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Interview: Defekte Spiegelneuronen

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Interview mit Prof. Joachim Bauer: Defekte Spiegelneuronen

Seit 2000 leitet Joachim Bauer als Oberarzt die Ambulanz der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum in Freiburg. Außerdem ist er Ärztlicher Direktor der Hochgratklinik, einer psychosomatischen Fachklinik in Stiefenhofen bei Oberstaufen im Allgäu. Mit Planet Wissen sprach Prof. Bauer über die Folgen bei defekten Spiegelneuronen.

Prof. Joachim Bauer zu Gast bei Planet Wissen. (Rechte: SWR/Brigitte Karwath)

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Planet Wissen (PW): Spiegelneuronen machen uns zu sozialen Wesen. Welche Folgen hat es, wenn die Spiegelneuronen nicht funktionieren?

Prof. Joachim Bauer (J.B.): Erst durch die spiegelbildliche Resonanz können wir Mitleid oder jede andere Gefühlsregung nachempfinden. Im Grunde sind wir darauf angewiesen, dass wir spiegeln und gespiegelt werden. Wenn Spiegelneuronen nicht funktionieren, sind kein Kontakt, kein emotionales Verstehen und keine Spontanität möglich. Wir wären nicht in der Lage, aufeinander zu reagieren.

PW: Gibt es auch ein Krankheitsbild, von dem Mediziner sprechen, wenn Spiegelneuronen keine Signale aussenden?

J.B.: Störungen der emotionalen Resonanz bezeichnen Mediziner als Autismus. Dann zeigt der Patient erhebliche Auffälligkeiten in der Kommunikation und Sprache, sein Fähigkeit, auf andere einzugehen, ist schwer beeinträchtigt. Im Wesentlichen ist der Patient auf wenige Verhaltsmuster eingeschränkt. Kinder und Erwachsene, die an Autismus leiden, haben in dem Bereich Defizite, die auf der Funktion der Spiegelneuronen beruhen.

PW: Wie macht sich Autismus bemerkbar?

J.B.: Schon ab dem zweiten Lebensjahr zeigt sich bei autistischen Kindern die verminderte Fähigkeit, die Mimik einer Bezugsperson spontan zu erwidern. Generell haben Autisten extreme Schwierigkeiten, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen. Ihre Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen zu imitieren und nachzuvollziehen, ist stark beeinträchtigt. Auch fällt es ihnen schwer, emotionale Bindungen einzugehen.

PW: Einmal abgesehen vom Autismus, gibt es denn noch andere Ursachen, warum Spiegelneurone inaktiv werden können?

J.B.: Bei Gewalterfahrungen, durch traumatische Situationen oder bei Angst, der jemand ausgesetzt ist, kann das funktionierende System der Spiegelneuronen beeinträchtigt oder beschädigt werden. Und zwar so, dass der/die Betroffene lange Zeit nicht mehr in der Lage ist, Emotionen zu spiegeln.

PW: In der Kindheit wird unsere Fähigkeit, Intuition und Empathie zu empfinden, angelegt. Kann in dieser Prägungsphase viel geschädigt werden?

J.B.: Der menschliche Organismus reagiert irritiert, wenn er keine spiegelnde Rückmeldung erhält. Beim Säugling führt kaum etwas zu einer stärkeren Ablehnungsreaktion, als wenn die Mutter das Kind ohne jede mimische Regung anstarrt. Fehlendes Lernen und Imitieren der Emotionen führt zu einer Verkümmerung der Spiegelneuronen.

PW: Umgekehrt heißt es aber auch: Je besser unsere Spiegelneuronen aktiviert wurden, desto größer ist unsere soziale Intelligenz. Was passiert, wenn man selbst im Alltag nicht gespiegelt wird, verkümmert die Person dann?

J.B.: Richtig. Soziale Isolation macht die Menschen krank. Der Empfang einer Mindestdosis von verstehender Resonanz ist für uns überlebenswichtig. Ich muss immer wieder erfahren, dass ich so bin wie die anderen, und andere so sind wie ich.

PW: Wie ist Mobbing am Arbeitsplatz zu verstehen? Wie wirkt das auf die Betroffenen?

J.B.: Mobbing ist die bewusste Verweigerung, jemanden zu spiegeln, emotional auf die Person zu reagieren. Wenn Sie am Arbeitsplatz geschnitten werden, das heißt Ihr Gruß wird nicht erwidert, Sie bekommen keinen Blickkontakt, führt ein solches Verhalten zu einem ungeheuren Stress. Die betreffende Person wird krank, ist quasi vernichtet. Nach extrem sozialer Beschämung kommt es auch zu Todesfällen durch einen emotionalen Schock, der totales Herzversagen auslösen kann.

Interview: Sabine Kaufmann, Stand vom 01.06.2009

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Collage aus Bildmotiven zum Thema Forschung (Rechte: WDR)

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