Die Virchow-Studie – Rassenkunde im 19. Jahrhundert

Rudolf Virchow

Nationalsozialistische Rassenlehre

Die Virchow-Studie – Rassenkunde im 19. Jahrhundert

Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts widmeten sich zahlreiche Anthropologen der sogenannten Rassenkunde. Sie untersuchten Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion nach körperlichen Charakteristika wie der Kopfform. Ihr Ziel war es, die Menschen in Gruppen oder eben auch "Rassen" einzuteilen. 1874 führte der deutsche Mediziner Rudolf Virchow im Auftrag der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft eine solche Untersuchung durch.


Das Ziel

Virchow und seine Mitarbeiter erfassten im gesamten Deutschen Reich Haarfarbe, Augenfarbe und Körpergröße von sieben Millionen Schulkindern. Mehr als 70.000 von ihnen waren jüdischen Glaubens.

Die Forscher wollten durch die Studie Aufschluss über die Verbreitung und die Beschaffenheit der Rassen in Deutschland erhalten. Ein besonderes Augenmerk legten sie auf das Erscheinungsbild einer "jüdischen" und einer "germanischen Rasse".

Trotz dieser Zielsetzung kann Virchow keine rassistische oder rechtsextremistische Gesinnung unterstellt werden. Als Anthropologe lag sein Forschungsinteresse in einer objektiven Bestandsaufnahme der Rassenverteilung im Deutschen Reich. Dies war für die wissenschaftliche Forschung in dieser Zeit durchaus üblich.

Erst in der Zeit des Nationalsozialismus erfuhr Virchows Studie eine rassistische Auslegung. Sie diente den Nazis als eine Art Beweis für die Gefährdung der Reinrassigkeit durch Menschen jüdischen Glaubens.

Die Ergebnisse

Virchow nutzte die gesammelten Daten als Ausgangspunkt für die Unterscheidung zwischen einem "blonden" und einem "brünetten Typus". Ersterer bezog sich auf Schüler mit blonden Haaren, blauen Augen und einem hellen Teint.

Der zweite Typus umfasste alle brünetten und braunäugigen Schüler mit dunklem Teint. Virchow kam zu dem Ergebnis, dass weder die jüdische noch die germanische Rasse eine Einheit bildeten: Von den mehr als 70.000 untersuchten jüdischen Schülern war fast die Hälfte dem brünetten und etwa 8.500 dem blonden Typus zuzuordnen. Der Rest entsprach keinem der beiden Typen.

Die etwa 6,9 Millionen nicht-jüdischen Schüler boten ein ähnlich ungleiches Bild: Nur etwa ein Drittel von ihnen war blond, blauäugig und hellhäutig. Fast eine Million war brünett, braunäugig und hatte einen dunklen Teint. Mehr als die Hälfte der nicht-jüdischen Schüler war nicht eindeutig zu klassifizieren.

"Die klassischen Merkmale der germanischen Rasse beschränken sich also auf ein Drittel der heutigen deutschen Jugend", folgerte Virchow aus den Ergebnissen.

Die Forscher fanden durch die Erhebung auch etwas über die Verteilung der beiden Typen heraus: Im Süden des Deutschen Reichs gab es mehr brünette, braunäugige Schüler mit dunklem Teint, im Norden mehr blonde, blauäugige mit hellem Teint.

Das galt jedoch nicht für Gebiete nahe Oder, Rhein und Donau. Hier stellten die Anthropologen die stärkste Mischung der beiden Typen fest.

Die Schlussfolgerungen

Nach Abschluss seiner Untersuchungen verfasste Virchow eine Schlussbetrachtung zu seiner Studie. Darin schrieb er:

"Es klingt fast beschämend, wenn gesagt werden muss, dass wir nicht einmal so weit sind, für die uns zunächst angehenden Völkergruppen oder Nationalitäten, für Kelten, die Germanen und die Slawen typische Unterscheidungsmerkmale im naturwissenschaftlichen Sinne des Wortes zu finden – Merkmale, an denen wir sicher zu entscheiden wüssten, ob ein bestimmtes Individuum zu der einen oder anderen Nationalität in wirklicher und reiner Abstammung gehöre. Am Ende sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen größer als die zwischen den Rassen."

Autoren: Ulrich Baringhorst/Andrea Böhnke

Stand: 21.11.2017, 10:40

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