Organverpflanzung
Die ersten Versuche schlugen fehl
Erfolgreiche Organtransplantation ist ein immer noch junges Kapitel in der Geschichte der Medizin. Erste Versuche liegen jedoch bereits weit zurück. So wird unter anderem aus dem dritten Jahrhundert nach Christus berichtet, die katholischen Schutzpatrone der Pharmazie St. Cosmos und St. Damian hätten das Bein eines verstorbenen Schwarzen auf einen weißen Mann verpflanzt. Wirklich dokumentiert sind erstmals Hauttransplantationen, sie fanden im 19. Jahrhundert statt. Der Wiener Arzt Emerich Ullmann verpflanzte 1902 einem Hund dessen Niere in den Nackenbereich. Fünf Tage immerhin arbeitete das Organ und sonderte Urin ab. 1906 gelang die erste Augenhornhaut-Transplantation. Im selben Jahr scheiterte die Übertragung einer Niere von einem Tier auf den Menschen. 1933 verpflanzte Dr. Yu Yu Voronoy in Kiew erstmals die Niere eines Verstorbenen auf einen Menschen. Doch der Eingriff misslang, ebenso wie die Übertragung einer Niere von einer Mutter auf ihr Kind im Jahr 1952.
Immunsystem greift fremdes Gewebe an
Sechs Jahre später offenbarte sich, warum bisher alle Versuche einer Transplantation fehlgeschlagen waren: Der Pariser Arzt und spätere Nobelpreisträger für Medizin Jean Dausset entdeckte 1958 das HLA-System (Human Leukocyte Antigen-System). Mit seiner Hilfe unterscheidet das Immunsystem anhand spezifischer ererbter Merkmale zwischen fremdem und eigenem Gewebe. Die eigentlich gesunde Fähigkeit des Körpers also, sich gegen Angreifer von außen zu wehren, stellte sich im Fall der Organempfänger als verhängnisvoll heraus. Eine Erkenntnis, die sich 1959 bestätigte: Dabei wurde in Boston eine Niere zwischen eineiigen Zwillingen übertragen. Weil sie über identische Gewebemerkmale verfügten, blieb eine Abstoßung aus. Die beiden Betroffenen lebten noch über 20 Jahre. Es folgten mehrere Lebertransplantationen im Jahr 1963, die Patienten starben jedoch nach wenigen Tagen. 1966 wurde erstmals erfolgreich eine Bauchspeicheldrüse verpflanzt. Internationales Aufsehen erregte 1967 Professor Christiaan Barnard in Südafrika mit der ersten Herztransplantation. Sein erster Patient verstarb jedoch 18 Tage nach dem spektakulären Eingriff. In den folgenden zwei Jahren fanden weltweit mehr als 100 Herztransplantationen statt, doch zwei Drittel der Patienten starben innerhalb weniger Monate.
Diese herben Rückschläge zeigten: Durch Fortschritte in der Gefäßchirurgie war eine Transplantation zwar "technisch" machbar geworden. Ein weitgehend ungelöstes Problem blieben aber heftige Abstoßungsreaktionen des Körpers. Dies änderte sich, als in den 70er Jahren die Entdeckung von bisher unbekannten Pilzkulturen, den Cyclosporinen, den ersehnten Durchbruch ermöglichte. Forscher fanden heraus, dass sich mit einem daraus gewonnen Wirkstoff die Immunabwehr des Körpers unterdrücken lässt. Seit 1983 ist Cyclosporin fester Bestandteil der Transplantationsmedizin. Damit und durch andere Medikamente haben sich die Überlebensraten der Patienten radikal verbessert.
Spenderorgane von Hirntoten und Angehörigen
Heute werden Herzen, Nieren, Lungen, Lebern, Bauchspeicheldrüsen, Augenhornhäute und neuerdings auch Dünndärme verpflanzt. Die Patienten erhalten einen funktionstüchtigen Ersatz, weil ihre eigenen Organe versagen: bei Nierenkranken etwa hervorgerufen durch Diabetes, bei Leberkranken beispielsweise durch Zirrhose. Bei anderen Patienten sind die Gefäße so sehr geschädigt, dass ihr Herz nicht mehr aus eigener Kraft das Blut durch den Körper pumpen kann. Die Wartezeit auf eine neue Niere beträgt jedoch etwa fünf bis sechs Jahre.
