen mit ungewohnt strengen Formen und neuen Materialien. Schon 1884 legte er einen transparenten Glasfußboden auf eine Stahlkonstruktion im Kassensaal einer Bank. Er schuf ein Gesamtkunstwerk: Kirche, Glasfenster, Mosaikböden, Lampen, die gesamte Einrichtung im gleichen geometrischen Design und aus einer Hand. Otto Wagner war seiner Zeit Jahrzehnte voraus.

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Designer, Architekt, Stadtplaner

Otto Wagners Devise: Unzweckmäßiges kann nicht schön sein. Er war 16 Jahre alt, als 1857 die alte Stadtbefestigung von Wien abgerissen wurde. Prachtbauten entstanden. Die Stadt wucherte durch unüberlegte Planungen. Der junge Mann hatte einen Blick dafür und wollte unbedingt etwas dagegen tun. So studierte er Architektur in Berlin an der Bauakademie und anschließend in Wien, an der Akademie der bildenden Künste. Er wollte als Architekt und Stadtplaner Wien funktional und schön gestalten. Er nahm an Wettbewerben teil und versuchte sich einen Namen zu machen. Viele seiner Vorschläge fanden zwar Anerkennung, wurden aber nie realisiert. So arbeitete er zunächst bei namhaften Architekten.

Im inneren Eingangsbereich der Bank liegt ein Glasboden auf einer Eisenkonstruktion, die man durch die Beleuchtung von unten als Raster erkennen kann. (Rechte: WDR Freeze)

Glasboden der Österreichischen Länderbank

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Glasfußboden anno 1884

1884: Otto Wagners erster öffentlich finanzierter Auftrag war der Bau der österreichischen Länderbank, heute Bundeskanzleramt. Die Fassade entwarf er noch im repräsentativen historistischen Stil. Das war nun mal der Zeitgeschmack und vor allem die Vorstellung seiner Auftraggeber. Im Eingangsbereich des Kassensaals der Bank experimentierte er aber schon mit ungewöhnlichen Konstruktionsformen. Ein Fußboden aus Glas auf einer Stahlkonstruktion: Das natürliche Licht fällt von der Glaskuppel im Kassensaal durch den Glasboden bis in die Kellerebene. Oberhalb der Glaskuppel öffnet sich ein Lichthof. Dieser ist noch einmal glasüberdacht. Hier verzichtete Wagner schon auf jegliche Dekoration. Er wagte erstmals eine neue, eine funktionelle Sachlichkeit. Die Rückseite des halbrunden Baus erscheint bereits als moderner Zweckbau. Ein Stil, der erst 40 Jahre später in der neuen Architektur bekannt wurde. Den hochmodernen Stil konnte Otto Wagner damals nur im Hinterhof riskieren. An der Straßenfassade hätte das wohl auf die Kundschaft der Bank unseriös gewirkt und ärmlich, so ganz ohne pompöse Elemente.

Brücke aus einer Unmenge von Stahlstreben, so dass sie fast einen Laubencharakter hat. (Rechte: WDR Freeze)

Brücke an der Nussdorfer Schleusenanlage

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Schleusenanlage am Stadtrand Wiens

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts war Otto Wagner der einflussreichste Architekt in Wien: Er wurde Professor an der Akademie der bildenden Künste. Er gewann den Wettbewerb für die Generalregulierung der Stadt: Pläne als Grundlage für das Funktionieren der künftigen Großstadt Wien. Wagner wurde Oberbaurat und künstlerischer Beirat der Wiener Kommission für Verkehrsanlagen und für die Donauregulierung. Er erhielt den Auftrag, eine Schleusenanlage am Stadtrand Wiens zu bauen, in Nussdorf, sowie das Verwaltungsgebäude der Anlage. Er war nahe dran zu verwirklichen, was er sich als junger Mann erträumt hatte: Wien durch und durch planvoll zu gestalten.

