Algen

Pflanzen

Algen

In Asien sind sie vom Speisezettel nicht wegzudenken, für Aquarianer sind sie eine Plage, für Badende oft eklig oder sogar unheimlich, und für unser Klima sind sie einfach unverzichtbar! Algen machen das Wasser grün und die Fische satt. Viele können wir mit bloßem Auge gar nicht erkennen – andere bringen es als riesiger Tang auf eine Größe von über 40 Metern. Die Welt der Algen ist vielfältig und steckt voller Überraschungen.

Kopfzerbrechen für Taxonomen

Forscher gehen davon aus, dass es über 400.000 Algenarten auf der Welt gibt. Nur etwa 20 Prozent davon sind allerdings bis heute bekannt. Für Taxonomen, deren Aufgabe es ist, die Vielfalt der Organismen in wissenschaftliche Kategorien einzuordnen, ist es eine große Herausforderung, die bereits entdeckten und beschriebenen Algen zu klassifizieren.

Kelpwald an der Küste der Snares Island, Neuseeland.

Kelpwälder sind Algenwälder mit einem ganz eigenen Ökosystem

Viele unterscheiden sich ganz wesentlich in ihren Strukturen und biochemischen Vorgängen. Pigmentmuster, Begeißelung, Organisationsstufe, Bau und chemische Zusammensetzung der Zellwand sowie Lebenszyklus sind Kriterien, nach denen zum Beispiel eingeordnet wird. Aber noch immer herrscht Uneinigkeit.

Seit einigen Jahren verfeinern genetische Analysen die bisher gewonnenen Erkenntnisse. Teilweise werden alte systematische Einordnungen aufgrund neuer Erkenntnisse auch wieder verworfen.

Farben, Formen und Spezialitäten

Tentakeln der Leuchtalge Pelagia Noctiluca.

Tentakeln der Leuchtalge Pelagia Noctiluca

Zwar sind Algen wegen des Chlorophylls grundsätzlich grün, aber nicht alle sehen so für uns aus. Manche sind rötlich gefärbt, andere eher bräunlich. Der Grund dafür: Zusätzliche Farbpigmente überlagern das Grün des Chlorophylls. So gibt es Grünalgen, Braunalgen, Rotalgen und blaugrüne Algen.

Auch Leuchten steht bei Algen auf dem Programm: Gerät der Dinoflagellat "Noctiluca" zum Beispiel in Bewegung, wird durch eine Enzymreaktion das spektakuläre Meeresleuchten ausgelöst.

Manche Algen fühlen sich erst in Gesellschaft wohl und bilden Kolonien, in denen einzelne Zellen für unterschiedliche Aufgaben zuständig sind.

Kieselalgen haben eine andere Spezialität. Wie kleine architektonische Wunderwerke sehen ihre "gläsernen Panzer" aus Siliziumdioxid aus. Sie dienen als Schutz vor Fraßfeinden. Manche Algen haben sogar im Laufe der Evolution das Chlorophyll wieder verloren und ernähren sich heute parasitisch oder räuberisch.

Wo Algen überall leben

Algen müssen im Wasser leben – das scheint zunächst einleuchtend. Meere, Seen, Flüsse, Pfützen – das ist aber noch lange nicht alles. Algen tummeln sich in unseren Badezimmern, auf Dachziegeln und an Gebäudefassaden.

Als Flechten leben sie in Symbiose mit Pilzen, zum Beispiel auf Bäumen oder alten Mauern. Noch spektakulärer muten Wohnorte wie Wüste oder ewiges Eis an. Sogar im Fell von Faultieren kommen Algen vor. Praktisch für den schläfrigen Urwaldbewohner, denn der dezente Grünschimmer verleiht ihm eine perfekte Tarnung.

Platz eins beim Klimaschutz und in der Nahrungskette

Viele Algen sind mit dem bloßen Auge gar nicht zu erkennen. Sie sind zwar winzig klein, aber die Masse macht's. Jedes Jahr wachsen in den Weltmeeren Milliarden Tonnen mikroskopisch kleiner Algen. Man geht heute davon aus, dass jedes zweite Sauerstoffmolekül in der Atmosphäre von Algen gebildet wird.

Sie stehen somit den Landpflanzen in nichts nach und sind auch ebenso wichtig für unser Klima, da sie mithilfe der Fotosynthese nicht nur Sauerstoff herstellen, sondern auch das Treibhausgas CO2 binden.

Aber nicht nur fürs Klima sind Algen unentbehrlich. Ohne sie gäbe es weder tierisches Plankton, Krebse, Fische noch Wale. Algen stehen als sogenannte Primärproduzenten an erster Stelle im marinen Nahrungsnetz. Sie geben die gesammelte Solarenergie an die pflanzen- und fleischfressende Abteilung weiter.

Ein Gewässer ohne Algen sieht zwar hübsch karibisch aus, ist aber vergleichbar mit einer Wüste – hier gibt‘s für Wassertiere so gut wie nichts zu futtern.

Fluke eines Blauwals beim Abtauchen.