Doch woher kommen diese Ersatz-Organe? In 85 Prozent der Fälle stammen die Organe von Menschen, bei denen der Hirntod festgestellt wurde. Eine zunehmende Anzahl von Organtransplantationen kommt durch Lebendspenden zustande: Dabei stellen engste Verwandte, Ehepartner oder andere sehr nahe stehende Personen dem Patienten entweder eine Niere von sich oder einen Teil ihrer Leber zur Verfügung. Eine unabhängige Gutachter-Kommission, der immer ein Jurist, ein Mediziner und ein Psychologe angehören, prüft vorher, ob die Spende tatsächlich freiwillig geschieht und ob finanzielle Gründe keine Rolle spielen. Als grundsätzliche Voraussetzung gilt: Blut und Gewebe müssen zusammenpassen. Allerdings werden seit neuestem innovative Lösungen angewandt: Bei unterschiedlichen Blutgruppen können mit Hilfe eines speziellen Reinigungsverfahrens (Immunadsorption) die Antikörper aus dem Empfängerblut herausgefiltert werden. Dies ist eine noch selten praktizierte Technik, mit der die Abstoßungsreaktion während der Transplantation umgangen wird.
Längeres Leben mit Nebenwirkungen
Eine geglückte Organtransplantation bedeutet, dass Herzkranke sich wieder bewegen und sogar Sport treiben können. Lungentransplantierte können atmen, ohne nach Luft zu ringen. Eine neue Niere befreit von der Dialyse. Gut neun von zehn Organempfängern überleben die Operation mindestens ein Jahr. Das klingt nach wenig Zeit, doch fast alle Betroffenen sind für die zusätzlich geschenkte Zeit dankbar. Dennoch dürfen die Risiken und Begleiterscheinungen eines derart schwerwiegenden Eingriffs nicht unterschätzt werden: Im schlimmsten Fall stößt der Körper das neue Organ sofort ab und zerstört es innerhalb weniger Stunden. Auch wenn dies nicht geschieht, sind die Betroffenen für ihr gesamtes restliches Leben auf spezielle Medikamente angewiesen. Diese sogenannten Immunsuppressiva verhindern, dass körpereigene Zellen das fremde Gewebe angreifen. Die zum Teil massiven Nebenwirkungen reichen von Gewichtszunahme und Haarausfall über Magen-Darm-Probleme und häufige Infekte bis hin zu Krebs. Viele Patienten finden nach der Transplantation wieder zu einem weitgehend normalen Leben zurück und können sogar arbeiten, andere bleiben in ihrer Leistungsfähigkeit dauerhaft und stark eingeschränkt.
Die Lebensdauer eines transplantierten Organs ist begrenzt. Rein statistisch gesehen hält die Hälfte der Spendernieren zehn Jahre. In diesem Fall muss der Patient entweder wieder an die Dialyse oder sich erneut transplantieren lassen. Betroffene, deren Spenderherz oder deren neue Lunge den Dienst versagt, haben allerdings keine Wahl. Sie sind wiederum auf ein Spenderorgan angewiesen. Dies ist medizinisch machbar: Wenn es der körperliche Gesamtzustand des Betroffenen erlaubt und ein passendes Organ zur Verfügung steht, kann auch ein zweites neues Herz oder gar eine dritte Niere transplantiert werden.
Nur wenige besitzen Organspende-Ausweise
Das größte Problem ist das Missverhältnis zwischen dem bestehenden Bedarf und den tatsächlich stattfindenden Organverpflanzungen. So standen im Jahr 2008 etwa 11.300 Menschen auf der Warteliste rund 4.050 Transplantationen gegenüber. Die Gründe dafür sind vielfältig: Noch nicht einmal ein Fünftel der Deutschen besitzt einen Organspende-Ausweis, mit dem sie eindeutig ihre Haltung dokumentieren. Angehörige sind unsicher, wie sie entscheiden sollen oder lehnen sogar eine Organentnahme (Explantation) ab. Und auch auf medizinischer Seite existiert eine gehörige Portion Skepsis: Längst nicht jeder potenzielle Organspender wird gemeldet.
Zur Verbesserung der Situation hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) das Pilotprojekt "Inhousekoordination" initiiert, das zunächst zwei Jahre lang läuft. Dabei soll ein Krankenhausmitarbeiter dafür sorgen, dass die DSO über alle potenziellen Organspender informiert wird. Außerdem sollen sie der Stiftung in jedem Quartal über die Situation der Organspende in ihrem Krankenhaus berichten.
Bislang gibt es hierzulande pro eine Million Einwohner nur 14,9 Organspender (2009). Damit befindet sich Deutschland auf europäischer Ebene im mittleren Drittel. Besser sieht das Zahlenverhältnis zum Beispiel in Österreich aus: Dort kommen auf eine Million Einwohner 25 Organspender. Das liegt daran, dass in Österreich grundsätzlich jeder Organspender ist, auch Urlauber. Nur wer einen Widerspruch einlegt, kann dafür sorgen, dass ihm nach dem Tod weder Organe noch Gewebe entnommen werden.
Sigrid Lauff/Prem Lata Gupta, Stand vom 21.01.2010
Sendung: Medizin der Zukunft - von OP-Robotern und gezüchteten Organen, 28.10.2009