Die Wiener Stadtbahn

1894 konnte Wagner endlich das Projekt realisieren, das ihm schon seit 20 Jahren am Herzen lag: die Gestaltung der Stadtbahn. Er entwarf die Brücken und Viadukte und baute die Stationsgebäude. Die Station am Karlsplatz entstand im Jugendstil. Hier wurde Wagners Nähe zu der Künstlergruppe der Wiener Sezession deutlich. Funktionelle Sachlichkeit blieb dennoch maßgebend. Ein Novum war das Wellblechdach auf dem Stationshaus: dünnes Material von hoher Stabilität - bedingt durch die Wellenform. Ein Material, das bei industriellen Fertigteilen erst viel später verwendet wurde. 1900 war der Bau der Anlage fertiggestellt - heute Teil der U-Bahn.

Mehrere Fenster des Hauses, das ganz mit Majolikafliesen geschmückt ist. Rötliche Blüten und grüne Ranken in stilisierter Form ziehen sich wie Weinlaub über das ganze Gebäude. Das Motiv hat die typische Ornamentik des Jugendstils. (Rechte: Christoph Teves)

Wagners Majolikahaus an der Wienzeile

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Mietshäuser an der Linken Wienzeile

Wagner erwarb zwei Grundstücke an der Linken Wienzeile um Mietshäuser nach eigenem Geschmack bauen zu können. Er wollte zeigen, dass ein Wohnhaus nichts von der damals üblichen Palastarchitektur haben musste. Er wollte demonstrieren, dass ein Wohnhaus eine Ansammlung gleichförmiger Zellen ist. Es gibt keine Säulen, keinen Stuck. Statt traditioneller Putzfassade schmückt Wagners Majolikahaus eine Fassade aus glatten Fliesen mit Jugendstilornamenten, die wie eine riesige Blütenranke über das mehrstöckige Haus kriechen.

Die Decke einer Kirche. Sie ist kreuzförmig unterteilt durch goldene Linien. Die Viertel treten besonders hervor, weil der Architekt vier schmale Fensterschlitze in der Kuppel angebracht hat, so dass sie eine quadratische Form bilden. Die gesamte Kuppel ist diesem Quadrat folgend, mit goldenen Linien durchzogen. (Rechte: WDR Freeze)

Die Decke der Kirche am Steinhof

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Ein Gesamtkunstwerk macht Furore

1907 baute der Wiener Architekt Otto Wagner eine Kirche am Stadtrand. Der Bau war umstritten. Es sei närrisch, assyrisch, babylonisch! Wagner hatte versucht, erstmals beim Bau einer Kirche ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, alle Ornamente, Motive der Mosaikböden, der Glasfenster, der Altarkuppel sowie den Grundriss der Kirche einheitlich zu entwerfen. Geometrische Formen bestimmen das Design. Eine goldene, durchbrochene große Halbkugel schwebt über dem Altar. Das Dekorative ist bewusst aufeinander abgestimmt, sodass der Raum ruhig wirkt. Bei der Eröffnungsfeierlichkeit erklärte Erzherzog Ferdinand allerdings, dass er den Maria-Theresien-Stil viel schöner fände. Wagner erwiderte ihm, dass zur Zeit Maria Theresias die Kanonen verziert gewesen seien, während man sie heute glatt mache. Ihre Funktion sei dadurch aber nicht beeinträchtigt. Damit hatte Wagner den Thronfolger so verärgert, dass er auf keine öffentlichen Aufträge mehr hoffen konnte. Den Auftrag für den Bau der Österreichischen Postsparkasse in Wien hatte er glücklicherweise schon in der Tasche.

Der Fußboden aus hellen Steinfliesen hat ein sehr sparsames und doch auffällig strenges axiales Muster. (Rechte: WDR Freeze)

Fußboden der Kirche am Steinhof

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Nichts ist neu erfunden, nur neu betrachtet

Otto Wagner gehörte zu den wenigen Architekten, die den Formenschatz der Architekturgeschichte gründlich studiert hatten. Er griff immer wieder auf historische Bauformen zurück. Diesen bewährten Formenschatz verwandelte er: die Verlagerung, Verdrehung war das Neue. Der Wagner-Experte Dr. Otto Graf, Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien, erklärt anhand von zahllosen Skizzen die Architektur Wagners. Der Grundriss eines antiken Bauwerks, schreibt er, kann gleichzeitig Strukturelement von Gittermustern sein, von Blütenformen, Türbeschlägen oder Fassadenstrukturen. Nichts sei wirklich neu erfunden - nur neu betrachtet.

