Muhammad Ali – vom Großmaul zum Helden

Der schwarze Boxer Muhammad Ali vor dem Kampf

Boxen

Muhammad Ali – vom Großmaul zum Helden

"The Greatest of all Time" – so bezeichnete er sich gerne selbst. Zu Recht: Muhammad Ali gilt heute als einer der größten Sportler aller Zeiten und wird weltweit verehrt und gefeiert. Doch das war nicht immer so. Am Anfang seiner Karriere wurde Ali als Großmaul abgetan. Ein Sportler, der Gesellschaftskritik übte, ein Schwarzer, der offensiv auf seine Rechte pochte - das war zu viel für das konservative Amerika der 1960er Jahre. Doch die Zeiten änderten sich, und Ali wurde vom Vaterlandsverräter, der den Kriegsdienst verweigerte, zum umjubelten Träger des olympischen Feuers.


Ein gestohlenes Fahrrad als Karrierestart

Die Karriere des größten Boxers aller Zeiten beginnt im Jahr 1954 mit einem Fahrraddiebstahl. Cassius Clay, zwölf Jahre alt, fährt zu einem Basar in seiner Heimatstadt Louisville. Vielleicht spendiert ihm jemand ein Eis oder ein bisschen Popcorn, so seine Hoffnung. Nachdem er einige Zeit zwischen den Ständen herumgestromert ist, wird es Zeit für den Heimweg.

Doch als er den Basar verlässt, bricht er in wütende Tränen aus: Sein nagelneues, rotweißes Fahrrad ist gestohlen. Er rennt zu einem Polizisten, fordert eine landesweite Fahndung und droht dem dreisten Dieb schwere Prügel an. "Weißt du überhaupt, wie man kämpft?", fragt ihn der Polizist Joe Martin, der in seiner Freizeit ein Boxzentrum leitet. "Nein, aber ich würde es trotzdem machen", lautet Clays Antwort.

Martin schlägt dem jungen Heißsporn vor, ein Probetraining zu absolvieren. Der Junge macht Fortschritte und schon sechs Wochen später bestreitet er seinen ersten Kampf. Er gewinnt knapp nach Punkten, und als der Schiedsrichter seinen Arm hochhält, brüllt er durch die Halle: "Seht mich gut an. Bald werde ich der Größte aller Zeiten sein!"

Den Worten folgen schnell Taten. Clay macht sich einen Namen und gilt als einer der talentiertesten Jungboxer der USA. 1960 vertritt er sein Land bei den Olympischen Spielen in Rom und holt in seinem letzten Amateurkampf die Goldmedaille im Halbschwergewicht.

Weltmeister mit unkonventionellen Mitteln

Nach dem Wechsel ins Profilager muss sich Clay erneut beweisen. Stück für Stück arbeitet er sich die Rangliste hoch, um die Chance zu bekommen, die ihm seiner Meinung nach zusteht: einen WM-Kampf. Von 1960 bis 1963 bestreitet er 20 Kämpfe, die er alle gewinnt. Er findet mehr und mehr Beachtung, und besonders sein unkonventioneller Boxstil sorgt für Aufsehen.

Clay verzichtet meist darauf, seine Arme zur Deckung hochzuhalten. Stattdessen verlässt er sich auf seine ungemein schnelle Beinarbeit und sein gutes Auge, das ihn viele Schläge im Ansatz erkennen lässt. "Float like a butterfly, sting like a bee" ("Fliege wendig wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene") – so beschreibt er seinen Kampfstil.

Zwei schwarze Boxer im Ring. Der eine weicht einem Schlag des anderen aus.

Mit schnellen Schritten tanzte Ali seine Gegner aus

Im Februar 1964 erhält er seine Chance. Er fordert den WM-Titelträger Sonny Liston heraus. Clay gilt als krasser Außenseiter, doch er glaubt fest an sich. Vor dem Kampf macht er sich über Listons Leseschwäche lustig und beschimpft ihn: "Du zitterst ja vor Angst, du hässlicher Bär. Du hast keine Chance gegen mich!"

Die psychologische Kriegsführung fruchtet: Liston findet kein Mittel, seine überlegene Schlagkraft gegen den schnellen Clay einzusetzen und gibt in der siebten Runde auf, entkräftet und entnervt. Clay ist der neue Weltmeister und untermauert seinen Status, als er Liston im Rückkampf in der ersten Runde K.o. schlägt.

Aus Cassius Clay wird Muhammad Ali

Clay nimmt den Titelgewinn zum Anlass, sein Leben grundlegend zu ändern. Er konvertiert zum Islam und tritt den "Black Muslims" bei, die radikale politische Ziele verfolgen und auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Außerdem verkündet er, dass er seinen "Sklavennamen" Cassius Clay abgelegt habe. Er will fortan nur noch Muhammad Ali genannt werden.

