Harry Anslinger
Kampf gegen Cannabis
Die Alkohol-Prohibition wurde während des Ersten Weltkriegs eingeführt, Konsum und Handel von Alkohol waren in Amerika nun per Gesetz verboten. Während die Besserverdienenden sich auf illegalem Wege hergestellten Alkohol leisteten, griff die ärmere Bevölkerung verstärkt auf das von den karibischen Zuckerrohrplantagen und aus Mexiko in die USA eingeführte Marihuana zurück, dessen Besitz und Konsum aber ab 1933 ebenfalls verboten war.
Genussmittel des 19. Jahrhunderts
Die psychoaktiven Substanzen des Hanfs, die bewusstseinsverändernd wirken, sind seit alters her dem Menschen geläufig. Jahrhundertelang galt THC-haltiger Hanf daher als ein heiliges Mittel, eine Ritualpflanze, die der Mensch bei religiösen Praktiken und Liturgien, zur Meditation und Innenschau einsetzte. THC ist die Abkürzung für Tetra-hydro-cannabinol und bezeichnet die psychoaktive Substanz der Hanfpflanze.
Das rauschfördende Cannabis wurde darüber hinaus noch im 19. Jahrhundert vielerorts als Genussmittel konsumiert, das zur Entspannung und Regeneration beitrug. Als eindrucksvolles Beispiel dafür gilt Wilhelm Buschs Bildergeschichte "Krischan mit der Piepe" Noch 1860 gehörte THC-haltiger Ahornsirup-Haschisch-Konfekt zu den beliebtesten Süßigkeiten der USA: Cannabis-Extrakte waren im 19. Jahrhundert in allen Apotheken zu haben. Sie wurden Kindern regelmäßig verschrieben, die Rauschwirkung war bestens bekannt, Cannabis galt als stimulierendes, aber auch beruhigendes Präparat, die antibakterielle Wirkung des Haschischs als probates, antiseptisches Mittel.
Verbot in den USA
Um 1883 öffneten in den USA zahlreiche Rauchsalons ihre Türen und warben mit Hasch-Pfeifen um Konsumenten. Ein Jahrhundert später, im Jahr 1990, wurden allein in den USA 390.000 Menschen wegen Marihuana-Besitz festgenommen. In nur 100 Jahren war die allseits beliebte und benötigte Hanfpflanze nicht nur als Rauschmittel, sondern auch als Rohstofflieferant verdrängt, verdammt, verbannt worden. Was war passiert?
Der Grund, weshalb Cannibis in der abendländischen Kultur des 20. Jahrhunderts solch ein negatives Image bekommen hat, liegt in der inneramerikanischen Geschichte: Cannabis wie Alkohol galten im 19. Jahrhundert in den USA als völlig legale Genussmittel. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es in den USA puritanische Strömungen, die ein alkoholfreies Amerika schaffen wollten. Dieser Bewegung für ein "trockenes" und "sauberes" Amerika - der sogenannten "Anti-Saloon-Liga" - schlossen sich bald mächtige Lobbyisten an, wie etwa der Industrielle John D. Rockefeller, allerdings aus völlig anderen Motiven: Wenn Kneipen durch ein generelles Alkoholverbot geschlossen würden, wäre auch politischen Zusammenkünften des kleinen Mannes eine wichtige Basis entzogen. Konkret wollten die Magnaten politische Aktivitäten verhindern, die zur Interessensvertretung unterer Schichten, womöglich zur Gründung von Gewerkschaften führten.
Kreuzzug gegen Cannabis
Tatsächlich wurde die Alkohol-Prohibition während des Ersten Weltkriegs eingeführt, Konsum und Handel von Alkohol waren in Amerika nun per Gesetz verboten. Allein die Besserverdienenden konnten sich nun auf illegalem Wege hergestellten Alkohol leisten. Die ärmere Bevölkerung griff verstärkt auf das von den karibischen Zuckerrohrplantagen und aus Mexiko in die USA eingeführte Marihuana zurück.
