Der Lauf des Pheidippides

Pheidippides bricht tot zusammen, nachdem er die Nachricht des Sieges überbracht hatte.

Die Geschichte des Laufens

Der Lauf des Pheidippides

Von Anja Rösel/Jens Dücker

Der erste Marathonlauf fand schon Im Jahre 490 vor Christus statt, und zwar mit einem einzigen Teilnehmer. Statt 40 Kilometern lief er wahrscheinlich 400 und brach am Ende tot zusammen. Sein Name war Pheidippides.

Athen in Gefahr

Im Jahr 490 vor Christus war die persische Flotte mit einem Heer in Marathon gelandet. Im etwa 35 Kilometer entfernten Athen wurde an einer Strategie gefeilt, wie dem Einmarsch der Perser beizukommen sei. Klar war, dass die persische Streitmacht in der Überzahl war und kein griechischer Stadtstaat sie allein besiegen konnte.

Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, berichtet: "Sie sandten nach Sparta als Herold den Pheidippides, der den Beruf eines Tageläufers ausübte."

Zirka 200 Kilometer lagen vor diesem Tageläufer, für die ein trainierter Athener Meldeläufer mindestens zwei Tage brauchte. Oder besser: für die ein trainierter Läufer unter Umständen nur zwei Tage brauchte.

Kupferstich: Perserkriege, 499 - 448 vor Christus

Perserkriege, 499 - 448 vor Christus

Was war ein Tageläufer?

Herodot berichtet vom Berufsstand des Hemerodromos. Das kann mit "der einen Tag lang Laufende" oder auch "der täglich Laufende" übersetzt werden. Diese Leute zeichnete aus, dass sie gewaltige Strecken laufenderweise bewältigen konnten.

Im in einzelne Stadtstaaten zersplitterten Griechenland, wo es kein ausgebautes Wegenetz gab, stellten die Tageläufer das schnellste und beste Kommunikationsmittel zwischen den Städten dar.

In ebenen Landesteilen wie Thessalien wurden auch berittene Boten eingesetzt – doch der größte Teil Griechenlands ist gebirgig und zerklüftet, so dass ein Reiter schlechter vorankommt als ein Läufer. Zumal auf langen Strecken der Mensch dem Pferd unter Umständen ohnehin als überlegen angesehen wurde.

Der Olympionike Lasthenes soll einen 30-Kilometer-Wettlauf gegen ein Rennpferd gewonnen haben. Hemerodromoi waren Ultramarathonläufer, die "Ironmen" der Antike.

Pheidippides‘ Lauf nach Sparta

Es ist nicht überliefert, ob Pheidippides die Strecke durchgelaufen ist oder zwischendurch geschlafen hat. Aber sicher ist eins: Er vollbrachte auf jeden Fall eine höchst bemerkenswerte Leistung. Der Läufer hatte "Gesichte", berichtet Herodot, das heißt er litt unter Wahnvorstellungen: Der ziegenfüßige Gott Pan sei ihm erschienen. Kein Wunder eigentlich bei solcher Laufleistung.

Herodot berichtet weiter über Pheidippides: Am zweiten Tag in Sparta angekommen, wurde er vor die Behörden geführt und sagte Folgendes: "Lakedaimonier! Die Athener bitten euch, ihnen zu helfen und es nicht geschehen zu lassen, dass die älteste Stadt unter den Hellenen in die Knechtschaft barbarischer Männer fällt. Schon ist ja Eretria geknechtet und Hellas um eine namhafte Stadt schwächer geworden."

Die Spartaner versprachen zu kommen und zu helfen. "Nur war es ihnen unmöglich, dies unverzüglich zu tun", schreibt Herodot, "da sie gegen das Gesetz nicht verstoßen wollten". Es sei erst der neunte Tag seit Monatsbeginn, da dürften sie nicht ausrücken, weil religiöse Feierlichkeiten ihnen dies verböten.

Von Sparta nach Marathon

Pheidippides wird von den Spartanern aufgefordert, schon vorzulaufen, um diese Kunde zu überbringen. Berichte über das Zurücklaufen des Pheidippides fehlen. Doch wer hätte sonst diese gewaltige Strecke auf sich nehmen können?

Es kann also davon ausgegangen werden, dass der Tageläufer sich auf den Rückweg nach Athen gemacht hat. Und da das Heer, die freien Bürger und die Staatsspitze bereits in Marathon warteten, lief Pheidippides gleich dorthin.