Für viele Schwarze wird er dadurch zur Symbolfigur, die weiße Öffentlichkeit reagiert größtenteils mit Unverständnis. Boxerisch läuft es für Ali gut. Bis 1967 gewinnt er alle seine Kämpfe mit Leichtigkeit und demonstriert seine technische Überlegenheit. Doch dann kommt ihm seine politische Einstellung in die Quere.

Ali soll als Soldat eingezogen und nach Vietnam geschickt werden. Doch er weigert sich. "I ain't got no quarrel with them Vietcong" ("Ich habe keinen Ärger mit dem Vietcong") lautet seine viel zitierte Begründung. Die Folgen für ihn sind drastisch. Eine fünfjährige Haftstrafe, der er dank einer hohen Kaution entgehen kann, wird ausgesprochen.

Zudem wird ihm von den Boxverbänden der Weltmeistertitel aberkannt und Boxverbot erteilt. Da sein Pass eingezogen wird, kann er auch nicht im Ausland boxen. Ali, 25 und somit im besten Boxeralter, ist zur Untätigkeit verdammt. Doch er gibt nicht nach, hält politische Vorträge und tritt weiter gegen den Krieg und für die Rechte der Schwarzen ein.

Cassius Clay

Cassius Clay Anfang der 1960er Jahre

They never come back? Das gilt nicht für Ali

Als sich die öffentliche Meinung dreht und sich immer mehr Menschen gegen den Vietnamkrieg aussprechen, können die Boxverbände ihre harte Linie nicht aufrechterhalten. Ali darf wieder boxen. Doch die dreieinhalbjährige Pause zeigt Spuren. Die Leichtigkeit im Ring ist verschwunden.

1971 muss er seine erste Niederlage als Profi hinnehmen. Junge, starke Boxer wie Joe Frazier und George Foreman beherrschen das Geschehen. Ali gilt als Champ von gestern, der allerdings noch einen guten Ruf hat und mit dem sich eine Menge Geld verdienen lässt.

1974 bietet der Boxpromotor Don King Ali und Foreman je fünf Millionen Dollar für einen WM-Kampf. Aus Steuergründen findet der Kampf in Zaire statt und wird zum Wendepunkt in Alis Karriere. Er geht als Außenseiter in den "Rumble in the Jungle", doch er überrascht Foreman mit einer neuen Taktik. Statt zu tänzeln, hebt er die Deckung. Er boxt passiv und steckt Dutzende von Schlägen ein.

Der Plan geht auf: Als Foreman müde wird, schlägt Ali ihn mit einer schnellen Kombination K.o. Ali gelingt das Unmögliche, er schafft das Comeback als Weltmeister und wird auf den Straßen Kinshasas gefeiert wie ein Volksheld. Ali ist zur wichtigsten Identifikationsfigur der Schwarzen weltweit geworden, und auch die meisten Weißen zollen dem einst als "Großmaul" verschrienen Boxer nun Respekt.

Rumble in the Jungle: Ali vs. Foreman

1974 gelang Ali in Zaire das Comeback

Karriereende und Krankheit

1975 liefert sich Ali mit dem "Thrilla in Manila" einen letzten großen Kampf gegen Frazier, danach tritt er meist gegen technisch beschränkte und ungefährliche Boxer an. Gerüchte um Finanzprobleme werden laut. Es heißt, Ali boxe nur noch, um seinen ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren und seine acht Kinder und zwei Ex-Frauen zu versorgen.

1979 gibt er seinen Titel zurück, im Dezember 1981 steigt er auf den Bahamas ein letztes Mal in den Ring. Er verliert nach zehn Runden gegen den als zweitklassig eingestuften Kanadier Trevor Berbick.

Doch die sportlich wertlosen Kämpfe könnten ein Nachspiel gehabt haben. 1982 wird bei ihm die Nervenkrankheit Parkinson diagnostiziert. Ali bestreitet allerdings, dass die Krankheit etwas mit seinen Kämpfen zu tun habe. Er sieht sie als "Prüfung Gottes" und geht offensiv mit ihr um.

Obwohl er immer stärker zittert und Sprache und Gesichtsmuskeln kaum kontrollieren kann, sucht er den öffentlichen Auftritt und macht so vielen Kranken Mut. 1996 entzündet er bei den Olympischen Spielen in Atlanta das Feuer. Spätestens jetzt ist klar: Der Mann, der früher die Öffentlichkeit polarisierte und provozierte wie kaum ein anderer, ist zur Ikone geworden, die weltweite Verehrung erfährt.

Muhammad Ali im Trainingsanzug entzündet mit einer Fackel eine Flamme.

Großer Auftritt trotz Krankheit: 1996 in Atlanta

Am 03. Juni 2016 verstirbt Muhammad Ali im Alter von 74 Jahren in einem Krankenhaus in Scottsdale. Einen Tag zuvor war er dort wegen Atemwegsbeschwerden eingeliefert worden. Seine jahrzehntelange Krankheit hat ihn jedoch so sehr geschwächt, dass er an den Folgen eines septischen Schocks verstirbt.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 20.06.2018, 15:36

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