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Der Quastenflosser

Fossilienfunde gewähren einen spannenden Blick in die Vergangenheit des Lebens. In den meisten Fällen zeigen sie Tiere oder Pflanzen, die es schon längst nicht mehr gibt. Auch den Quastenflosser hielten Wissenschaftler für längst ausgestorben. Nur vereinzelte Abdrücke in Stein zeugten von seiner Existenz. Umso größer war die Aufregung, als schließlich doch ein Exemplar gefunden wurde, das nicht bereits vor Millionen Jahren das Zeitliche gesegnet hatte.

Quastenflosser unter Wasser. (Rechte: dpa)

Erst in den 1990ern konnten lebende Tiere fotografiert werden

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Er lebt!

Heute kennt jedes Schulkind den Quastenflosser. Im Biologieunterricht wird er oft als Beispiel für einen bahnbrechenden Schritt in der Evolution angeführt: die Entwicklung von Flossen zu Beinen. Sein Siegeszug in die Lehrbücher wäre aber sicherlich nicht so bedeutend ausgefallen, wenn der Quastenflosser nicht auch aus einem zweiten Grund so außergewöhnlich wäre: Es gibt ihn immer noch.

Die ersten fossilen Belege für seine Existenz zeigen, dass dieser Knochenfisch (biologischer Name: Crossopterygiformes) bereits vor mehr als 360 Millionen Jahren die Weltmeere bevölkerte. Damit ist er über 290 Millionen Jahre älter als so bekannte Dinosaurier wie der Tyrannosaurus Rex. Doch ebenso wie dieser galt der Quastenflosser lange als ausgestorben - bis ins Jahr 1938.

Damals wurde in etwa 70 Metern Tiefe vor der südafrikanischen Küste (in der Nähe von East London) ein unbekannter Fisch gefangen; ein Tier von stolzen 1,50 Meter Körperlänge und etwa 52 Kilogramm Gewicht. Als der Fisch an die Oberfläche geholt wurde, war er durch den ungewohnten Druckverlust bereits gestorben.

Putzfrau reinigt Modell eines Quastenflossers. (Rechte: dpa)

In East London hat es der Fisch ins Museum geschafft

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Ein wissenschaftliches Wunder

Zunächst wusste keiner, mit welcher Art man es hier zu tun hatte. Doch die Kuratorin des Naturhistorischen Museums von East London, Marjorie Courtenay-Latimer, ahnte eine Sensation, als sie das Tier sah. Erst Professor James Smith von der Rhodes-University in Grahamstown bestätigte ihren Verdacht. Er identifizierte das Tier als eindeutigen Nachfahren eines Quastenflossers, der in der späten Kreidezeit vor etwa 80 Millionen Jahren gelebt hatte. Ein kleines wissenschaftliches Wunder, denn man dachte bis zu diesem Zeitpunkt, dass der Quastenflosser etwa in diesem Zeitraum ausgestorben sei. In Anlehnung an den Namen seiner Entdeckerin nannte Smith das Tier "Latimeria chalumnae".

Anschließend dauerte es noch fast 15 Jahre, ehe ein zweites Exemplar in der Nähe der Inselgruppe der Komoren gefangen wurde. Seither wird diese Art auch als Komoren-Quastenflosser bezeichnet.

Das Fossil eines Quastenflossers in Stein. (Rechte: dpa)

Nur so kannte man den Quastenflosser bis 1938

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Ein lebendes Stück Evolution

Der Quastenflosser gilt als sogenanntes Brückentier. Das heißt, er ist ein Beleg für die Evolutionstheorie, da er den Übergang von einer Art zur anderen verkörpert. In seinem Fall kann man die Entwicklung von den Fischen zu den Amphibien (Lurchen) erkennen. Das heißt jedoch nicht, dass der Quastenflosser unser aller Vorfahr ist. Denn obwohl viele Menschen das annehmen, war der Quastenflosser nicht derjenige, der das Leben aus den Meeren herausgetragen hat. Doch was macht ihn dann so besonders?

Bekanntermaßen haben Fische Flossen - und diese sind völlig ungeeignet, um sich damit an Land fortzubewegen. Die Bauch- und Brustflossen des Quastenflossers hingegen ähneln im Knochenaufbau den Armen oder Beinen von Landwirbeltieren. Man könnte sagen: Die Natur hat bei der Konstruktion seiner Laufflossen einen Prototypen getestet, der viele Millionen Jahre später dazu führen sollte, dass die Tiere auch das Land eroberten.

Illustration eines Quastenflossers. (Rechte: AKG)

Lange gab es nur Rekonstruktionen

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Wie lebt er - und vor allem wo?

