Ukrainische Geschichte im Zeitraffer

01:57 Min. Verfügbar bis 26.04.2026

Osteuropa

Ukraine

Spätestens seit dem November 2013 steht die Ukraine im Scheinwerferlicht der Weltpolitik. Davor schien sich kaum jemand für ehemalige Sowjetrepublik zu interessieren. Dabei blickt die Ukraine zurück auf eine bewegte Geschichte.

Von Annette Holtmeyer, Britta Schwanenberg, Tobias Aufmkolk

Vom Kiewer Reich zum Spielball fremder Mächte

Im 9. Jahrhundert wurde das erste ostslawische Reich auf ukrainischem Boden gegründet: die Kiewer Rus – ein riesiges Gebiet, das sich von der Stadt Alt-Ladoga im Nordwesten Russlands bis hin zur Stadt Beresan östlich von Kiew erstreckte.

Das Vielvölkerreich, zu dem slawische, finnische und baltische Stämme gehörten, erlebte zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert ein Goldenes Zeitalter mit blühendem Handwerk und Handel.

Als Höhepunkt galt die Zeit um 1040 unter Fürst Jaroslav dem Weisen, in der auch die berühmte Kiewer Sophienkathedrale erbaut wurde. Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln ist diese Zeit für die Ukrainer noch heute wichtig.

Über viele Jahrhunderte wechselten Machthaber und Bündnispartner in der Ukraine: Polen, Russen, Türken, Tataren, Litauer und Schweden spielten eine Rolle. Im 19. Jahrhundert erstarkte dann eine Nationalbewegung: Am 22. Januar 1918 erklärte das Land schließlich erstmals seine Unabhängigkeit als Ukrainische Volksrepublik.

Mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk erkannte die bolschewistische Regierung Russlands die Unabhängigkeit an – in den Augen vieler russischer Monarchisten war der Gebietsverlust empörend. Unter anderem deshalb kämpften sie im Bürgerkrieg von 1918 bis 1920 gegen die Bolschewisten.

Am Ende unterstand die Ukraine wieder fremden Staaten und wurde bald darauf aufgeteilt zwischen Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, die den größten Teil des Landes beanspruchte.

Harte Zeiten: Hunger und Krieg

Der östliche Teil der Ukraine gehörte ab 1919 zur Sowjetunion. Dort kam es unter dem Diktator Josef Stalin und seinen Zwangsmaßnahmen zwischen 1932 und 1934 zu einer schweren Hungersnot mit vier Millionen Toten. Einige Historiker gehen sogar von dreimal so vielen Opfern aus. Hunderttausende Bauern wurden enteignet und deportiert, dazu forderte Moskau hohe Getreideabgaben, die den Hunger noch verschlimmerten.

Knapp zehn Jahre später verhungerten Tausende unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Großstädte wie Kiew oder Charkiw wurden von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten.

Die Deutschen verübten während der Besatzungszeit furchtbare Gräueltaten in der Ukraine: Sie ermordeten 1,5 Millionen Juden, erschossen bei Massakern zum Teil bis zu 40.000 Menschen in wenigen Stunden und löschten ganze Dörfer systematisch aus.

Auch die Hungersnot unter Stalin und die deutsche Terrorherrschaft prägten das Bewusstsein der Ukrainer bis heute. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch der westliche Teil der Ukraine, der bis dahin zu Polen und zur Tschechoslowakei gehörte, sowjetisches Gebiet.

Schwarzweiß-Foto: Mehrere Menschen stehen um einen Verhungerten herum, der auf dem Bürgersteig liegt

Während der Hungersnot in den 1930ern starben Millionen

Unabhängigkeit und Ernüchterung

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte am 24. August 1991 zur ukrainischen Unabhängigkeit. Als Zeichen der Loslösung von der Sowjetunion wurden Straßen, Stadtviertel und Museen mit bislang sowjetischen Namen umbenannt und Lenin-Denkmäler demontiert.

Doch die Hoffnung vieler Ukrainer auf soziale Gerechtigkeit, Demokratie und funktionierende Marktwirtschaft erfüllte sich nicht – im Gegenteil: Unter Präsident Leonid Krawtschuk und ab 2004 unter seinem Nachfolger Leonid Kutschma rissen Geschäftsleute und Politiker gewinnbringende Wirtschaftszweige – zum Beispiel die Metall- und Erdölindustrie – an sich. Als sogenannte Oligarchen wurden viele unermesslich reich.

Währenddessen litt ein Großteil der Bevölkerung unter Arbeitslosigkeit, Inflation und dem schlechten Sozialsystem. Aus ihrem Schlaf erwachten die Ukrainer erst, als bekannt wurde, dass die ukrainische Regierung im Jahr 2000 den beliebten Journalisten Georgi Gongadse hatte ermorden lassen, der als scharfer Kritiker Kutschmas galt. Der Fall weitete sich zur Staatskrise aus, die schließlich in der Orangen Revolution mündete.

Bauer führt eine Kuh am Strick.

Unabhängigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Wohlstand für alle

Aufstand! Und dann? Die Orange Revolution

November 2004: Hunderttausende Ukrainer standen auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, und brüllten den Namen ihres Idols: Wiktor Juschtschenko. Es war das Aufbegehren eines Volkes gegen die manipulierten Präsidentschaftswahlen, nach denen der russisch orientierte Wiktor Janukowitsch zum Sieger erklärt worden war. Viele Teilnehmer schwärmten von der Aufbruchstimmung und der Solidarität in der Bevölkerung.

Auch der Westen blickte hoffnungsvoll auf die farbenfrohen, friedlichen Bilder. Schließlich galt der Oppositionspolitiker Wiktor Juschtschenko als ausgesprochen pro-westlich. Gemeinsam mit seiner Verbündeten Julia Timoschenko, der Schönen mit dem auffälligen Haarkranz, sagte Juschtschenko der Korruption den Kampf an. Sie versprachen den Ukrainern eine bessere Zukunft.

Wiktor Juschtschenko gewann zwar die Wiederholungswahl gegen Janukowitsch, schaffte es aber nicht, das Ruder herumzureißen. Nachdem die Revolutionsmannschaft der Regierung auseinandergefallen war, schrumpfte das Wirtschaftswachstum, ausländische Investoren zogen sich wieder zurück. Auf den farbenfrohen Rausch der Orangen Revolution mit ihren begeisterten Anhängern und großen Hoffnungen war längst die Ernüchterung gefolgt.

Menschenmenge bei Nacht mit orangefarbenen Fahnen.

Hunderttausende unterstützten die "Orange Revolution"

Ukraine im EM-Fieber

2012 stand die Ukraine wieder im Fokus. Ganz Europa blickte auf das Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft (EM). Für die ausländischen Fußballer und ihre Fans waren in rasantem Tempo neue Stadien hochgezogen worden, darunter die 250 Millionen teure Donbass-Arena in Donezk.

Neue Straßen, Hotels, Flughäfen und Bahnhöfe gab es; auf Straßenschildern standen neben der kyrillischen Schrift jetzt auch lateinische Buchstaben für die Touristen. "Klotzen statt kleckern" war die Devise. Die Ukrainer wollten der Welt beweisen, dass sie in der Lage waren, ausländische Gäste angemessen zu empfangen.

Was blieb, war die immense Kluft zwischen Superreichen und Armen. Während Milliardäre wie Rinat Achmetow auch an der EM verdienten, musste sich der Durchschnittsukrainer 2014 nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit umgerechnet knapp 240 Euro im Monat begnügen.

Noch immer zählt die Ukraine zu den ärmsten Ländern Europas. Obwohl die Hoffnung groß war, geändert hat sich all dies durch den Fußball nicht, und so gilt wohl auch in der Ukraine: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Das Foto zeigt die hochmoderne Donbass-Arena in Donezk von außen.

Die Donbass-Arena ließ Milliardär Rinat Achmetow bauen

West oder Ost? Auf der Suche nach Identität

Die Ukraine gilt nicht nur geografisch als "Puffer" zwischen dem Osten und dem Westen. In Umfragen spricht sich seit Jahren die Mehrheit der ukrainischen Bürger für eine Anbindung an die Europäische Union (EU) aus.

Dennoch verbindet die Ukraine geschichtlich und kulturell eine Menge mit Russland, nicht zuletzt auch die Sprache: Denn obwohl Ukrainisch seit der Unabhängigkeit offizielle Staatssprache ist, sprechen viele Ukrainer weiterhin besser Russisch als Ukrainisch.

Anfang 2014 verschärften sich die kulturellen Spannungen zwischen prowestlichen und prorussischen Ukrainern. Nach langen Demonstrationen in Kiew vertrieben oppositionelle Kräfte den gewählten Präsidenten Janukowitsch am 22. Februar aus dem Amt. Das Parlament erklärte ihn für abgesetzt, wählte eine Übergangsregierung und kündigte Neuwahlen für Ende Mai an.

Nur kurze Zeit später besetzten prorussische Kräfte alle wichtigen staatlichen Institutionen auf der Halbinsel Krim, auf der mehrheitlich russischstämmige Ukrainer lebten.

Das Regionalparlament trieb, vom russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstützt, innerhalb weniger Wochen den Anschluss an Russland voran. Mehr als 90 Prozent der Krimbevölkerung erklärten sich in einem Blitzreferendum für einen Anschluss an den östlichen Nachbarn. Wladimir Putin stimmte zu und erklärte die Halbinsel zu russischem Staatsgebiet. Die UN, die USA und die Europäische Union erkennen die Annektierung durch Russland nicht an.

Im Osten der Ukraine riefen prorussische Separatisten im April 2014 unabhängige "Volksrepubliken" aus. Die ukrainische Regierung reagierte und entsendete Truppen in die östlichen Landesteile, es kam zum Bürgerkrieg. Nach monatelangen Kämpfen mit mehreren Tausend Toten und immer wieder gebrochenen Abkommen einigen sich beide Parteien auf einen Waffenstillstand ab dem 1. September 2015. Dieser wurde jedoch nur zeitweise eingehalten, zur Ruhe ist die Region seitdem nicht gekommen.

(Erstveröffentlichung 2012. Letzte Aktualisierung 29.03.2022)

Quelle: WDR

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