Die Klitschkos

Wladimir und Vitali Klitschko mit Weltmeistergürteln

Boxen

Die Klitschkos

Vitali und Wladimir Klitschko gehören zu den weltweit bekanntesten Ukrainern. Das liegt zum einen an ihrem sportlichen Talent: Das Brüderpaar dominiert seit Anfang des Jahrtausends das Schwergewichtsboxen. Aber auch ihr Auftreten und Engagement jenseits des Boxrings hat die promovierten Sportwissenschaftler populär gemacht.


Zwei Brüder, eine Leidenschaft

Vitali Klitschko wird am 19. Juli 1971 geboren, sein Bruder Wladimir am 25. März 1976. Im Gegensatz zu vielen anderen Boxern, für die der Sport ein Vehikel des sozialen Aufstiegs darstellt, kommen sie aus geordneten Verhältnissen. Die Mutter der beiden ist Lehrerin, der Vater Oberst bei der sowjetischen Luftwaffe. Die Familie zieht wegen des Berufs des Vaters oft um, was die Brüder nach eigenen Angaben noch mehr zusammenschweißt.

Die Sportbegeisterung der groß gewachsenen Brüder entsteht schon im Teenager-Alter. Die Eltern bevorzugen zwar Tischtennis, doch Vitali geht mit 14 Jahren zum ersten Mal zum Boxtraining im Armeesportclub seiner Heimatstadt Kiew, wo sein Talent schnell erkannt und er entsprechend gefördert wird.

Parallel zum Boxen betreibt er auch Kickboxen, in dem er zu Beginn seiner Sportkarriere erfolgreicher ist. 1991 wird er dort erstmals Vollkontakt-Weltmeister in der Klasse über 91 Kilogramm. Mitte der 1990er Jahre gibt Vitali das Kickboxen zugunsten des Boxens auf. 1995 wird er Vize-Weltmeister der Amateure im Superschwergewicht.

Atlanta 1996: Dopingsperre und Goldmedaille

Vitali Klitschko gilt als gesetzt für das Boxturnier im Rahmen der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta. Doch im Vorfeld der Spiele werden in seinem Blut Spuren von Steroiden nachgewiesen. Vitali macht einen Arzt dafür verantwortlich, der ihm ein falsches Medikament verabreicht haben soll, um eine Verletzung zu kurieren. Dennoch wird er wegen Dopings gesperrt.

Als Ersatz nominiert das ukrainische Olympia-Komitee seinen Bruder Wladimir. Wladimir, der ebenfalls als 14-Jähriger mit dem Boxen beginnt, steht seinem Zwei-Meter-Bruder nur in der Körpergröße etwas nach: Er misst "nur" 1,98 Meter. Ansonsten besitzt er dasselbe boxerische Talent und sammelt in den Juniorenklassen diverse nationale und internationale Titel. Zusammen mit Vitali tritt er für den Boxclub Flensburg in der Bundesliga an.

Wladimir Klitschko holt sich in Atlanta die Goldmedaille im Superschwergewicht. Er ist der erste Weiße seit 36 Jahren, dem das in der höchsten Boxklasse gelingt. Somit steht er als Olympiasieger in einer Reihe mit Boxlegenden wie Joe Frazier und George Foreman.

Wladimir Klitschko nutzt die gewonnene Aufmerksamkeit und wechselt vom Amateur- ins Profilager. Sein Bruder Vitali geht denselben Weg. Sie schließen sich dem deutschen Boxpromoter Klaus-Peter Kohl an und siedeln nach Hamburg über. Am 16. November 1996 bestreiten beide dort ihren ersten Profikampf – und siegen jeweils durch K.o.: Vitali siegt in der zweiten, Wladimir sogar in der ersten Runde.

Vitaly und Wladimir Klitschko

Karriere im Gleichschritt

Siege und Niederlagen bei Titelkämpfen

Es folgen in kurzen Abständen weitere Kämpfe der beiden, die allesamt mit schnellen Knock-outs für die Gegner enden. Vitali stellt mit 20 K.o.s in Folge einen Rekord von Mike Tyson ein, 1999 wird er schließlich zum ersten Mal Weltmeister im Verband WBO. Nachdem er seinen Titel zweimal verteidigen konnte, verliert er ihn im April 2000 gegen den US-Amerikaner Chris Byrd. Wegen einer Schulterverletzung muss Klitschko aufgeben und mehrere Monate pausieren.

Doch Bruder Wladimir stellt die Familienehre wieder her. Er besiegt Byrd im Oktober 2000 und ist nun auch WBO-Weltmeister. Er verteidigt seinen Titel fünfmal, bis er ihn im März 2003 überraschend an den Südafrikaner Corrie Sanders verliert. Nun ist es an Vitali, seinen jüngeren Bruder sportlich zu rächen. Das gelingt: Im April 2004 besiegt er Sanders und ist wieder Weltmeister.

