"Bonn Camillo" - Ein Pfarrer sorgt für Aufwind
Pfarrer Wolfgang Picken – der "Bonn Camillo des Rheinviertels"
Äußerlich erinnert der hochgewachsene Pfarrer Picken eher an Pater Ralph aus der TV-Schmonzette "Die Dornenvögel" als an die italienische Romanfigur "Don Camillo" von Giovanni Guareschi. Seinen Beinamen "Bonn Camillo" hat er wohl vor allem der Tatsache zu verdanken, dass er mit ebenso großem Einsatz und mit ähnlich unkonventionellen Methoden (wenn auch ohne Fäuste) wie sein italienisches Gegenstück für die Anliegen seiner Gemeinden kämpft. Seine Gemeinden, das sind die Katholischen Kirchengemeinden des Rheinviertels.
Der 1967 in Köln geborene Wolfgang Picken wurde 1993 im Kölner Dom von Erzbischof Kardinal Meisner zum Priester geweiht. Picken steht in dem Ruf, sich nur am Rande um die Meinung seiner Arbeitgeber im Kölner Erzbistum zu scheren – nicht jeder ist dort von der Bürgerstiftung, die Picken und die Kirchen im Rheinviertel weitgehend unabhängig von den Sparmaßnahmen im Erzbistum machen, begeistert. Umso größer ist die Zahl der Anhänger in seiner Gemeinde. "Er ist endlich mal einer, der was tut und Bewegung in die Kirche bringt", so lautet die fast einhellige Meinung der Kirchenbesucher. Fast 22 Prozent kommen regelmäßig in die Gottesdienste der Kirchen im Rheinviertel; fast doppelt so viele wie im Schnitt im Erzbistum Köln. Und auch, wenn dem ein oder anderen der Personenkult um Wolfgang Picken zu viel ist, so lässt sich der Erfolg seiner Projekte kaum wegdiskutieren.
Eine Bürgerstiftung gegen den Sparkurs
Der rigide Sparkurs des Kölner Generalvikariats stellte den Bonner Pfarrer Picken gleich zu Amtsamtritt 2004 vor eine traurige Aufgabe: Acht von insgesamt 14 Kindergartengruppen sollten geschlossen, die Küsterarbeit um die Hälfte reduziert, die Versammlungsfläche halbiert werden. Nichts davon ist geschehen, im Gegenteil: Die Gemeinde blüht, die Finanzen stimmen - trotz umfangreicher sozialer und karitativer Aktivitäten. Finanziert werden diese durch eine Bürgerstiftung, die der Pfarrer ganz nach amerikanischem Vorbild ins Leben gerufen hat, um kirchliche Projekte zu unterstützen. Zu seinen Benefizveranstaltungen kommen Politiker wie Peer Steinbrück, Guido Westerwelle oder Jürgen Rüttgers, Manager und Vorstandsvorsitzende. Mit ihrer finanziellen Hilfe und dank der tatkräftigen Unterstützung vieler Bürger des Rheinviertels sammelte die Stiftung bereits im ersten Jahr nach der Gründung mehr als zwei Millionen Euro. Das Stiftungskapital soll die Gemeinde unabhängig machen von der Willkür des Erzbistums, sagt der Pfarrer.
Rheinviertel im Aufbruch
"Wenn man mit anpackt, dann kann man Dinge verändern", sagt Wolfgang Picken und setzt darauf, dass auch die Menschen in seiner Umgebung diese Erfahrung machen wollen. Das ehemalige Pfarrheim wurde 2005 von ehrenamtlich arbeitenden Handwerkern, Hausfrauen und anderen Gemeindemitgliedern zu einem Kloster umgebaut. Während überall in Deutschland Klöster mangels Nachwuchs ihre Tore schließen, beziehen in Bonn indische Nonnen das neu erschaffene Heim. Sie arbeiten in den Bereichen, die vom Sparkurs bedroht sind, pflegen Senioren, ermöglichen die Gründung eines in einem Altenpflegeheim integrierten Hospizes und unterrichten Kindergartenkinder in Englisch. Ein Jahr später wurde das nächste Kloster ebenfalls mit indischen Schwestern im Rheinviertel gegründet. Und seit August 2007 wohnt der Konvent der "Schwestern vom armen Kinde Jesus" im frisch renovierten Pfarrhaus von St. Andreas. Auch für Nachwuchs wird gesorgt: Im Juli 2008 wurde das Noviziat eröffnet, in dem zwei Postulantinnen zusammen mit der Formationsleiterin leben.
Eine Urnengrabstätte für jedermann
Mit einem Konzert des Bonner Beethovenorchesters wurde im Frühling 2006 die Renovierung des größten Mausoleums am Rhein gefeiert – ebenfalls ein Projekt der Bürgerstiftung. Aus dem verwitterten alten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das die Stiftung vom letzten Graf von Carstanjen geerbt hatte, machte Pfarrer Wolfgang Picken eine Urnengrabstätte für die Bevölkerung und bietet damit eine würdige Alternative zu den anonymen Bestattungen. Die Namen der Verstorbenen sind auf Platten außerhalb der Grabstätte zu sehen. Das Gebäude bietet Platz für rund 3000 Urnen. Und die Einnahmen für die Begräbnisse im Mausoleum kommen zum Teil wieder sozialen Projekten der Bürgerstiftung zugute.
Annette Holtmeyer/Britta Schwanenberg, Stand vom 01.06.2009