Über dem großen Kassensaal erhebt sich eine gewölbte Glasdecke durch die das Tageslicht dringt. Der Boden des Saales ist aus Glas, sodass das Licht weiter durchdringt. (Rechte: WDR Freeze)

Kassensaal der Österreichischen Postsparkasse

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Postsparkasse Wien: Metall und Glas

Otto Wagner erweiterte das traditionelle Berufsbild des Architekten. Er wollte das Gesamte gestalten - die Stadt, die Gebäude, selbst Möbel und Textilmuster. Gebäude und Einrichtung hieß der Auftrag. Er sollte die Postsparkasse nach seinen Idealvorstellungen gestalten. Die Fassade des Gebäudes schmücken nur reihenförmig angeordnete Knöpfe aus Stein. Ein Vordach über dem Eingang besteht aus Glas auf einem Metallrahmen. Materialien und Konstruktionsweise hatte Wagner nach Haltbarkeit und Pflegeleichtigkeit ausgesucht. Der Boden in den Fluren zum Beispiel wurde mit Linoleum belegt. Wand- und Deckenschmuck reduzierte er auf eine sachliche, geometrische Bemalung. Metall und Glas benutzte er für die Schalter des kleinen Kassensaals. Die Möbel aus gebogenem Holz ließ er nach seinen Entwürfen bei den Firmen Thonet und Kohn industriell anfertigen. Jedes noch so kleine Detail wurde bedacht. Statt der üblichen pompösen Kronleuchter hing er viele kleine Lampen in Reihen auf. Außergewöhnlich erscheint im großen Kassensaal die Warmluftheizung aus Aluminium. Es sind über zwei Meter hohe Röhren, aus deren Schlitze Warmluft geblasen wurde. Heute dienen diese kunstvollen "Objekte" als Luft-Absauger. Wie bei der Länderbank 20 Jahre zuvor gibt es auch hier einen transparenten Glasboden, der auf einer Stahlkonstruktion ruht. Auch hier können die Räume mit natürlichem Licht ausgeleuchtet werden. Durch den gläsernen Fußboden fließt das Licht in das Kellergeschoss, durch das gläserne Satteldach in den Kassensaal. Dieses Glasdach wird ebenfalls durch ein weiteres geschützt - schmucklos und funktional.

Ein Mann mit fein geschnittenem Gesicht, aschblondem Haar, Schnurbart und Kinnbart. Er trägt einen Stehkragen und eine weiße Fliege. (Rechte: WDR Freeze)

Otto Wagner 1841 - 1914

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Otto Wagners letzte Wohnhäuser

Wagner war Mitte 60, als die Auftragslage für ihn immer schlechter wurde. Seine letzten Wohnhäuser baute er daher wieder mit eigenem Geld. Das Haus von 1909 in der Neustiftgasse hat eine weiße Fassade. Einziger Schmuck: eine schwarze Glastäfelung, die feine Linien bildet. Zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs baute Wagner für sich und seine Frau eine Villa. Einziger Schmuck an der schlichten, weißen Fassade sind wieder blaue Fliesen und Mosaiken, hauptsächlich um den Eingangsbereich. Er wohnte dort allerdings nur drei Jahre, dann starb seine Frau und er zog wieder um in eines seiner Mietshäuser, in die Döblergasse 4. Dieses Haus hatte er fast zeitgleich mit seiner Villa gebaut. Auch hier dominiert Blauweiß. Hier richtete er auch sein Atelier ein und bemühte sich jetzt vor allem um seine Schüler. Einige von ihnen wurden sehr bekannt wie zum Beispiel Josef Hoffmann und Josef Pleßnik. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verhinderte weitere Projekte. "Ohne Kunst, das ist ohne Liebe, gibt es kein Leben" schrieb Wagner und "Die einzige Herrin der Kunst ist die Notwendigkeit". Otto Wagner starb 1918.

Bärbel Heidenreich, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Praktischer Wohnen - das Bauhaus, 23.01.2002

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Collage mehrerer Bauwerke (Rechte: SWR)

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