Corrie Sanders besiegt Wladimir Klitschko 2003

Wladimir Klitschko am Boden: ein seltenes Bild

Doch Vitali wird immer öfter von Verletzungen geplagt. Nach mehreren Bandscheibenvorfällen und einem Kreuzbandriss tritt er im November 2005 vom Boxsport zurück.

Comeback und Dominanz

Auch Wladimir befindet sich in einem sportlichen Tief. 2004 bekommt er im Titelkampf vom US-Amerikaner Lamon Brewster seine Grenzen aufgezeigt und verliert aufgrund von Konditionsproblemen in der fünften Runde. Vermehrt werden Stimmen laut, er soll es seinem Bruder gleichtun und ebenfalls zurücktreten. Doch Klitschko berappelt sich und steigert seine Form.

2006 gewinnt er den WM-Titel der IBF gegen Chris Byrd, gegen den er schon sechs Jahre zuvor Weltmeister geworden ist. Diesen Titel verteidigt er bis März 2012 elfmal. Zu diesem Zeitpunkt ist er Weltmeister der Verbände IBF, WBO, WBA und IBO.

Wladimir Klitschko gewinnt 2000 den WBO-Titel

Die Klitschkos obenauf: ein gewohntes Bild

Vitalis Rücktritt ist nicht von Dauer. Anfang 2007 kündigt er seine Rückkehr in den Boxring an, doch aufgrund von neuerlichen Verletzungen dauert es bis zum Oktober 2008, bis er seinen Comeback-Kampf bestreiten kann. Er fordert den WBC-Weltmeister Samuel Peter heraus und besiegt ihn souverän. Somit sind alle wichtigen Schwergewichtstitel in den Händen eines Brüderpaars – ein Novum in der Boxgeschichte. Bis Februar 2012 verteidigt Vitali seinen Titel achtmal.

Die Klitschkos haben seit der Jahrtausendwende das Schwergewichtsboxen viele Jahre dominiert und die jahrzehntelange Vorherrschaft der US-Amerikaner gebrochen. Allerdings gibt es auch Stimmen, die den Boxstil der beiden als unspektakulär einstufen und die Gegnerauswahl kritisieren.

Dass Klitschko gegen Klitschko antritt, durfte man nie erleben. Einen Kampf gegeneinander schlossen die beiden kategorisch aus – schon ihrer Mutter zuliebe.

Leben und Engagement abseits des Rings

Die Klitschko-Brüder werden nicht nur in der Ukraine, sondern auch in ihrer "zweiten Heimat" Deutschland geschätzt und verehrt. Das hat einerseits mit ihrer Art und ihrem Auftreten zu tun. Die Klitschkos entsprechen nicht dem Bild des tumben Schlägers, der keinen Satz geradeaus sprechen kann.

Im Gegenteil: Beide sind eloquent, kulturinteressiert, gebildet – und promovierte Sportwissenschaftler, was ihnen die Kampfnamen "Dr. Eisenfaust" (Vitali) und "Dr. Stahlhammer" (Wladimir) beschert hat. Die Klitschkos unterstützen als Sportbotschafter die Unesco und engagieren sich für wohltätige Zwecke.

Ein besonderes Augenmerk in ihrem Engagement jenseits des Sports gilt der Demokratiebewegung in ihrer Heimat, die 2004 zur "Orangenen Revolution" führt: Nach der mutmaßlich manipulierten Präsidentschaftswahl sorgen die immer größer werdenden Proteste und Demonstrationen dafür, dass die Wahl wiederholt wird.

Die Klitschkos unterstützen die Demonstranten durch Statements und Interviews und bekennen Farbe, indem sie bei ihren Kämpfen Orange tragen. Nach seinem Rücktritt 2005 geht Vitali in die Politik. Er kandidiert 2006 und 2008 für das Amt des Bürgermeisters seiner Heimatstadt Kiew, verliert aber jeweils knapp.

2010 wird er Parteivorsitzender der Ukrainischen Demokratischen Allianz für Reformen, 2014 stellt er sich erneut zur Wahl, um Bürgermeister von Kiew zu werden und gewinnt mit 57,4 Prozent. Auch die Wiederwahl im Jahr 2015 gewinnt er, allerdings erst im zweiten Wahlgang. Aufgrund seiner politischen Verpflichtungen beendete er seine Boxkarriere 2014 offiziell.

Vitali Klitschko, Petro Poroshenko in London

Vitali Klitschko mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko 2014 in London

Wladimirs Ambitionen sind nicht auf die Politik, sondern auf die Leinwand gerichtet. So spielt er in den Kinofilmen "Ocean's 11", "1 ½ Ritter", "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" mit. In einem Videoclip des Sängers Chris Cornell zeigt er als eifersüchtiger Cowboy seine Tanzkünste. 2011 erscheint die Dokumentation "Klitschko", in der die Brüder einen bislang ungekannten Blick in ihr Privatleben zulassen.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 19.06.2018, 11:49

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