Bernsteingeschichte

Kunstvoll bearbeites, 4000 Jahre altes Pferd aus Bernstein

Bernstein

Bernsteingeschichte

Schon in der Antike rankten sich Mythen und Göttersagen um den Bernstein. Archäologische Funde belegen, dass das Material bereits vor mehr als 3000 Jahren Gegenstand des Handels war und verarbeitet wurde. Im Mittelalter erlebte dann das "Gold der Ostsee" seine Blütezeit.

Die Tränen der Heliaden

Verewigt ist der Bernstein schon in der antiken Mythologie in den "Metamorphosen" des römischen Dichters Ovid (43 vor Christus bis 17 nach Christus). Phaëton, der Sohn des Sonnengottes Helios, rang seinem Vater den Wunsch ab, wenigstens einen Tag lang dessen Sonnenwagen lenken zu dürfen, den Helios jeden Tag aufs Neue über den Himmel von Ost nach West steuerte.

Der Sonnengott gewährte seinem Sohn die Bitte. Die Schwestern des Phaëton, die Heliaden, legten den wilden Pferden des Sonnenwagens das Geschirr an.

Übermütig trieb Phaëton die vier feurigen Himmelsrösser zur rasenden Fahrt an. Bald schon verlor er die Kontrolle über den Wagen und das Gespann verließ die vorgeschriebene Bahn.

Die Rösser rissen den Wagen nach oben und tief nach unten, Berge wurden angezündet, Landstriche zu Wüsten verwandelt und Flüsse zum Kochen gebracht.

Um noch mehr Unheil zu verhindern, schleuderte Göttervater Zeus Phaëton mit einem Blitz vom Wagen. Sein Leichnam stürzte in den Fluss Eridanos, und Zeus löschte mit einem Regen den Weltenbrand.

Die Heliaden bargen den toten Bruder und vergossen viele Tränen. Dabei wurden sie von Zeus in Pappeln verwandelt. Ihre Tränen, die im Moment der Verwandlung noch aus den Baumrinden perlten, wurden später im Sonnenlicht zu Bernstein.

Zeichnung nach einer griechischen Vasenmalerei: Helios auf seinem Sonnenwagen, der von vier Pferden gezogen wird.

Helios auf seinem Sonnenwagen

Tatsächlich kommt dieser Mythos dem Ursprung des Bernsteins erstaunlich nahe – ein Wissen, das späteren Epochen lange verborgen geblieben ist.

Seit vielen Jahrtausenden begleitet Bernstein die Menschheitsgeschichte. Funde belegen, dass schon vor mehr als 3000 Jahren mit Bernstein gehandelt und der Stein bearbeitet wurde.

Einer Notiz Plinius des Älteren zufolge schickte Kaiser Nero um 56 nach Christus seine Reiter an die germanische Küste mit dem Befehl, Bernstein nach Rom zu bringen.

Goldrausch an der Ostseeküste

Die Hochzeit des Bernsteinhandels war das Mittelalter. Nachdem deutsche Ordensritter im Jahr 1283 die baltischen Völker an der Ostseeküste unterworfen hatten, wurde der natürliche Bernsteinreichtum des Landes bald zur wichtigen Einnahmequelle.

Der Deutsche Orden erließ ein sogenanntes "Bernsteinregal", eine Art Hoheitsrecht auf den an der Ostseeküste vorkommenden Bernstein.

Der Besitz von Bernstein wurde unter Strafe gestellt und die Küstenbewohner dazu verpflichtet, das fossile Harz zu sammeln und abzuliefern. Wer etwas behielt oder gar Handel damit trieb, konnte mit dem Tod durch Erhängen bestraft werden.

Um Diebstähle von vornherein auszuschließen, mussten die Küstenbewohner den Bernstein unbekleidet ertauchen oder mit Keschern schöpfen. Da die Bernsteinlese an der Küste nach Winterstürmen besonders ergiebig war, konnte diese Arbeit nur unter großen Strapazen verrichtet werden.

Acht mit Bernsteinen geschmückte Silberlöffel liegen im Halbkreis vor einer Zuckerdose, die ebenfalls mit Bernsteinen verziert ist.

Protestantische Werkstätten fertigten Alltagsutensilien an

Die rigorosen Maßnahmen der Bernsteinherren führten zu einem lukrativen Handel. Um 1302 wurde in Brügge die Bernsteingilde gegründet. Ihre Mitglieder fertigten Gegenstände für religiöse Zwecke an, insbesondere Rosenkränze. Aus diesem Grund wurden sie auch Paternostermacher genannt.

