Ukraine

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Spätestens seit dem November 2013 steht die Ukraine im Scheinwerferlicht der Weltpolitik. Davor schien sich kaum jemand für ehemalige Sowjetrepublik zu interessieren. Dabei blickt die Ukraine zurück auf eine bewegte Geschichte.

Vom Kiewer Reich zum Spielball fremder Mächte

Im 9. Jahrhundert wird das erste ostslawische Reich auf ukrainischem Boden gegründet: die Kiewer Rus – ein riesiges Gebiet, das sich von der Stadt Alt-Ladoga im Nordwesten Russlands bis hin zur Stadt Beresan östlich von Kiew erstreckte.

Das Vielvölkerreich, zu dem slawische, finnische und baltische Stämme gehören, erlebt zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert ein Goldenes Zeitalter mit blühendem Handwerk und Handel.

Als Höhepunkt gilt die Zeit um 1040 unter Fürst Jaroslav dem Weisen, in der auch die berühmte Kiewer Sophienkathedrale erbaut wird. Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln ist diese Zeit für die Ukrainer noch heute wichtig.

Über viele Jahrhunderte wechseln Machthaber und Bündnispartner in der Ukraine: Polen, Russen, Türken, Tataren, Litauer und Schweden spielen eine Rolle. Im 19. Jahrhundert erwächst dann eine Nationalbewegung: Am 22. Januar 1918 erklärt das Land schließlich erstmals seine Unabhängigkeit als Ukrainische Volksrepublik.

Mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk erkennt die bolschewistische Regierung Russlands die Unabhängigkeit an – in den Augen vieler russischer Monarchisten ist der Gebietsverlust empörend. Unter anderem deshalb kämpfen sie im Bürgerkrieg von 1918 bis 1920 gegen die Bolschewisten.

Am Ende untersteht die Ukraine wieder fremden Staaten und wird bald darauf aufgeteilt zwischen Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, die den größten Teil des Landes beansprucht.

Harte Zeiten: Hunger und Krieg

Schwarzweiß-Foto: Mehrere Menschen stehen um einen Verhungerten herum, der auf dem Bürgersteig liegt.

Während der Hungersnot in den 1930ern starben Millionen

Der östliche Teil der Ukraine gehört ab 1919 zur Sowjetunion. Dort kommt es unter dem Diktator Josef Stalin und seinen Zwangsmaßnahmen zwischen 1932 und 1934 zu einer schweren Hungersnot mit vier Millionen Toten. Einige Historiker gehen sogar von dreimal so vielen Opfern aus. Hunderttausende Bauern werden enteignet und deportiert, dazu fordert Moskau hohe Getreideabgaben, die den Hunger noch verschlimmern.

Knapp zehn Jahre später verhungern Tausende unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Großstädte wie Kiew oder Charkiw werden von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten.

Die Deutschen verüben während der Besatzungszeit furchtbare Gräueltaten in der Ukraine: Sie ermorden 1,5 Millionen Juden, erschießen bei Massakern zum Teil bis zu 40.000 Menschen in wenigen Stunden und löschen ganze Dörfer systematisch aus.

Auch die Hungersnot unter Stalin und die deutsche Terrorherrschaft prägen das Bewusstsein der Ukrainer bis heute. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wird auch der westliche Teil der Ukraine, der bis dahin zu Polen und zur Tschechoslowakei gehört, sowjetisches Gebiet.

Unabhängigkeit und Ernüchterung

Bauer führt eine Kuh am Strick.

Unabhängigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Wohlstand für alle

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führt am 24. August 1991 zur ukrainischen Unabhängigkeit. Als Zeichen der Loslösung von der Sowjetunion werden Straßen, Stadtviertel und Museen mit bislang sowjetischen Namen umbenannt und Lenin-Denkmäler demontiert.

Doch die Hoffnung vieler Ukrainer auf soziale Gerechtigkeit, Demokratie und funktionierende Marktwirtschaft erfüllt sich nicht – im Gegenteil: Unter Präsident Leonid Krawtschuk und ab 2004 unter seinem Nachfolger Leonid Kutschma reißen Geschäftsleute und Politiker gewinnbringende Wirtschaftszweige – zum Beispiel die Metall- und Erdölindustrie – an sich. Als Oligarchen werden viele unermesslich reich.

Währenddessen leidet ein Großteil der Bevölkerung unter Arbeitslosigkeit, Inflation und dem schlechten Sozialsystem. Aus ihrem postsowjetischen Schlaf erwachen die Ukrainer erst, als bekannt wird, dass die Regierung im Jahr 2000 den beliebten Journalisten Georgi Gongadse hat ermorden lassen, der als scharfer Kritiker Kutschmas galt. Der Fall weitet sich zur Staatskrise aus, die schließlich in der Orangen Revolution mündet.

Aufstand! Und dann? Die Orange Revolution

Menschenmenge bei Nacht mit orangefarbenen Fahnen.