Ohne Algen gäbe es kaum Leben in den Meeren

Gefährliche Algen

Trotz all dieser wunderbaren Eigenschaften können Algen auch zum Problem werden, wenn sie zum Beispiel während einer Algenblüte in Massen auftreten. Wer ein Aquarium oder einen Gartenteich besitzt, kann ein Lied davon singen. Algen wachsen schnell, wenn sie es warm haben und viele Nährstoffe zur Verfügung stehen.

So entstehen zum Beispiel auch die berüchtigten Schaumberge am Badestrand, die ganz simpel aus von den Wellen zu Schaum geschlagenem Algeneiweiß bestehen. Dramatisch können Blüten von giftigen Algen werden, die zum Beispiel Fischsterben auslösen können.

Auch ungiftige Algen können unter ungünstigen Umständen zu einer ernsthaften Bedrohung für Leib und Leben werden. Ein Beispiel: die Grünalge Ulva lactuca, die an bretonischen Küsten wuchert und – an Land gespült – dicke Algenteppiche bildet.

Die obere Schicht trocknet aus und bildet eine weiße Kruste, unter der sich giftige Gase bilden. Werden die Gase plötzlich freigesetzt, zum Beispiel wenn man darauftritt und die Kruste verletzt wird, dann strömen die giftigen Faulgase in tödlicher Konzentration aus und können für Mensch und Tier zur ernsthaften Bedrohung werden. Es gab tatsächlich schon Todesfälle.

Ulva lactuca auch Meeressalat genannt.

Die Alge erinnert unter Wasser an ein Salatblatt

Algen als Nahrungsmittel

An Sushi haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt, aber in Deutschland sind Algen auf dem Teller immer noch ziemlich exotisch und nicht jeder mag das strenge Aroma. Wer das Meer direkt vor der Haustür hat, wie zum Beispiel die Küstenbewohner in Japan, China, England oder Frankreich, für den sind Algen etwas ganz Alltägliches und deshalb auch ein ganz normales Gemüse.

Weltweit werden rund 500 Algenarten gegessen, davon sind 160 wirtschaftlich von Bedeutung. Als Nahrungsergänzungsmittel werden getrocknete Mikroalgen in Pillen- oder Pulverform angeboten. Es handelt sich dabei um Chlorella- und Spirulina-Algen.

Ob sie tatsächlich das Zeug zum Wundermittel für neue Energie und Lebenskraft haben, wie in der Werbung oft versprochen wird, das sei dahingestellt. Man sollte sich zumindest genau erkundigen, wo die Algen gezüchtet und wie sie geerntet werden, um sicherzustellen, dass sie nicht mit Mikrocystinen belastet sind.

Wer übrigens meint, er werde niemals Algen verspeisen, dem sei gesagt: Er hat es schon längst getan. Eiscreme, Pudding, Joghurt – nur der Anfang einer ganzen Reihe von Lebensmitteln, die mit Algenprodukten wie Alginat, Agar-Agar und Carragen hergestellt werden.

Zubereiteter Vanillepudding in Gugelhupfform auf einem Teller.

Auch im Pudding kann Alge stecken

Algen für Körper und Seele

Heilkundige wissen schon lange, dass das Meer und seine Inhaltsstoffe eine gute Therapie gegen körperliche und seelische Leiden sind. 1899 gründete der Arzt Dr. Louis Bagot in Roscoff in der Bretagne das erste Thalasso-Therapieinstitut. ("Thalassa" leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet: "das Meer"). Dort wurden zunächst hauptsächlich rheumatische Beschwerden gelindert.

Die Thalasso-Therapie ist eine ganzheitliche Therapie. Anwendungen mit Algen entschlacken, regen den Stoffwechsel an und gleichen Mineralstoffmängel aus. Aber auch wer gesund ist, sollte sich die Gelegenheit eines Algen-Verwöhnprogrammes nicht entgehen lassen.

Was Algen sonst noch können

Über 150 Algenarten werden kommerziell genutzt. Ihre wertvollen Inhaltsstoffe kommen zum Beispiel in der Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie zum Einsatz. Algen enthalten Wirkstoffe, mit denen man Viren, Bakterien und Pilzen zu Leibe rücken kann – das macht sie auch für die Pharmaindustrie interessant.

Und seit einigen Jahren geraten Algen auch vermehrt in den Fokus der Energiewirtschaft. Weltweit wird mit Hochdruck an Verfahren getüftelt, mit denen man wirtschaftlich effektiv Algen-Biodiesel produzieren kann. Auch Biogas kann man aus Algen gewinnen.

Sogar Brennstoffzellen könnte man mit Algen-Wasserstoff betreiben: Man gewinnt ihn, indem man Mikroalgen auf "Schwefeldiät" setzt. So wird der Stoffwechsel auf Sparflamme geschaltet. Überschüssige Energie, die bei der Fotosynthese entsteht, wird dann entsorgt, indem die Algen Wasserstoff produzieren.

Autorin: Susanne Decker

Weiterführende Infos

Stand: 18.10.2016, 13:22

Darstellung: