Hanse
Deutsche Kaufleute auf Gotland
Die Hanse (althochdeutsch für "Schar" oder "Gefolge") war ein Interessenverband, eine Lobby für die seefahrenden Kaufleute, die gemeinsam auf der Suche nach guten Geschäften ihre kostbaren Frachten auf große, abenteuerliche Fahrt schickten. Schon im 11. Jahrhundert hatte eine Schar Kölner Kaufleute ("Hansa") in London ein eigenes Haus erworben, um in England billig und in großen Mengen die hervorragende englische Schafwolle zu erwerben, die sie in ihrer Heimat teuer verkauften. Den englischen Königen waren die deutschen Händler hochwillkommen, da diese ihnen hohe Summen liehen. Dafür standen die deutschen Kaufleute unter dem Schutz der englischen Krone. "Stalhof" hieß diese Handelsniederlassung der Deutschen in England, hier wurden die Waren "gestalt", das heißt geprüft und mit einem Bleisiegel gekennzeichnet.
Die Idee hinter dem Bündnis der deutschen Kaufleute war die Erkenntnis, dass sich nur über den direkten Handel ohne Zwischenhändler gutes Geld verdienen ließ. Im späten Mittelalter tauschten deutsche Kaufleute in den Küstengebieten im Norden und Osten Europas Waren aus Nordeuropa gegen Produkte aus dem Süden. Die Männer, mit denen sie Handel trieben, kamen von den skandinavischen Gotlandinseln. Die Gotländer waren Großbauern, die als Zwischenhändler gut verdienten. Sie boten Waren feil, die sie aus Russland, Schweden, Norwegen und Dänemark bezogen. Doch bald reichte den deutschen Händlern der Warenaustausch über die Gotländer nicht mehr aus. Als im 13. Jahrhundert durch veränderte politische Verhältnisse die Deutschen Zugang zur Ostsee gewannen, begannen deutsche Kaufleute Gotland als Zwischenstation zu nutzen, um in direkten Fernhandel mit Russland und Skandinavien zu treten. Sie wurden so zu direkten Konkurrenten der Gotländer und vertrieben diese bald aus dem Geschäft.
Gründung der Hansekontore
Im Jahr 1235 eröffneten deutsche Kaufleute eine Handelsniederlassung im flandrischen Brügge, das damals ein Zentrum des Welthandels war. Die fahrenden Kaufleute aus Deutschland gründeten im Laufe der Zeit immer mehr Hansen mit ihren Niederlassungen vor Ort, den so genannten Kontoren. Berühmte Kontore waren London und Brügge, Bergen in Schweden und sogar Nowgorod im hohen russischen Norden. Diese Handelsstützpunkte boten den deutschen Fernhändlern wie die Enklaven der heutigen Botschaften sicheres Quartier auf fremdem Boden. Die großen Handelsniederlassungen vernetzten die daran angebundenen Städte, die rasch von den Handel treibenden Hansemitgliedern profitierten. So mündete die 200 Jahre gewachsene mittelalterliche Hanse der Kaufleute des 12. Jahrhunderts in den frühneuzeitlichen Hansebund der Städte.
Bund der Städte
Im 14. Jahrhundert hatte sich ein recht geschlossener Wirtschaftsraum herausgebildet, der sich von Nowgorod und Reval im Osten bis nach Brügge und London im Westen erstreckte. Die Hansemitglieder waren zu einem entscheidenden Machtfaktor geworden und durch ihre enorme Wirtschaftsmacht hatten sie großen politischen Einfluss gewonnen. Die großen ökonomischen Erfolge hatten viele Kaufmannsfamilien steinreich gemacht. Dadurch stieg das Selbstbewusstsein der Handel treibenden Bürger gegenüber dem Adel. Durch ihre erfolgreich gewordenen Bürger gewannen die jungen, schnell wachsenden Reichsstädte an Selbstvertrauen. Sie begannen ihre Interessen zu koordinieren und im Verbund den örtlichen Machthabern Privilegien und Rechte abzutrotzen. Oder sie kauften sich für große Summen besondere Genehmigungen und Privilegien direkt beim deutschen Kaiser. Dadurch wurden sie "reichsunmittelbar", sie unterstanden rechtlich allein dem Kaiser. Ansprüche seitens der oft lästigen Landesfürsten – das deutsche Reich war damals ein Flickenteppich unterschiedlicher Fürsten- und Herzogtümer – waren damit hinfällig. Zusätzlich zu entrichtende Abgaben und Steuern konnten die reichen Städte dadurch verhindern.
