Helmut Rahn – der "Boss"

Schwarzweiß-Porträtfoto von Helmut Rahn 1954

Fußball-Weltmeisterschaft 1954

Helmut Rahn – der "Boss"

So mancher deutsche Fußballspieler hat es mit einem Tor in die Geschichtsbücher seines Sports geschafft: Andreas Brehme etwa mit dem Elfmeter von Rom, der Deutschland 1990 zum dritten Mal zum Weltmeister machte. Oder Oliver Bierhoff mit seinem "Golden Goal" im Endspiel der Europameisterschaft 1996. Doch keine Kicker-Karriere war so sehr mit einem einzigen Tor verknüpft wie die Helmut Rahns mit dem 3:2 im Weltmeisterschafts-Finale 1954. Denn Rahns Schuss ins ungarische Tor war weit mehr als ein Siegtreffer, er war Symbol eines langsam wieder aufkeimenden Selbstbewusstseins im Deutschland der Nachkriegszeit.


Der "Boss" aus dem Ruhrgebiet

Am 16. August 1929 wurde Helmut Rahn, der später auf dem Fußballplatz nur "Boss" hieß, in Essen geboren. Als Sohn einer Bergmannsfamilie gab es für Rahn im Grunde nur zwei Alternativen: Steiger oder Stürmer, Bergwerk oder Bolzplatz. Rahn entschied sich fürs Bolzen und spielte zunächst für den SV Altenessen.

Die Not der Nachkriegszeit führte ihn zum ersten Mal aus seinem geliebten Ruhrgebiet hinaus, zum SC Oelde. Von 1946 bis 1950 spielte Rahn in Ostwestfalen und erhielt dafür unter anderem Lebensmittel für sich und seine Eltern.

Vereinsurgestein Albert Uthoff erinnerte sich in einem Interview an Rahn als einen "wunderbaren Menschen", der aber außerhalb des Fußballplatzes nicht gerade vor Arbeitseifer strotzte: "Der stand hier immer inne Stadt und war Eis am lutschen! Arbeiten hatte der keine Laune dran".

Auch später wurde Rahn häufig als Kumpeltyp beschrieben, der es mit der Disziplin nicht so genau nahm, der aber auf dem Fußballplatz immer Vollgas gab. Besonders griffig zusammengefasst hat diese beiden Seiten der langjährige Kapitän der Nationalmannschaft, Fritz Walter, der sich während der WM 1954 mit Rahn ein Zimmer teilte. Für ihn war Rahn ein "kraftstrotzender und selbstbewusster Boss mit einem unerschöpflichen Vorrat an Blödsinn und Übermut".

Archivbild: Helmut Rahn zieht bei einem Länderspiel an seinem Gegner vorbei.

"Kraftstrotzend und selbstbewusst"

Die größten Erfolge in Essen und Bern

1950 zog es Helmut Rahn wieder ins Ruhrgebiet. Zurück in Essen spielte er zunächst für die Sportfreunde Katernberg, bevor er 1951 zu Rot-Weiss Essen wechselte. An der Hafenstraße blieb der "Boss" acht Jahre und feierte seine größten Erfolge als Vereinsspieler. 1953 holte er mit Rot-Weiss den DFB-Pokal, erzielte dabei im Finale gegen Alemannia Aachen das vorentscheidende 2:0.

Zwei Jahre später gewannen die Essener mit Rahn auch die Deutsche Meisterschaft, bis heute der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Bei seinen weiteren Stationen in Köln, Enschede und beim Meidericher SV in Duisburg machte der Boss weiter Tore, zu mehr als zwei Vize-Meisterschaften reichte es aber nicht mehr.

Seine größte Stunde als Fußballer erlebte Helmut Rahn als einer der Helden von Bern, dabei hätte er fast frühzeitig nach Hause fahren müssen. Mit einem unerlaubten nächtlichen Ausflug aus dem WM-Quartier in Spiez zog sich der "Boss" den Unmut von Nationaltrainer Sepp "Chef" Herberger zu.

"Jeden anderen Spieler hätte er wahrscheinlich nach Hause geschickt", erinnerte sich später Rahns Mitspieler Horst Eckel. Doch Herberger wusste, dass er Rahn noch brauchen würde, und der bedankte sich für die Gnade des Nationaltrainers mit Toren: eines im Viertelfinale gegen Jugoslawien, zwei im Endspiel gegen Ungarn.

Archivbild: Jubelnde deutsche Spieler nach dem WM-Sieg 1954.

Torschütze Rahn (Mitte) jubelt mit Torwart Turek

Absturz in die Baugrube, Wiederaufstieg in Schweden

Besonders gut bekam dem Lustmenschen Rahn der Heldenstatus nicht – bald wuchs ihm der Ruhm über den Kopf. Zu viele Schulterklopfer und Feiern führten 1957 zum Eklat: Erst fuhr der betrunkene Rahn mit seinem Auto in eine Baugrube und griff anschließend auch noch die herbeigerufenen Polizisten an. Doch alle, die den Fußballer Rahn nun abschrieben, wurden schon ein Jahr später eines Besseren belehrt.

Trotz seiner Eskapaden hielt Herberger am "Boss" fest und berief ihn ins Aufgebot für die WM 1958 in Schweden. Und wieder zahlte Rahn dem Nationaltrainer das Vertrauen zurück: Mit sechs Treffern wurde er gemeinsam mit einem jungen Brasilianer namens Pelé zweitbester Torjäger des Turniers. Am Ende seiner Karriere in der Nationalelf hatte Rahn 21 Tore in 40 Spielen erzielt – eine beeindruckende Quote.

Nachdem Helmut Rahn seine aktive Laufbahn 1964 wegen einer Achillessehnen-Operation beendet hatte, wurde es schnell still um ihn. Rahn scheute im Gegensatz zu den anderen Helden von Bern die Öffentlichkeit, Interviews mit Journalisten waren ihm ein Graus. Lieber erzählte er in einer Essener Kneipe die Geschichte von seinem Siegtreffer gegen Ungarn, bis ihm auch das zu viel wurde.

Archivbild: Helmut Rahn bei einem Prominentenspiel 1969.

Rahn fünf Jahre nach dem Karriere-Ende

Nicht einmal an Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern", in dem der "Boss" im Mittelpunkt steht, wollte er als Berater mitwirken. Nach langer Krankheit starb Helmut Rahn am 14. August 2003 in Essen – zwei Tage vor seinem 74. Geburtstag.

Autor: Johannes Eberhorn

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Stand: 11.06.2018, 10:08

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