Die Griechen hatten in der Zwischenzeit überraschenderweise gegen die persische Übermacht gewonnen. Damit war das Ganze aber nicht vorbei, denn die überlebenden Perser hatten ihre Schiffe bestiegen und waren nach Athen gesegelt, um die von Verteidigern freie Stadt vom Meer aus anzugreifen.

Die Generäle waren sich darüber im Klaren, dass es wenig Sinn machte, ihr erschöpftes Heer im Eilmarsch nach Athen zu schicken, um die Stadt zu verteidigen – während die Perser gemütlich segeln konnten. Es musste also wieder ein Bote her, der die Bevölkerung von Athen vom Sieg gegen die Perser informieren und vor den heransegelnden persischen Resttruppen warnen konnte.

Vielleicht kam genau in diesem Moment der keuchende Pheidippides an, um zu verkünden, dass die Spartaner in wenigen Tagen zu Hilfe kämen. Was sie übrigens – nur drei Tage später – tatsächlich machten: Sie besahen sich das Schlachtfeld, zeigten sich beeindruckt und marschierten wieder nach Hause.

Von Marathon nach Athen

Dass Pheidippides nun tatsächlich von Marathon nach Athen lief und so der erste "Marathonläufer" der Geschichte wurde, ist nicht belegt.

Der Schriftsteller Lukian schreibt im 1. Jahrhundert nach Christus, also fast 600 Jahre später: "Als Erster soll der Tageläufer Philippides, der den Sieg von Marathon den Archonten (höchsten Beamten des Staates), die zusammen saßen und sich über den Ausgang der Schlacht sorgten, meldete, gesagt haben: "Freut Euch, wir haben gesiegt" und während er dies aussprach, starb er zugleich mit der Botschaft und hauchte mit dem Gruß sein Leben aus."

Es fällt auf, dass Lukian den Namen etwas anders wiedergibt: Philippides. Da es sich aber auch um einen Tageläufer handelt, wird hier zweifellos der schon bekannte Pheidippides gemeint sein.

Bei Plutarch, einem Zeitgenossen von Lukian, ist hingegen die Rede vom heldenhaften Krieger, der nach der Schlacht loslief, um die frohe Kunde zu überbringen: "Die Nachricht von der Schlacht von Marathon überbrachte (...) Thersippos; die meisten sagen aber, es sei Eukles gewesen, der mit den Waffen lief, und – noch erhitzt vom Kampf – das Rathaus erreichend nur noch sagen konnte: 'Freut Euch, wir haben gesiegt', dann sei er sofort gestorben. Er kam als Augenzeuge in der Schlacht, in der er selbst gekämpft hatte. Nicht irgendein Ziegen- oder Schafhirte, der auf einem Hügel ein ferner Beobachter des Kampfes war..."

Dass aber ein Krieger in voller Rüstung loslief, wo doch das Heer trainierte Botenläufer hatte, die selbst nie an der Schlacht teilnahmen, ist eher unwahrscheinlich.

Außerdem, so könnten Historiker einwenden, gibt Plutarch Herakleides Pontikos als Quelle seiner Geschichte an, einen Schriftsteller aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, von dem Cicero sagt, er habe seine Werke mit Kindermärchen vollgestopft.

Jedoch: Dass ein Bote ausgesandt wurde, um die Bevölkerung vor den heran segelnden Persern zu warnen und sie zum Durchhalten aufzufordern, bis das Heer einträfe, ist wahrscheinlich.

Angenommen, es sei Pheidippides gewesen, der nun nach seinen zwei riesigen Läufen noch die 35 bis 40 Kilometer – je nachdem ob er an der Küste entlang oder die Hügelstrecke lief – zurück nach Athen zurücklegte: Bei all dem, was er zu dieser Zeit schon hinter sich hatte, wäre es dann auch kein Wunder gewesen, wenn er am Ziel tot zusammenbrach.

Gemälde: Pheidippes überbringt seine Nachricht

Pheidippides verkündet seine Botschaft – und stirbt

Der Spartathlon – Pheidippides-Gedächtnisrennen

Ob die ganze Strecke Athen – Sparta, Sparta – Marathon, Marathon – Athen vor fast 2500 Jahren tatsächlich von einem einzigen Botenläufer fast ohne Pause gelaufen wurde, lässt sich wie gesagt, historisch nicht belegen.

Mehr oder weniger historisch verbürgt ist jedoch der erste Abschnitt dieses sehr langen Laufs – die Strecke von Athen nach Sparta. Und so treffen sich jedes Jahr am letzten Freitag im September die trainiertesten Langstreckenläufer der Welt und laufen den "Spartathlon" im Gedenken an den historischen Lauf des Pheidippides.

Weiterführende Infos

Stand: 19.06.2018, 10:04

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