Bis heute resultiert der besondere politische Status der Stadtstaaten von Hamburg und Bremen aus der Zeit der freien, reichsunmittelbaren Stadt. Die reichste Hansestadt war Lübeck, das bald zum Haupt der Hanse wurde. Der auf Basis von Handelsprivilegien geschaffene Bund von Kaufleuten mit gemeinsamen Interessen entwickelte sich zum Bündnis der Städte. Der Hansebund als Städtegemeinschaft förderte die Sicherung der Privilegien des Fernhandels. Die ersten Städte, die sich zu einem Bund zusammenfanden, waren Lübeck und Hamburg. Sehr bald folgten weitere. Zur Hanse gehörten neben Küstenstädten wie Lübeck und Hamburg, Bremen, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Danzig und Königsberg auch Binnenstädte wie Köln, Dortmund, Hannover, Naumburg und Berlin. Eine wirkliche Definition für den Bund der Hanse hat es nie gegeben. Zur Blütezeit der Hanse vom 14. bis 16. Jahrhundert haben sich bis zu 200 Städte in der Hanse befunden, dabei unterlag der Beitritt zur Hanse rein ökonomischen Interessen. Wenn sich eine Stadt einen finanziellen Vorteil versprach, stieß sie zum Bund der Hanse hinzu. "Hanse" (auch "hense" oder "henze") hieß außerdem das Entgelt, das Kaufleute und Städte zu entrichten hatten, wenn sie dem Bund beitraten. Denn die Interessenvertretung kostete Geld, die Handelsprivilegien mussten oft teuer erkauft, Beamte bestochen und Kriege finanziert werden, wenn feindliche Mächte den Hansestädten entgegentraten.
Hansetage
Als die Städte begannen, ihre Interessen zu koordinieren um sie besser wahrnehmen zu können, schufen sie ein Gremium, in dem sie gemeinsam auftraten, den Hansetag. 1356 fand der erste Hansetag in Lübeck statt. Auf diesen Hansetagen, die bis 1669 existierten, trafen sich die Abgesandten der Hansestädte, diskutierten Handelsverträge, die Neuaufnahme oder den Ausschluss von Mitgliedern und den Umgang mit Handelsprivilegien. Dabei war der Hansetag ein sehr lockeres Gebilde, juristisch gesehen sogar ein Kuriosum. Denn nach der Rechtslage war das Städtebündnis überhaupt nicht existent. Obwohl der Hansetag de facto allgemeines Beschlussgremium der hansischen Städte war, gab es keinen Etat, keine Satzung, keinen Verein und keinen schriftlichen Vertrag. Trotzdem konzentrierte sich auf diesen Hansetagen die geballte ökonomische Macht des mittelalterlichen deutschen Reiches und traf Entscheidungen, die sich unmittelbar auf das alltägliche Leben der Menschen damals auswirkten.
Niedergang der Hanse
Mitte des 15. Jahrhunderts begann der Niedergang des Hansebündnisses. Die Herrscher der Anrainerländer gewannen an politischer Macht und schränkten das Monopol der Hansestädte auf Handel und Fischfang ein. Die Jahrhunderte lang aufrecht erhaltenen Steuerfreiheiten und Privilegien der Hansekaufleute wurden eingeschränkt. So begann Dänemark im Jahr 1429 systematisch den Sundzoll auf durchfahrende Handelsschiffe zu erheben. Im Jahr 1494 schloss Zar Iwan III das Hansekontor in Nowgorod. 1603 wurde der Stalhof in London aufgehoben. Die deutschen Landesfürsten begannen sich gegenüber den Städten durchzusetzen und beschleunigten den Niedergang der Hanse. Sie untersagten den innerdeutschen Hansestädten das Bündnis mit den bedeutenden Küstenhansestädten des Nordens und zwangen sie aus dem Bund auszusteigen. Gleichzeitig drangen die Engländer und Holländer verstärkt in den Wirtschaftsraum der Ostsee vor, die Hanse bekam starke Konkurrenz.
Den zunehmend komplexer gewordenen politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten des 15. Jahrhunderts fiel bald die hansische Solidarität zum Opfer, da es immer schwieriger wurde, einheitliche Entscheidungen zu treffen. Die Hanse sprach immer weniger mit einer Stimme. Während im 15. Jahrhundert der internationale Handel immer engere Verflechtungen einging, erstarrte die Hanse zunehmend im wenig flexiblen Festhalten an überkommenen Privilegien. Als Konstrukt des Mittelalters war der Bund der Kaufleute und Städte dem wirtschaftlichen und politischen Aufbruch Europas in die Moderne nicht länger gewachsen.
Gregor Delvaux de Fenffe, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Die Hanse - von Koggen und Kaufleuten, 22.08.2005








