Heimat und Migration

Idyllisches kleines Dorf inmitten einer Blumenwiese

Migrationsland Deutschland

Heimat und Migration

Gibt es eine Heimat in der Fremde? Was bedeutet Heimat für Menschen, die sie verlassen mussten? Und kann es vielleicht zwei oder sogar mehr "Heimaten" geben? Angesichts der weltweiten Wanderungsbewegungen sind diese Fragen aktueller denn je.

Verlust der Heimat

Globalisierung, wirtschaftliche Krisen und Kriege führen dazu, dass überall auf der Welt Menschen ihre Heimat verlassen. Manchmal geschieht das freiwillig, doch in vielen Fällen sind Menschen zur Auswanderung gezwungen.

Der Verlust von Heimat, die Trennung von Familie, Freunden und der gewohnten Umgebung wird umso schlimmer empfunden, je unwahrscheinlicher eine Rückkehr in die Heimat erscheint.

Männer auf einem übervollen Flüchtlingsboot

Tausende von Flüchtlingen verlassen ihre Heimat in Nordafrika

Wie viel Heimat braucht der Mensch?

Die globalisierte Welt hat die Anforderungen an Mobilität und Flexibilität stark verändert. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von Heimat zu. Das Leben des Einzelnen verändert sich rasant, im Gegenzug suchen die Menschen nach Fixpunkten. Das Bedürfnis der Menschen nach Heimat wird mit wachsender Unübersichtlichkeit des Lebens immer größer.

Für einen zeitgemäßen Heimatbegriff plädiert der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger: Heimat könne nicht die idealisierte Vorstellung einer längst vergangenen Welt sein, wie sie die Heimatbewegung des 19. Jahrhunderts beschwor. Sie dürfe nicht eng definiert und rückwärtsgewandt sein. Damit wird deutlich, dass Heimat ein Projekt für die Zukunft ist, das von der Gesellschaft gestaltet wird.

Heimat ist auch nicht mehr zwingend der eine Ort, sondern kann an verschiedenen Plätzen liegen: Heimat ist heute zum Plural geworden. Und schon der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977) meinte, Heimat solle Platz haben für einheimische Traditionen, aber auch offen sein für Fremde und Fremdes.

Person zieht einen roten Rollkoffer

Unsere Gesellschaft wird immer mobiler

Sehnsucht nach Daheim

Gerade Migranten sehnen sich nach ihrer Heimat. Diese ersehnte Heimat hat oft nichts mehr zu tun mit der Heimat, die sie einmal verlassen haben. Nicht selten macht dieses Heimweh besonders ältere Migranten, die in ihrer Sehnsucht nach ihrer alten Heimat verharren, psychisch und physisch krank.

Für die zweite und dritte Generation der Einwanderer hierzulande ist meist Deutschland die Heimat. Das Gefühl der Zugehörigkeit hängt jedoch davon ab, wie offen die Gesellschaft für ihre Einwanderer ist.

Die Nachkommen der Migranten haben häufig auch noch eine enge Beziehung zum Herkunftsland ihrer Eltern oder Großeltern. Sie empfinden gleichzeitig das Land ihrer Vorfahren als Heimat. In einer Zeit ständiger Umbrüche hat sich die Heimat verändert und das Fremde ist Teil von ihr geworden.

Gleich geblieben ist jedoch die Sehnsucht nach Heimat, der Wunsch nach Geborgenheit, Zugehörigkeit und Orientierung. Heimatgefühl kann beim Geruch von Omas Hefezopf entstehen, aber auch beim Geruch von Revani, dem türkischen Grießkuchen.

Griechisches Dorf an der Küste

Heimweh produziert oft ein idealisiertes Bild von Heimat

Gibt es ein Recht auf Heimat?

Die Frage nach einem Recht auf Heimat zeigt, wie unscharf der Begriff "Heimat" ist. Die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" untersagt Verbannung und den willkürlichen Entzug der Staatsbürgerschaft. Daraus wird häufig ein Heimatrecht abgeleitet.

Auch in der Charta der deutschen Heimatvertriebenenverbände findet sich die Forderung nach einem solchen Recht. Doch ein ausdrücklicher Anspruch auf Heimat ist im Internationalen Recht nicht anerkannt.

Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink weist in seinem Text "Heimat als Utopie" darauf hin, dass das Menschenrecht auf Heimat ein elementares Bedürfnis und gleichzeitig ein Wunschtraum ist. Heimatrecht bedeute das Recht auf Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft, die auch vor zielloser Flucht und Vertreibung schützt – ein Recht, das für viele Menschen in der Welt nach wie vor unerreicht ist.

Kinder sitzen auf einem vollbepackten LKW an der türkisch-syrischen Grenze

Flüchtlinge an der syrisch-türkischen Grenze

Autorin: Ana Rios

Stand: 09.05.2016, 10:32

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