Philip Rosenthal

Porträt von Philip Rosenthal junior, der zur Seite schaut, lächelt und eine Zigarre raucht.

Deutsche in der Fremdenlegion

Philip Rosenthal

Von Birgit Amrehn

Die meisten kennen seinen Namen nur als Markenbezeichnung des bekannten deutschen Porzellans. Dass Philip Rosenthal zu Beginn des Zweiten Weltkriegs freiwillig in die Fremdenlegion eintrat, wissen nur wenige. Dabei gab der erfolgreiche Unternehmer offen zu, dass diese Zeit für ihn die lehrreichste war.

Sohn des Porzellanfabrikanten

Philip Rosenthal wurde am 23. Oktober 1916 in Berlin geboren. Sein gleichnamiger Vater war der Firmengründer der heute weltweit berühmten Porzellanfabrikation Rosenthal AG. Zunächst zeigte Rosenthal wenig Interesse an dem väterlichen Unternehmen.

1930 trat er begeistert der Hitlerjugend bei. Damals hatte er noch keine Ahnung, dass einer seiner Großväter Jude war. 1934 schickte ihn sein Vater nach England, wo er zunächst das St. Laurence College in Ramsgate besuchte.

Anschließend studierte er in Oxford Philosophie, Politik und Volkswirtschaft. Von dort aus erlebte er mit, wie sein Vater in Deutschland wegen nationalsozialistischer Rassengesetze aus seinem Besitz gedrängt wurde.

Als Nazigegner in die Fremdenlegion

Nach seinem Studium in Oxford packte Rosenthal das Fernweh. Zu Fuß und per Anhalter wollte er sich über Frankreich durch den Balkan und die Türkei bis nach Persien durchschlagen. In Frankreich erfuhr er vom Kriegsausbruch.

Inzwischen zum Nazigegner geworden, wollte sich Philip Rosenthal dem Kampf gegen die Nationalsozialisten anschließen. Da er jedoch die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, blieb ihm nur die Möglichkeit, in einer nichtkämpfenden Militäreinheit der britischen Armee unterzukommen.

Das war ganz und gar nicht nach dem Geschmack des Abenteurers: "Monatelang in England rumsitzen, um dann im Pioneercorps zu schaufeln? Nein, danke! Wenn dies meine Jahre von Blut und Grauen waren, dann sollten sie wenigstens so viel Blut und Grauen bieten, dass sie interessant waren".

Und noch ein anderer Grund bestärkte seinen Entschluss, in die französische Fremdenlegion zu gehen: Er wollte raus aus dem wohlbehüteten Glashaus, in dem er lebte. Rosenthal wollte eigene abenteuerliche und gefährliche Erfahrungen sammeln.

Am 8. September 1939 meldete er sich in Marseille freiwillig zur französischen Fremdenlegion und unterschrieb den Vertrag über die üblichen fünf Jahre Dienstzeit.

Fremdenlegionäre stehen zum Appell in Reih und Glied. Sie halten ihre Gewehre seitlich senkrecht in die Höhe.

Fremdenlegionäre beim Appell

Das Legionsleben: Arbeit statt Abenteuer

Schon bald merkte Philip Rosenthal, dass er die erhofften Abenteuer bei der Fremdenlegion nicht finden konnte. Anstatt in Europa zu kämpfen, wurde er nach der Grundausbildung in der Wüste Südmarokkos eingesetzt.

Er diente in der Maultierkompanie "Compagnie Montée du troisième". Seine Kompanie patrouillierte in Gewaltmärschen durch die Wüste, um die französische Präsenz zu demonstrieren und Unruhen in der Bevölkerung zu unterbinden.

Auch das Leben im Basislager bot keine aufregenden Erlebnisse. Dass die Fremdenlegion Arbeit findet, wo eigentlich keine ist, musste Rosenthal am eigenen Leibe erleben. Von morgens bis abends wurden Rosenthal und seine Kameraden beschäftigt: Exerzieren, Wache, Häuser und Straßen bauen, Putzen, Inspektionen über sich ergehen lassen.

Schon bald hatte der junge Unternehmersohn die Nase von der Fremdenlegion voll. "Ich hatte nie ein Abenteuer in der Legion, bis ich versuchte, von ihr wegzukommen; aus dem einfachen Grunde, dass es kein Abenteuer ist, mehr Arbeit unter hässlichen Bedingungen und mit weniger Lohn und weniger Anerkennung zu leisten als die meisten Arbeiter der Welt."

