Kastraten - Der Preis des Ruhms
Tod durch Kastration
Wie Farinelli erging es im Barock vielen Jungen, nur wenige jedoch konnten aus ihrem Unglück Kapital schlagen. Die Hälfte aller Kastrationen endete mit dem Tod des Jungen. Die Vorstellung, wie es in den Hinterstuben im barocken Italien zuging, ist furchteinflößend: Da die Kastration offiziell verboten war, wurde sie meist von nicht ausgebildeten Barbieren durchgeführt. Die Jungen wurden betäubt, dann schnitt man ihnen die Samenstränge durch. Nur rund fünf Prozent der Kastraten verdienten tatsächlich mit ihrer Stimme ihren Lebensunterhalt. In Folge des sensationellen Ruhmes und Reichtums kastrierter Opernsänger in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es eine wahre Kastrationswelle: Eltern ließen ihre Jungen kastrieren, in der Hoffnung, sie würden ebenfalls erfolgreiche Opernstars. Doch auch eine überlebte Kastration war kein Garant für späteren Starruhm. Der Schnitt mit der scharfen Klinge konnte fehlendes musikalisches Talent nicht ersetzen.
Entwicklung außer Kontrolle
Die Trennung der Hodenstränge hat eine hormonelle Veränderung zur Folge, die in der Pubertät dazu führt, dass sich die sekundären Geschlechtsmerkmale nicht entwickeln. Der Kastrat behält seine hohe Kinderstimme, er wird zeugungsunfähig, und auch Libido und Potenz sind eingeschränkt. Das Wachstum gerät außer Kontrolle: Die Gliedmaßen eines Kastraten werden außergewöhnlich lang, was zu einer überragenden Körpergröße führt. Im Alter leiden sie unter extremer Fettleibigkeit. Die Stimmbänder wachsen im Gegensatz zum Brustkorb in der Entwicklung des Jungen nicht mit, was zu einer voluminösen hellen Stimme führt, die ohne Eingriff nicht möglich wäre. Kurze Stimmbänder erzeugen also hohe Töne, die durch einen großen Brustkorb als Resonanzkörper einen vollen Klang bekommen.
Wieso werden Jungen kastriert?
Ihren Ursprung hat die Kastration nicht in der Vergnügungssucht dekadenter Opernbesucher im Barock, sondern in katholischen Kirchenchören. In den Chören durften nämlich aufgrund eines päpstlichen Gebotes gegen Ende des 16. Jahrhunderts keine Frauen mehr singen. Ihren Part übernahmen die Kastraten. Der gute Klang eines Kirchenchors war damals von größerer Bedeutung als heute, denn nur ein guter Chor sicherte hohe Spenden. Seinen absoluten Höhepunkt erlebt der Kastratengesang jedoch in der Oper. Farinelli zum Beispiel war in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts ein gefeierter Superstar. Im Zuge seines Erfolges wurden die Opern dieser Zeit speziell für die hohen Kastratenstimmen geschrieben. Es gab zwar offiziell ein Kastrationsverbot, doch das wurde regelmäßig übergangen. Eltern erfanden immer neue Unfälle, die angeblich zur Kastration ihrer Jungen geführt haben sollten.
Faszinierende Stimmen
Das Phänomen "Kastration" ist untrennbar mit dem Barock verbunden. Der Barock war ein Zeitalter des Sinnlichkeit. Das Schöne wurde kultiviert und in Massen konsumiert. Für die Adligen und den Klerus konnte keine Sinnesfreude intensiv genug sein. Durch die Pest und den Dreißigjährigen Krieg rückten der Tod und die Vergänglichkeit in das Bewusstsein der Menschen. Die, die es sich leisten konnten, versuchten sich ihre begrenzten Tage auf Erden so angenehm wie möglich zu gestalten. Krieg und Krankheit standen in diesen Jahrzehnten einer nie da gewesenen Prachtentfaltung gegenüber. Der Begriff "Vanitas", lateinisch für "leerer Schein" und "Eitelkeit", prägte das Denken der Menschen damals. Das Wissen um die Endlichkeit des irdischen Seins erhöhte ihr Verlangen nach Lustgewinn. Eine perverse Blüte dieses Strebens sind die hohen Stimmen der Kastraten. Sie sollten durch ihren übernatürlichen Klang die Opernbesucher in eine andere Welt mitnehmen und zu einem intensiven sinnlichen Erleben führen. Das funktionierte augenscheinlich sehr gut. Es wird berichtet, dass die höhere Gesellschaft, egal ob Mann oder Frau, geradezu süchtig nach dem Kastratengesang war. Mit der Nachfrage nach diesen Stimmen wuchs das Angebot. Für das Seelenleben der Kastraten interessierte sich niemand.
Exoten in der Opernwelt
Trotz ihres verunstalteten Körpers mangelte es vielen Kastraten nicht an Selbstbewusstsein. Aus zeitgenössischen Erzählungen geht hervor, dass sich einige Kastraten sehr wohl in ihrer Haut und in ihrer exponierten Stellung fühlten. Ihre Eitelkeit ließen sie auch das Publikum spüren. Trotzdem haben sich die Königshäuser mit hochdotierten Exklusivverträgen überboten. Außerhalb des Musikbetriebes schlug den Kastraten jedoch eine Welle der Verachtung entgegen. Sie galten, nicht zuletzt wegen ihres merkwürdigen Aussehens, als schaurige Exoten. Die Bewunderung, die sie auf der Bühne erfuhren, war nur oberflächlicher Natur. Mit dem Alter kamen die Depressionen. Nicht nur ihre gesellschaftliche Außenseiterstellung machte ihnen zu schaffen, die Zerstörung ihres natürlichen Hormonhaushaltes wirkte sich auch auf ihr psychisches Wohl aus.
Kastration heute
Die Blütezeit der Kastratensänger an Opern endete mit dem Barock im ausklingenden 18. Jahrhundert. Bis dahin sollen allein in Italien eine Million Jungen kastriert worden sein. In Kirchenchören waren bis ins vergangene Jahrhundert Kastraten zu hören. Gesangsaufnahmen von Alessandro Moreschi haben auf alten Platten überlebt. Kastration ist heute in Deutschland erlaubt, natürlich nur auf Wunsch des Betroffenen, der über 25 Jahre alt sein muss. In erster Linie ist das Gesetz für die freiwillige Kastration von Sexualstraftätern geschaffen worden, die hoffen, damit ihren Sexualtrieb unter Kontrolle zu bekommen. Durch ein intensives Training des Gesangsapparats erreichen sogenannte Countersoprane heute ähnlich hohe Töne wie die Kastraten von damals - selbstverständlich ohne Kastration.
Götz Bolten, Stand vom 01.06.2009






