Interview mit der Soziologin Lena Hipp

Portraitaufnahme von Lena Hipp.

Familie im Wandel

Interview mit der Soziologin Lena Hipp

Von Ana Rios

Lena Hipp ist Professorin für Soziologie an der Universität Potsdam und leitet die Forschungsgruppe "Arbeit und Fürsorge" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Planet Wissen hat mit ihr über Familie gesprochen, über Idealbilder und darüber, wie sich Familie ständig verändert.

Planet Wissen: Frau Hipp, was verstehen wir heute unter Familie?

Lena Hipp: Familie ist, wenn mehrere Generationen, mindestens aber zwei, zusammenleben. Wenn die Familie intakt ist, unterstützen sich die Mitglieder nicht nur emotional, sondern auch ökonomisch und sozial. Eine Familie hat also mehrere Funktionen: Sie dient der Reproduktion und Sozialisation ihrer Mitglieder und sichert ihre wirtschaftliche Existenz. 

Wie wichtig sind Familien für unsere Gesellschaft?

Sie sind der Kern einer Gesellschaft. Kinder werden in eine Familie geboren, sie werden da großgezogen, erzogen und sozialisiert. Der Mensch braucht ein enges Netz, das ihm die Familie geben kann.  Es ist nicht nur ökonomisch wichtig, sondern auch emotional und psychologisch.

"Vater, Mutter, Kind" – ist das noch heute das Ideal von Familie?

Es ist tatsächlich ein sehr mächtiges Bild, das unser Verständnis von Familie prägt: Die bürgerliche Kleinfamilie, "Vater, Mutter, Kind", ist meist die erste Konstellation, an die wir denken, wenn wir Familie hören. Das Bild stammt aus den 1950er und 1960er Jahren, darum ist es so erstaunlich, dass wir es jetzt immer noch haben. Vater, Mutter, verheiratet, ein oder mehrere leibliche Kinder. Er sorgt sich um das materielle Einkommen, sie bleibt zu Hause und kümmert sich um das Kind. Diese Vorstellung prägt uns heute noch, spiegelt aber längst nicht mehr die Realität.

Familie bei einem Brettspiel.

Wie sieht die Realität aus?

Es gibt immer mehr Patchwork-Familien und auch der Anteil von Familien mit alleinerziehendem Elternteil wird immer größer. Jemand hat vielleicht ein Kind mit einem Partner und ist nicht verheiratet. Man trennt sich wieder und es gibt eine Fortsetzungsfamilie. Es kommt ein neues Kind dazu oder das Paar nimmt ein Pflegekind auf. Mittlerweile gibt es – auch wenn der Anteil noch klein ist – immer mehr Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern, auch Regenbogenfamilien genannt. Das alles ist auch Familie. Trotzdem denken wir normalerweise eher an die bürgerliche Kleinfamilie.

Warum war die Kleinfamilie besonders in den 1950er Jahren so beliebt?

Die Kleinfamilie wird ein wichtiger Rückzugsort in Zeiten von Unsicherheit. Und natürlich gab es nach dem Krieg extreme Unsicherheit. Die Familie war der Ort der Beschaulichkeit nach den Jahren, die so anstrengend, gefährlich und schlimm waren. Deshalb sprechen Soziologen vom "Goldenen Zeitalter" der Ehe in den 1950er und 1960er Jahren. Alle westlichen Industrienationen haben dieses Bild aus dieser Zeit ganz stark verinnerlicht.

Was sind heute die großen Herausforderungen für die Familie?

Das ist natürlich individuell. Die meisten Probleme lassen sich aber an einer Zeit-Geld-Achse festmachen. Für eine Familie braucht man Geld, aber gleichzeitig auch Zeit. Und entweder man hat das eine oder andere nicht – oder in vielen Fällen von beidem nicht genug. Das ist eine Herausforderung, die es zu meistern gilt und sowohl seitens staatlicher Institutionen als auch seitens unserer Gesellschaft Unterstützung bedarf. Wir sollten Familien die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern.

Mädchen beim Wäscheaufhängen.

Wie können Familien unterstützt werden?

Familien brauchen Zeit. Besonders in der Phase, wenn die Kinder noch klein sind. Aber auch Kinderlose sollten die Möglichkeit haben, in bestimmten Lebensphasen weniger zu arbeiten. Vielleicht wollen sie mehr Zeit mit ihren Eltern oder auch Freunden verbringen. Fürsorge brauchen nicht nur Kleinkinder.

Konkrete Unterstützung könnte folgendermaßen aussehen: In manchen Partnerschaften ist die Arbeit gleich verteilt, in anderen wiederum noch nicht. Wenn wir eine Politik finden, die es beiden ermöglicht, weniger zu arbeiten und damit Erwerbs- und Familienzeiten egalitärer aufzuteilen, dann ist schon viel gewonnen.

Gleichzeitig sollte es für alle Familien gute Betreuungsangebote geben. Und zwar solche, die nicht mit dem Übergang in die weiterführende Schule, also mit der 5. Klasse, enden. Auch danach brauchen Kinder noch Betreuung. Und es ist nicht nur die Quantität – da hat sich in den letzten Jahren ja viel getan – sondern auch die Qualität entscheidend. Also gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher, die ordentlich bezahlt werden. Und das betrifft alle Familienkonstellationen – Einelternfamilien genauso wie Regenbogenfamilien oder traditionelle Familien.

Frau Hipp, vielen Dank für das Gespräch!

Stand: 13.08.2019, 11:00

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