Nicht nur, dass er als Legionär nie einen Schuss abgegeben hatte, störte ihn. Er kritisierte auch die Homosexualität unter den Legionären, den Suff und die mangelnde Kameradschaft in der Legion. Nach der Niederlage Frankreichs im Krieg reifte sein Entschluss, zu desertieren.

Fremdenlegionäre sitzen in Reihe auf dem Boden und klopfen mit Hämmern Steine.

Steine klopfen statt schießen

Fluchtversuche

Bereits nach einem Jahr in der Fremdenlegion versuchte Philip Rosenthal zu desertieren. Die ersten zwei Fluchtversuche schlugen fehl. Er wurde festgenommen, verbüßte jeweils kurze Zeit im Legionsgefängnis, um dann den Dienst in der Fremdenlegion wieder aufnehmen zu müssen.

Beim dritten Fluchtversuch schlug er sich bis Casablanca durch. Durch Zufall lernte Rosenthal einen Fremdenlegionär kennen, dessen Dienstzeit gerade abgelaufen war. Wie bei der Fremdenlegion üblich, hatte der Amerikaner in der Legion eine neue Identität angenommen. Er diente als Thomas Bartolomeo Echevarria aus Spanien.

Nach seiner Entlassung nahm der Amerikaner seinen alten Namen und seine alte Identität wieder an. Da die Entlassungspapiere der Legion jedoch noch auf den Namen Echevarria ausgefüllt waren, gelang es Rosenthal, mit diesen Papieren für sich einen Ausweis zu organisieren.

Aufnahme des Felsen von Gibraltar aus der Luft.

Die Felsen von Gibraltar bedeuteten für Rosenthal die Freiheit

Von nun an lebte Philip Rosenthal als Thomas Bartolomeo Echevarria. Seine neue Identität erlaubte es ihm, sich frei in Casablanca zu bewegen. Er arbeitete als Privatlehrer.

Nach einem halben Jahr versuchte er aus französischem Gebiet herauszukommen, um nach England zu gelangen. Er wurde gefasst, inhaftiert und später wieder auf freien Fuß gesetzt. Als er wieder inhaftiert werden sollte, gelang ihm die Flucht.

Rosenthal tauchte in Casablanca unter. Er begann als Spion für die französisch-marokkanische Untergrundbewegung zu arbeiten. Erneut wurde er inhaftiert und in ein Arbeitslager gesteckt. Dort arbeitete er im Steinbruch und als Schweinehirt.

Als er den Posten bekam, Lebensmitteltransporte nach Casablanca zu begleiten, gelang es ihm, die Verbindungen zur Widerstandsbewegung wieder herzustellen. Diese schaffte es, ihn aus dem Arbeitslager zu verlegen und ihn mit einer Schleusergruppe nach Gibraltar auf englisches Territorium zu bringen. Seine Flucht war gelungen.

Nach der Legion: Erfolg durch "Sein, Schein, Schwein"

Zurück in England schlug sich Rosenthal als Bäckerlehrling, Sprachlehrer und Journalist durch. Nach dem Krieg erhielten er und seine Mutter als Wiedergutmachung elf Prozent der Rosenthal-Aktien zurück.

1950 trat Rosenthal in das väterliche Unternehmen ein und übernahm sechs Jahre später den Vorstandsvorsitz. Zusammen mit namhaften Künstlern entwickelte er avantgardistische Produkte. Und er erweiterte die Produktpalette um Einrichtungsgegenstände.

Neben seinen unternehmerischen Aktivitäten engagierte sich Rosenthal in der Politik. Er war der Überzeugung, dass die Erträge des Wirtschaftens gerechter verteilt werden sollten. Als erster Unternehmer startete Rosenthal ein viel beachtetes System, das seine Belegschaft am Unternehmensgewinn beteiligte.

Als Mitglied der SPD übernahm Rosenthal verschiedene Funktionen. Er war unter anderem Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär im Wirtschaftsministerium.

Die Zeit in der französischen Fremdenlegion bezeichnete Rosenthal stets als eine der lehrreichsten in seinem Leben. Eine Schlussfolgerung lautete: "Erfolg ist etwas Sein, etwas Schein und sehr viel Schwein". Am 27. September 2001 starb Philip Rosenthal in seinem Schloss in Selb.

Vor schwarzem Hintergrund stehen eine schlichte weiße Teekanne und eine Tasse. Beide sind sehr unauffällig gestaltet.

Geschirr aus der Rosenthal AG-Produktion zwischen 1937 und 1945

Stand: 08.07.2019, 10:36

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