Hunderttausende unterstützten die "Orange Revolution"

November 2004: Hunderttausende Ukrainer stehen auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, und brüllen den Namen ihres Idols: Wiktor Juschtschenko. Es ist das Aufbegehren eines lange unterdrückten Volkes, ein Schrei nach Gerechtigkeit gegen die manipulierten Präsidentschaftswahlen, nach denen der russisch orientierte Wiktor Janukowitsch zum Sieger erklärt worden war. Viele Teilnehmer schwärmen von der Aufbruchstimmung und der Solidarität in der Bevölkerung.

Auch der Westen blickt hoffnungsvoll auf die farbenfrohen, friedlichen Bilder. Schließlich gilt der Oppositionspolitiker Wiktor Juschtschenko als ausgesprochen pro-westlich. Gemeinsam mit seiner Verbündeten Julia Timoschenko, der Schönen mit dem auffälligen Haarkranz, sagt Juschtschenko der Korruption den Kampf an. Sie versprechen den Ukrainern eine bessere Zukunft.

Wiktor Juschtschenko gewinnt zwar die Wiederholungswahl gegen Janukowitsch, schafft es aber nicht, das Ruder herumzureißen. Nachdem die Revolutionsmannschaft der Regierung auseinandergefallen ist, schrumpft das Wirtschaftswachstum, ausländische Investoren ziehen sich wieder zurück. Auf den farbenfrohen Rausch der Orangen Revolution mit ihren begeisterten Anhängern und großen Hoffnungen ist längst die Ernüchterung gefolgt.

Ukraine im EM-Fieber

Das Foto zeigt die hochmoderne Donbass-Arena in Donezk von außen.

Die Donbass-Arena ließ Milliardär Rinat Achmetow bauen

2012 steht die Ukraine wieder im Fokus. Ganz Europa blickt auf das Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft (EM). Für die ausländischen Fußballer und ihre Fans sind in rasantem Tempo neue Stadien hochgezogen worden, darunter die 250 Millionen teure Donbass-Arena in Donezk.

Neue Straßen, Hotels, Flughäfen und Bahnhöfe gibt es; auf Straßenschildern stehen neben der kyrillischen Schrift jetzt auch lateinische Buchstaben für die Touristen. "Klotzen statt kleckern" ist die Devise. Die Ukrainer wollen der Welt beweisen, dass sie allen Unkenrufen zum Trotz in der Lage sind, ausländische Gäste angemessen zu empfangen.

Was bleibt, ist die immense Kluft zwischen Superreichen und Armen. Während Milliardäre wie Rinat Achmetow auch an der EM verdienen, musste sich der Durchschnittsukrainer 2014 nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit umgerechnet knapp 240 Euro im Monat begnügen.

Noch immer zählt die Ukraine zu den ärmsten Ländern Europas. Obwohl die Hoffnung groß war, geändert hat sich all dies durch den Fußball nicht, und so gilt wohl auch in der Ukraine: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

West oder Ost? Auf der Suche nach Identität

Die Ukraine gilt nicht nur geografisch als "Puffer" zwischen dem Osten und dem Westen. In Umfragen sprechen sich seit Jahren zwei Drittel der ukrainischen Bürger für eine Anbindung an die Europäische Union (EU) aus.

Dennoch verbindet die Ukraine geschichtlich und kulturell eine Menge mit Russland, nicht zuletzt auch die Sprache: Denn obwohl Ukrainisch seit der Unabhängigkeit offizielle Staatssprache ist, sprechen viele Ukrainer weiterhin besser Russisch als Ukrainisch.

Anfang 2014 verschärfen sich die kulturellen Spannungen zwischen prowestlichen und prorussischen Ukrainern. Nach langen Demonstrationen in Kiew vertreiben oppositionelle Kräfte den gewählten Präsidenten Janukowitsch am 22. Februar aus dem Amt. Das Parlament erklärt ihn für abgesetzt, wählt eine Übergangsregierung und kündigt Neuwahlen für Ende Mai an.

Nur kurze Zeit später besetzen prorussische Kräfte alle wichtigen staatlichen Institutionen auf der Halbinsel Krim, auf der mehrheitlich russischstämmige Ukrainer leben.

Das Regionalparlament treibt, vom russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstützt, innerhalb weniger Wochen den Anschluss an Russland voran. Mehr als 90 Prozent der Krimbevölkerung erklären sich in einem Blitzreferendum für einen Anschluss an den östlichen Nachbarn. Wladimir Putin stimmt zu und erklärt die Halbinsel zu russischem Staatsgebiet. Die UN, die USA und die Europäische Union erkennen die Annexion durch Russland nicht an.

Im Osten der Ukraine rufen prorussische Separatisten im April 2014 unabhängige "Volksrepubliken" aus. Die ukrainische Regierung reagiert und entsendet Truppen in die östlichen Landesteile, es kommt zum Bürgerkrieg. Nach monatelangen Kämpfen mit mehreren Tausend Toten und immer wieder gebrochenen Abkommen einigen sich beide Parteien auf einen Waffenstillstand ab dem 1. September 2015. Dieser wurde nur zeitweise eingehalten. Seitdem kommt es zwar kaum noch zu schweren Artilleriegefechten, zur Ruhe ist die Region jedoch nicht gekommen.

Autoren: Annette Holtmeyer/Britta Schwanenberg/Tobias Aufmkolk

Weiterführende Infos

Stand: 29.08.2016, 14:55

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