Fußball-Weltmeisterschaft 1990

Lothar Matthäus und Pierre Littbarski laufen nebeneinander über das Spielfeld. Zwischen sich halten sie den WM-Pokal mit hoch erhobenen Händen.

Sport

Fußball-Weltmeisterschaft 1990

1990 – für Deutschland ein aufregendes Jahr. Nach dem Mauerfall im Jahr zuvor wird die deutsche Einheit schrittweise Realität – auch auf dem Fußballplatz: Bei der Weltmeisterschaft (WM) in Italien tritt das deutsche Team für alle Deutschen an – wenn auch noch ohne Spieler aus der DDR. Die Stadien sind mit 2,5 Millionen Eintrittskarten ausverkauft. Und die Daheimgebliebenen können sich über 180 Stunden Fußballübertragung freuen. Es ist eine WM der Superlative.


Achtelfinale: das Lama-Drama

Die Vorrunde macht Mut: Mit einem 4:1 gegen die hoch gehandelten Jugoslawen, einem 5:1 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und einem 1:1 gegen Kolumbien zieht Deutschland locker ins Achtelfinale ein. Dort warten die Niederlande.

Seit dem Endspiel 1974 geht es bei Partien der Deutschen gegen die Niederländer heiß her - und an diesem Abend in Italien wird es besonders feurig: In der 22. Minute kommt es zu einem Rempler zwischen dem niederländischen Torwart Hans van Breukelen und Rudi Völler. Ein Wortgefecht bricht aus und Frank Rijkaard mischt sich ein.

Hinter Rudi Völler geht Frank Rijkaard vorbei. Rijkaard spuckt Völler in den Nacken, dieser bemerkt zunächst nichts von der Attacke.

"Lama" Frank Rijkaard bespuckt "Tante Käthe"

Die Emotionen kochen hoch, Rijkaard zerrt an Völlers Haaren und bespuckt ihn. Der unsichere argentinische Schiedsrichter Juan C. Loustau hat das Ganze nicht richtig gesehen und zeigt beiden Spielern die rote Karte. Völler geht fassungslos vom Platz, während der niederländische Abwehrspieler auf dem Weg zur Kabine dem Deutschen ein weiteres Mal in den Nacken spuckt.

Nach diesem Vorfall dreht die deutsche Nationalmannschaft auf. Jürgen Klinsmann rackert und läuft für zwei – und bringt Deutschland in der 51. Minute in Führung. Und spätestens jetzt macht sich das Fehlen Rijkaards bemerkbar. Es folgt ein zweiter Treffer durch einen schönen Schlenzer von Brehme in der 86. Minute. Kurz vor Schluss kann Ronald Koeman noch per Foulelfmeter auf 2:1 verkürzen. Doch dabei bleibt es. Deutschland ist im Viertelfinale.

Jürgen Klinsmann jubelt

Jürgen Klinsmann erzielt das 1:0 gegen die Niederlande

Viertelfinale: ein wütender "Kaiser"

Im Viertelfinale spielen Matthäus und Co. gegen die Tschechoslowakei. Zunächst läuft alles bestens: Die Deutschen spielen offensiver als im Hollandspiel zuvor. In der 25. Minute verwandelt Lothar Matthäus einen Foulelfmeter, nachdem Jürgen Klinsmann im Strafraum zu Fall gebracht wurde. Doch diese frühe Führung verleitet die Deutschen dazu, das Spiel einfach laufen zu lassen.

Die Fans werden Zeugen, wie der Ball scheinbar ohne Taktik hin und her geschoben wird. Der österreichische Schiedsrichter Helmut Kohl muss derweil den deutschen Teamchef zurechtweisen. Franz Beckenbauer tobt und flucht am Spielfeldrand und würde am liebsten selbst ins Geschehen eingreifen.

Die letzten 20 Spielminuten verwandeln sich in einen echten Krimi. Die Tschechoslowaken sind zunehmend im Ballbesitz. Und das, obwohl sie seit der 70. Minute nach einer roten Karte in Unterzahl spielen.

Beckenbauers Jungs erreichen mit viel Glück das Halbfinale. "Kaiser" Franz verschwindet nach dem Abpfiff wutentbrannt. Er kann sich kaum über das Weiterkommen freuen und kommentiert die schwache Leistung nur mit: "Dümmer, als wir uns in der Schlussphase angestellt haben, kann man kaum noch spielen."

Teamchef Franz Beckenbauer

Franz Beckenbauer war ziemlich bedient während des Viertelfinales

Halbfinale: ein Elfmeterkrimi

"We call it a 'Klassiker'!" sollte Franz Beckenbauer Jahre später über die Spiele zwischen Deutschland und England sagen. Und dem Ruf eines Klassikers wird auch das Halbfinale der WM 1990 gerecht: Beide Mannschaften zeigen sich in guter Form. Ein Fußball-Krimi nimmt seinen Lauf.

