Vordenker der NS-Rassenlehre

Eine sogenannte Rassetafel aus dem 19. Jahrhundert, die Zeichnungen von Köpfen verschiedener Rassen darstellt.

Nationalsozialistische Rassenlehre

Vordenker der NS-Rassenlehre

Für ihre Rassenlehre griffen die Nazis auf zwei pseudowissenschaftliche Ansätze aus dem 19. Jahrhundert zurück: die Rassentheorie und die Rassenhygiene. Sie übertrugen diese auf das deutsche Volk. Die Nazis verfolgten und ermordeten Millionen Juden, Kranke und Menschen mit Behinderung, indem sie diese zu Ballastexistenzen des deutschen Volkes degradierten.


Rassentheoretiker: Es gibt eine herrschende Rasse

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an versuchten Forscher weltweit, die Menschheit in verschiedene Rassen einzuteilen. Sie erhoben Daten und stellten Theorien auf. Bekanntheit erlangten damals vor allem die Überlegungen des Schriftstellers Arthur de Gobineau. Zwischen 1853 und 1855 veröffentliche er vier Bücher zu dem Thema.

Gobineau teilte die Menschheit in drei Rassen ein: Er unterschied eine weiße, eine gelbe und eine schwarze Rasse. Die weiße hielt Gobineau für die überlegene Rasse. Er bezeichnete sie auch als arische Urrasse, die zum Herrschen über die anderen bestimmt sei.

Zugleich warnte er vor einer Rassenmischung. Diese sei zwar faktisch gegeben, gefährde aber die Qualität der arischen Urrasse sowie der Menschheit insgesamt. Nur in Skandinavien sei die Urrasse noch rein.

Gobineaus Theorie fand seinerzeit großen Anklang. Viele Wissenschaftler und Gelehrte nutzten sie, um eigene Abhandlungen zum Thema zu verfassen.

Einer von ihnen war Houston Stewart Chamberlain. 1899 veröffentlichte der Brite ein Buch, in dem er die rassentheoretischen Annahmen Gobineaus auf ein neues Level hob. Er verband sie mit einem radikalen Antisemitismus: Chamberlain erklärte die Juden zu einer eigenen Rasse – mehr noch – zum Hauptfeind der arischen Urrasse. Daher müsse die Urrasse sie vernichten.

Sozialdarwinisten: Nur die Stärksten überleben

Andere Rassentheoretiker, wie etwa die Sozialdarwinisten, gingen noch einen Schritt weiter als Gobineau und Chamberlain. Sie erklärten den Rassenkampf zu einem Naturgesetz. Für ihre These beriefen sie sich auf den Naturforscher Charles Darwin. Darwin ging davon aus, dass in der Natur ein stetiger Kampf ums Dasein herrsche.

Diesen überlebten seiner Ansicht nach nur diejenigen, die sich am besten an ihre Umwelt anpassen konnten. Alle anderen seien zum Aussterben verurteilt. Dadurch würden ungünstige Merkmale automatisch ausgelöscht und die Arten könnten sich langfristig höher entwickeln. Darwin nannte dieses Prinzip "natürliche Auslese" oder auch "survival of the fittest".

Die Sozialdarwinisten glaubten, dass auch die Menschen in einen stetigen Kampf ums Dasein verwickelt seien. Nur die Stärksten könnten diesen gewinnen. Es sei daher von der Natur vorher bestimmt, dass kranke, schwache und arme Menschen nicht überleben dürften. Nur so könne sich die Menschheit höher entwickeln.

Rassenhygieniker: Zucht der Menschheit

Der Sozialdarwinismus war der Ausgangspunkt für eine noch radikalere Theorie: die der sogenannten Rassenhygiene. Sie entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Vertreter meinten, die natürliche Auslese werde durch die zunehmende Zivilisation behindert: Kranke, schwache und arme Menschen würden sich ungehindert fortpflanzen. Dadurch sei die Qualität der Menschheit gefährdet.

Die Rassenhygieniker planten daher, in den natürlichen Selektionsprozess einzugreifen und ihn zu unterstützen. Sie schlugen hierfür zwei Vorgehensweisen vor: Sie wollten die Fortpflanzung von Erbgesunden fördern und die von Erbkranken verhindern. Schon bald gab es entsprechende Unternehmungen.

1905 gründete der Mediziner Alfred Ploetz die Gesellschaft für Rassenhygiene. Diese sollte die Rassenhygiene wissenschaftlich begründen. Vier Jahre später verfassten der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche die Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens".

In dieser rechtfertigen sie die Tötung bestimmter Neugeborener: "Die unheilbar Blödsinnigen ... haben weder den Willen zu leben noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müsste. Ihr Leben ist absolut zwecklos, .... Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sie eine furchtbare schwere Belastung. Ihr Tod hinterlässt nicht die geringste Lücke."

In den darauffolgenden Jahren stieg die Akzeptanz der Rassenhygiene nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und auch Amerika stetig. 1923 entstand in München der erste Lehrstuhl für Rassenhygiene. Kurz darauf wurde es auch zum Pflichtfach für Medizinstudenten.

Autorin: Andrea Böhnke

Stand: 21.11.2017, 10:50

Darstellung: