Randnotizen

Gerd Müller und ein niederländischer Spieler

Fußball-Weltmeisterschaft 1974

Randnotizen

Von Tobias Aufmkolk

Vor jeder Fußball-Weltmeisterschaft gibt es einen Ansturm auf die Wettbüros. Wer wird Weltmeister, wer der beste Spieler, wer schießt die meisten Tore, welche Mannschaft verliert oder gewinnt am höchsten? 1974 wurde Deutschland Weltmeister, doch auch andere Spieler und Mannschaften machten auf sich aufmerksam: als Torschützen, Außenseiter oder tragische Figuren.

Der beste Torschütze

Vor der Weltmeisterschaft galt Gerd Müller als Top-Favorit auf die Torjägerkrone, hatte er doch bei der vorherigen WM 1970 in Mexiko mit zehn Toren alle anderen Torjäger deutlich distanziert. Doch bei der WM im eigenen Land schoss er nur vier Tore, mit dem 2:1 im Endspiel allerdings das wichtigste seiner Karriere.

Bester Torschütze war aber der Pole Grzegorz Lato. Er traf als einziger Spieler sieben Mal und sicherte sich die Torjägerkrone vor seinem Landsmann Andrzej Szarmach und dem Holländer Johan Neeskens mit jeweils fünf Toren.

Lato war in den 1970er Jahren einer der schnellsten und torgefährlichsten Mittelfeldspieler Europas. Mit der polnischen Nationalmannschaft gewann er 1972 die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in München. Bei der WM 1974 wurde Polen nach einem 1:0-Erfolg über Brasilien Dritter. Das goldene Tor schoss Lato in der 75. Minute.

Grzegorz Lato gegen Herbert Zimmermann

Grzegorz Lato

An seinen persönlichen Erfolg bei dieser WM konnte er bei den folgenden allerdings nicht anschließen. Bei der WM 1978 schied er mit seiner Mannschaft in der Zwischenrunde aus und schoss dabei nur zwei Tore. Bei der WM 1982 in Spanien konnte er zwar den Erfolg von der WM 1974 mit der Mannschaft wiederholen, traf nun aber nur einmal ins Schwarze. Nach seiner aktiven Laufbahn trainierte Grzegorz Lato mehrere polnische Vereine.

Gerd Müller stellte übrigens mit seinen vier Toren bei der WM 1974 doch noch einen Rekord auf: Mit insgesamt 14 Toren schoss er bis dahin die meisten Tore bei Weltmeisterschaften, dicht gefolgt von dem Franzosen Just Fontaine, der bei seiner einzigen WM-Teilnahme 1958 in Schweden allein 13 Tore schoss.

Müllers Rekord hielt 32 Jahre lang – bis der Brasilianer Ronaldo bei der WM 2006 in Deutschland seinen insgesamt 15. WM-Treffer erzielte. Für diese neue Höchstmarke brauchte Ronaldo drei WM-Teilnahmen: 1998, 2002, 2006.

2014 musste Ronaldo seinen Rekord wieder abgeben. Miroslav Klose erzielte bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien im Halbfinale gegen den Gastbeger seinen 16. WM-Treffer. Klose brauchte dafür vier WM-Teilnahmen: 2002, 2006, 2010 und 2014.

Miroslav Klose bejubelt seinen 16. WM-Treffer

Miroslav Klose bejubelt seinen 16. WM-Treffer

Die erste rote Karte

Der Weltfußballverband FIFA führte gelbe und rote Karten bereits bei Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko ein. Bis dahin sprach der Schiedsrichter die Verwarnungen und Platzverweise mündlich aus. Dies führte jedoch häufig zu Missverständnissen, weil manche Akteure bei internationalen Spielen die Anordnung entweder nicht verstanden oder verstehen wollten.

So geschehen bei der WM 1966 in England im Viertelfinalspiel zwischen England und Argentinien (1:0): Der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein stellte einen Argentinier vom Platz. Dieser verstand ihn aber nicht und blieb auf dem Spielfeld.

Im darauf folgenden Tumult stellte der Schiedsrichter noch ein paar weitere Spieler vom Platz, doch weder die Spieler noch die Zuschauer bekamen dies mit. Daraufhin führte die FIFA auf Vorschlag des englischen Schiedsrichters Ken Aston bei der nächsten WM die gelben und roten Karten ein. Sie orientierten sich an den international bekannten Ampelzeichen.