Nach einer guten Viertelstunde übernehmen die Deutschen mit einem brillanten Thomas Häßler das Zepter. Der englische Keeper Peter Shilton muss einiges leisten. Aber auch das deutsche Tor wird immer wieder bedroht, vor allem durch Chris Waddle.

Lothar Matthäus und Paul Gascoigne kämpfen um den Ball

120 Minuten erbitterter Kampf: Deutschland gegen England im Halbfinale

Es gibt viele Chancen für Beckenbauers Truppe, die in der zweiten Halbzeit den Druck noch verstärkt. Schließlich geht Deutschland in der 59. Minute mit Andi Brehmes abgefälschten Freistoß in Führung. Der englische Ausgleich erfolgt dann durch Gary Lineker. Er nutzt ein Missverständnis in der Abwehr zwischen Klaus Augenthaler und Jürgen Kohler zehn Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit.

In der Verlängerung treffen Guido Buchwald und Waddle nur den Pfosten. Und David Platts Tor wird wegen Abseits nicht anerkannt. Es geht ins Elfmeterschießen. Die Engländer machen den Anfang. Lineker, Beardsly und Platt schießen den Ball souverän ins Tor. Brehme, Matthäus und Riedle ziehen erfolgreich nach.

Als nächster steht Stuart Pearce am Elfmeterpunkt – und Bodo Illgner hält. Olaf Thon bringt Deutschland mit 5:4 in Führung und Waddle schießt den folgenden Elfmeter in den Himmel. Dem englischen Fußballidol Paul Gascoigne laufen Tränen übers Gesicht. An diesem Abend stimmt Gary Linekers legendärer Satz: "Fußball ist ein Spiel von 22 Leuten … und am Ende gewinnt immer Deutschland."

Bodo Illgner bejubelt einen verschossenen englischen Elfmeter

Bodo Illgner bejubelt einen verschossenen englischen Elfmeter

Finale: das Wiedersehen mit Argentinien

Geschafft! Deutschland steht im Finale! Und das bereits zum sechsten Mal. Am 8. Juli 1990 gibt es im Stadio Olimpico in Rom eine Neuauflage des Endspiels von 1986. Der Gegner: Argentinien.

Zehntausende deutsche Fans sind nach Rom gekommen um ihre Mannschaft anzufeuern. Das ganze Stadion fiebert für Deutschland mit. Argentinien bekommt nur wenig Unterstützung vom Publikum, denn zum einen hat die Mannschaft Italien aus dem Turnier gekickt. Zum anderen hat der Wahl-Neapolitaner Maradona im Vorfeld durch eine Äußerung die Norditaliener beleidigt.

Lothar Matthäus und Diego Maradona vor dem Finale

Lothar Matthäus und Diego Maradona vor dem Finale

Die argentinische Nationalelf läuft wegen einer Rot- und drei Gelbsperren in einer arg geschwächten Formation auf. Ebenso schwach ist ihre Taktik: Anstatt offensiv aufs Tor zuzusteuern, blockieren sie den deutschen Spielfluss und hoffen offenbar auf ein Elfmeterschießen. Während das deutsche Team 23-mal auf das gegnerische Tor schießt, muss Illgner sich bei einer einzigen argentinischen Toraktion bewegen.

Aber auch Beckenbauers Schützlinge wirken geschwächt, vor allem das Sturmduo Klinsmann/Völler. Positiv fällt vor allem Maradona-Bewacher Guido Buchwald auf. Er lässt den südamerikanischen "Fußballgott" überhaupt nicht zum Zuge kommen.

Das Spiel ist gekennzeichnet durch viele Fouls und Freistöße. Höhepunkt ist die rote Karte für Pedro Monzon nach einem Foul an Klinsmann in der 65. Minute. Für die Argentinier der Anfang vom Ende.

Fünf Minuten vor Schluss dann die entscheidende Szene: Der mexikanische Schiedsrichter Edgardo Codesal Méndez entscheidet auf Foul durch Roberto Sensini an Völler im argentinischen Strafraum. Brehme übernimmt den Elfmeter - und trifft. Platziert in die linke untere Ecke, der Keeper Sergio Goycochea hat keine Chance.

WM Finale 1990

Der entscheidende Moment: Andreas Brehme schiebt zum 1:0 ein

Nach wenigen Minuten endlich der Schlusspfiff! Deutschland ist Weltmeister! Kritiker und Fans sind sich einig: Das deutsche Team hat verdient gewonnen. Das Erfolgsrezept? Beckenbauer hatte eine Mannschaft ins Rennen geschickt, deren Spieler miteinander harmonierten und die sich mit Teamgeist durchzusetzen wusste.

Autorin: Ulrike Vosberg

Stand: 12.06.2018, 15:04

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