Nach gut 100 Jahren umfasste die Gilde rund 70 Meister und 300 Lehrlinge. Wichtigste Bernsteinzentren waren Danzig und Königsberg, das heutige Kaliningrad. Während das katholische Danzig auf die Produktion sakraler Objekte spezialisiert war, fertigte das protestantische Königsberg vornehmlich Gebrauchsgegenstände an.

Blütezeit und Entzauberung des Bernstein

Im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts entstanden in den Fürstenhäusern Kassel, Braunschweig, Dresden, Berlin, Wien und Kopenhagen wahre Bernsteinzentren. Die Bernsteinbearbeitung befand sich auf ihrem Höhepunkt.

Die Arbeiten der protegierten Bernsteinschnitzer dienten neben der künstlerischen Zurschaustellung des eigenen Hauses in erster Linie als politische Geschenke und Exportartikel an andere Höfe.

Berühmtestes Beispiel hierfür ist das legendäre Bernsteinzimmer, das der preußische König Friedrich Wilhelm I. dem russischen Zaren Peter I. 1716 zum Geschenk machte.

Eine Hand hält einen Bernstein, während mit der anderen Hand mit einer Metallnadel ein Muster eingeritzt wird.

Ein Bernsteinschnitzer bei der Arbeit

Um die Wende des 18./19. Jahrhunderts erlosch das Interesse an den Bernsteinartefakten – als russische Naturwissenschaftler dem wahren Wesen des Bernsteins auf den Grund gingen und herausfanden, dass der vermeintliche Edelstein "nur" ausgehärtetes Baumharz ist, wollte man von diesem gewöhnlichen Material lange Zeit nichts mehr wissen.

Strandgut an der Küste

Das berühmteste Bernsteingebiet der Welt ist das Samland im ehemaligen Ostpreußen bei Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Fast 90 Prozent aller Bernsteinvorkommen der Welt ruhen an der Ostseeküste. Bernstein wurde hier jahrhundertelang am Strand gelesen, mit Keschern geschöpft oder am Meeresgrund gestochen.

Ein großer Bernsteinbrocken liegt frei am Strand, während im Hintergrund eine Welle sich heranwälzt.

Stürme spülen Bernstein an den Strand

Besonders die aus Nordwesten kommenden Stürme wühlen immer wieder in Küstennähe den Meeresboden auf, wodurch sich der im Grund liegende Bernstein löst und an Land gespült wird. Bis heute unvergessen ist jene Sturmnacht von 1862, in der bei Palmnicken allein 40 Zentner Bernstein an den Strand geworfen wurden.

Bernsteingewinnung im Tagebau

Bei Jantarnyi, dem ehemals deutschen Palmnicken, rund 50 Kilometer westlich von Kaliningrad gelegen, werden bis heute bedeutende Mengen Bernstein gefördert, weiterverarbeitet und gehandelt. Geologen glauben, dass die Bernsteinvorkommen groß genug sind, den Abbau noch für 100 bis 300 Jahre zu sichern.

Da Bernstein hier nicht nur an die Küste gespült, sondern das bernsteinführende Sediment, die sogenannte "Blaue Erde", sehr nah unter der Oberfläche liegt, lohnt sich der industrielle Abbau.

Durch Auswaschen der "Blauen Erde", einer etwa 30 Meter tief gelegenen und neun Meter breiten Schicht aus bernsteinhaltigem Ton, wird der Bernstein freigelegt und auf diese Weise gewonnen.

Zwei Arbeiter stehen bis zu den Knien im Schlamm, einer entlädt seinen vollen Käscher in eine Holzkiste.

Die Vorkommen werden im industriellen Tagebau ausgebeutet

Der Grundstein für die industrielle Ausbeutung der Bernsteinvorkommen, die sich als bedeutendster Wirtschaftsfaktor der Region erwies, wurde von der Firma "Stantien & Becker" im Jahr 1872 gelegt.

Bis heute wird in Jantarnyj Bernstein gefördert und verarbeitet. Doch nur wenige Prozent der Bernsteinfunde gelangen in die Schmuck verarbeitende Industrie. Der weitaus größere Teil wird eingeschmolzen und als Rohstoff zur Produktion hochwertiger Lacke oder in der Medikamentenherstellung verwendet.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 16.03.2017, 14:00

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