Tumultartige Szenen nach einem Platzverweis mit Spielern und Polizisten während der WM 1966

Während der WM 1966 kam es regelmäßig zu Tumulten nach Platzverweisen

Bei der WM 1970 kam die rote Karte noch nicht zum Einsatz. Kein einziger Spieler wurde vom Platz gestellt. Die zweifelhafte Ehre als erster die rote Karte bei einer Weltmeisterschaft zu sehen, hatte der Chilene Carlos Caszely bei der WM 1974. Im Vorrundenspiel gegen Deutschland wurde er in der 67. Minute nach einem Revanchefoul an Berti Vogts vom Platz gestellt.

Der international relativ unbekannte Caszely ist in Chile eines der größten Fußball-Idole. Als Kritiker des Regimes von Augusto Pinochet durfte er nach der WM 1974 mehrere Jahre nicht mehr in Chile Fußball spielen und musste zeitweilig sein Geld in Spanien verdienen. Doch er wurde rehabilitiert und kehrte 1978 nach Chile zurück. Bei der WM 1982 in Spanien spielte er noch einmal für sein Land und schied wieder in der ersten Runde aus.

Schiedsrichter zeigt rote Karte

Die rote Karte ist seit 1970 ein klares Zeichen

Die tragischen Figuren

Zwei Spieler der deutschen Mannschaft galten für die WM 1974 aufgrund ihrer Leistungen in den vorangegangenen Jahren eigentlich als gesetzt: Erwin Kremers und Günther Netzer. Bei der Endrunde war Kremers jedoch gar nicht dabei, Netzer kam nur zu einem Kurzeinsatz gegen die DDR. Für beide wurde die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu einem persönlichen Fiasko.

Erwin Kremers war bei der Fußball-Europameisterschaft 1972 einer der überragenden deutschen Spieler gewesen. Bei der WM 1974 durfte der wendige Linksaußen jedoch nicht spielen, da er kurz zuvor aus dem Kader gestrichen worden war. Grund: Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1973/74 bezeichnete er nach zahlreichen Attacken seiner Gegenspieler und strittigen Entscheidungen den Schiedsrichter dreimal hintereinander als "blöde Sau".

Kremers wurde zwar nur für zwei Bundesligaspiele gesperrt, Helmut Schön wollte ihn dennoch nicht zur WM mitnehmen. Somit wurde sein Zwillingsbruder Helmut, mit dem er alle Stationen seines fußballerischen Lebens gemeinsam absolvierte, ohne ihn Weltmeister. Nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn 1979 zog sich Erwin Kremers aus der Öffentlichkeit zurück.

Erwin und Helmut Kremers

Erwin Kremers (Links) durfte nicht mit zur WM, sein Zwillingsbruder Helmut dagegen schon

Günther Netzer war einer der großen Stars des europäischen Fußballs der 1970er Jahre. Bei der Fußball-Europameisterschaft 1972 bildete er zusammen mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller das magische Dreieck der Mannschaft und war Denker und Lenker des deutschen Mittelfeldes. Doch nach seinem Wechsel zu Real Madrid im Sommer 1973 wurde seine Leistung immer schlechter.

Die spanische Liga hatte zu der Zeit nicht die Leistungsstärke der Bundesliga. Der Liebling der Medien wurde behäbig, setzte Speck an und zeigte wenig Ehrgeiz. Erst nach vernichtenden Kritiken in diversen europäischen Zeitungen erwachte Netzer, speckte ab und ackerte im Trainingslager in Malente an den Fitnessgeräten.

Seinen konditionellen Rückstand konnte er jedoch nicht aufholen. Zudem kam sein ewiger Konkurrent um die Nummer 10, der Kölner Wolfgang Overath, immer besser in Form. Bundestrainer Schön gönnte Netzer lediglich einen 21-minütigen Kurzauftritt in der Vorrunde, ausgerechnet bei der einzigen Niederlage der deutschen Mannschaft gegen die DDR.

Netzer war als Star zur WM gekommen und als Randfigur gegangen. Danach trug er nur noch zweimal das Trikot der deutschen Elf, bevor er 1975 seinen Rückzug aus der Nationalmannschaft bekannt gab.

Großaufnahme von Günther Netzer in einem Fotostudio als Präsentation zur WM 1974. Er hat ein langärmeliges Trikot der Nationalmannschaft an.

Günther Netzer - tragische Figur der WM 1974

(Erstveröffentlichung 2006. Letzte Aktualisierung 08.09.2021)

WDR

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