Bei einem Tier, das seit so vielen Millionen Jahren auf der Erde lebt und überlebt, stellen sich gleich mehrere Fragen. Die erste und wichtigste: Wie hat es der Quastenflosser geschafft, zahlreiche Aussterbeperioden zu überstehen, der zum Teil mehr als 90 Prozent aller Lebewesen auf dem Planeten zum Opfer fielen?
Die enttäuschende Antwort lautet: Auch die Wissenschaft hat bislang keine vollständige Erklärung gefunden. Im Gegenteil: Auf den ersten Blick erscheint es fast so, als sei der Quastenflosser kein besonderer Überlebenskünstler.

Wie so oft in der Geschichte seiner Erforschung war es wieder ein Zufall, der die Wissenschaftler auf eine neue Spur des Quastenflossers führte. Der amerikanische Riff-Ökologe Mark Erdmann war 1997 auf Hochzeitsreise in Indonesien, als seine Frau Arnaz auf einem Fischmarkt einen Quastenflosser entdeckte. Die Einheimischen bestätigten dem Paar, dass diese Fische hier häufiger vorkämen. Dachte man bis zu diesem Zeitpunkt, der Quastenflosser lebe nur an den afrikanischen Küsten, so wusste man nun von einer zweiten Population. Ein absolutes Nischenvorkommen, das ein Überleben begünstigen kann, wurde somit ausgeschlossen.

Schwimmender Quastenflosser. (Rechte: Mauritius)

Hat keinen Sinn für die Umgebung

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Beim Jagen stur geradeaus

Ende der 1990er Jahre gelang es dann schließlich einem Forscherteam des Max-Planck-Instituts aus Seewiesen (Bayern), lebende Quastenflosser in den Gewässern um die indonesischen Inseln aufzuspüren und mit Peilsendern zu markieren. Dabei konnten sie besonders interessante Informationen zum "Alltag" der Fische sammeln.

Quastenflosser haben zum Beispiel ein eigentümliches Jagdverhalten. Die großen, nachtaktiven Fleischfresser wirken zunächst etwas behäbig und erledigen ihre Beute nicht pfeilschnell wie etwa Haie. Auch lauern sie der Beute nicht in einem Versteck auf. Stattdessen bewegen sie sich langsam immer geradeaus, bis ihnen ein Opfer direkt vor das Maul schwimmt. Alles was links und rechts an ihnen vorbeikommt, ist uninteressant. Was hier völlig ineffektiv klingt, ist jedoch praktisch. Denn durch diese Art der Jagd verbraucht der Quastenflosser nur sehr wenig Energie - und braucht demnach auch weniger Nahrung. In einem konkurrenzarmen Lebensraum wie der Tiefsee ist diese Methode absolut ausreichend.

Das gleiche Tier wie vor Millionen Jahren?

Die zweite große Frage, die sich beim Quastenflosser stellt, ist: Hat sich dieser Fisch seit seinem ersten Erscheinen in den Meeren gar nicht verändert? Hier gibt es eine klare Antwort: Nein. Selbst wenn man von lebenden Urtieren spricht, heißt das nicht, dass diese Arten sich überhaupt nicht weiterentwickelt haben. Ebenso wie bei anderen Urtieren sind lediglich der Grad und das Tempo der Veränderung bedeutend.

Zum Vergleich: Den modernen Menschen (Homo sapiens) gibt es erst seit etwa 100.000 bis 200.000 Jahren. Findet man Menschenskelette aus dieser Zeit, kann man sie anhand ihrer Struktur kaum vom modernen Menschen unterscheiden. Ältere Funde hingegen gibt es nicht - weil der moderne Mensch noch nicht existierte. Im Gegensatz dazu geschah der letzte bekannte Entwicklungsschritt des Quastenflossers irgendwann vor etwa zwei bis elf Millionen Jahren. Zu dieser Zeit trennten sich die Komoren-Quastenflosser von ihren indonesischen Verwandten, den Mandao-Quastenflossern.

Man könnte nun vermuten, dass eine Art, die solch eine stabile und gemächliche Existenz führt, nichts erschüttern kann. Doch auch hier ist das Gegenteil der Fall: Von neun Quastenflosser-Familien, die es nach heutigen Erkenntnissen in der Geschichte gegeben hat, sind acht komplett ausgestorben. Die beiden bekannten, noch lebenden Formen des Fisches gehören zu der letzten überlebenden Familie, der "Latimeriidae". Vielleicht sind sie die letzten Überbleibsel einer langen und erfolgreichen Geschichte des Überlebens, die nun langsam zu Ende geht.

Jennifer Dacqué, Stand vom 14.12.2010

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