1933 hob der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt die Alkohol-Prohibition auf. Grund: Sie hatte nie funktioniert, das Gesetz war unglaubwürdig geworden. Etwa 8000 Arbeitskräfte, Polizisten und Kontrollbeamte, die für die Überwachung der Prohibition zuständig gewesen waren, standen nun ohne Arbeit da. So unterstützte die US-Regierung das eigens eingerichtete Drogendezernat "Federal Bureau of Narcotics" bei dem nun beginnenden Kampf gegen den Hanf. Der Chef des Dezernats Harry Anslinger begann eine groß angelegte Kampagne gegen Cannabis. Tausende Amerikaner wurden zu hohen Geldstrafen und Gefängnis verurteilt. Es war eine diffuse Mischung aus Geltungssucht, Misstrauen und rassistisch motivierter Abneigung gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die zu den Armen der Gesellschaft gehörten und Cannabis konsumierten, die Anslingers Propagandamaschine an Fahrt gewinnen ließ. Denn im Grunde ging es um den offen zutage tretenden Rassismus der weißen Bevölkerung. Cannabis war zum Symbol einer durch diesen Rassismus polarisierten amerikanischen Gesellschaft geworden.
Beseitigung eines unliebsamen Rohstoffs
Harry Anslinger propagierte vor dem amerikanischen Kongress einen direkten Zusammenhang zwischen krimineller Energie, Gräueltaten und Cannabis, und bekräftigte seine autoritäre Anti-Hanfpolitik durch aufwendige Werbekampagnen und Razzien. Längst war die hauptsächlich farbige amerikanische Jazz- und Swing-Szene den damaligen, konservativen US-Politikern ein Dorn im Auge. Anslingers Kampagne gegen Cannabis wurde daher staatlich geduldet, da sie eine Form der Kontrolle über als subversiv eingeschätzte Bevölkerungsgruppen darstellte. Das "Cannabis-Problem" wurde von führenden Industriellen begierig aufgegriffen, da auf diese Weise der unliebsame Rohstoffkonkurrent Hanf bequem aus dem Wege geräumt werden konnte. Besonders der Chemie-Konzern DuPont und der Waldbesitzer und Zeitungsmagnat Hearst förderten und finanzierten das "Bureau of Narcotics" mit seinem großen Feldzug gegen den Hanf. Und das mit Erfolg, denn bereits im Jahr 1937 wurde dem generellen Hanfanbau in den USA durch den "Marihuana Tax Act" schlagartig ein Ende gesetzt.
Single-Convention
Der Feldzug gegen Cannabis war für Anslinger nur der Aufhänger zu einem weitaus größeren Coup gegen das "herunter gekommene Amerika": Anslinger plante, in einer einzigen Nacht einen Großteil der schwarz-amerikanischen Jazz- und Swing-Musiker zu verhaften. Zwischen 1943 und 1948 ließ er umfangreiche Dossiers über unzählige Musiker anlegen. Ihnen allen gemeinsam: Sie waren farbig, sie spielten Jazz, sie rauchten Marihuana. Zu dieser umfassenden Verhaftungsaktion Anslingers ist es freilich nie gekommen.
Anslinger ließ sich aufgrund seiner fanatisch betriebenen Ermittlungen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht länger halten und wurde zur gerade neu gegründeten UNO versetzt. Dort besiegelte er seine Anti-Cannabis-Kampagne mit der noch immer gültigen "Single-Convention" (Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel), die Cannabis bis heute als eine der gefährlichsten Drogen der Menschheit klassifiziert. Bis zum heutigen Tag ist daher das irrationale Element der mit extremer Härte geführten Anti-Hanf-Kampagne im amerikanischen und europäischen Denken spürbar. Aus dieser Geschichte der Hanf-Diffamierung läßt sich auch die Protestkultur der 68er-Bewegung erklären, die durch den Konsum von Cannabis ihrer Haltung gegen bestehende politische Verhältnisse Ausdruck verleihen wollte.
Gregor Delvaux de Fenffe, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Naturstoffe im Trend - Von Hanf bis Holz, 21.08.2006








