Wandern

Sport

Wandern

Kniebundhosen, rote Strümpfe und Heimatfilm-Romantik - dieses angestaubte Image hat das Wandern längst abgelegt. Der Traditionssport hat sich gewandelt, hin zum Trendsport, besser gesagt zu einer ganzen Gruppe von Sportarten. Je nach Abenteuerlust, Alter oder Ambitionen machen sich in Deutschland etwa 41 Millionen Menschen gelegentlich oder regelmäßig als Tageswanderer, Geocacher, Pilger oder als Trekking-Touristen auf in die Natur.

Geschichte des Wanderns

Die Menschen waren schon immer zu Fuß unterwegs – um neue Jagdgründe zu erschließen, Waren zu transportieren, Arbeit zu suchen, Weidegründe für das Vieh zu finden oder um mit ganzen Heeren Krieg gegen benachbarte Völker zu führen.

Nur zum Spaß wanderte lange Zeit allerdings niemand. Wandern war kein Vergnügen oder eine Freizeitbeschäftigung, sondern ein Mittel zum Zweck. Und das Gehen zu Fuß gehörte für diejenigen, die sich weder Pferd noch Wagen leisten konnten, zum harten Arbeitsalltag.

Schwarzweiß-Aufnahme einer fahrenden Dampflokomotive. Am Bahnsteig stehen Menschen.

Moderne Verkehrsmittel ebneten dem Wandern den Weg

Das änderte sich erst vor etwa 150 Jahren. Mitte des 19. Jahrhunderts war ein Verkehrsmittel auf dem Vormarsch, das es breiten Bevölkerungsschichten ermöglichte, schneller von einem Ort zum anderen zu gelangen als je zuvor: die Eisenbahn.

Die Menschen waren nicht mehr gezwungen, alles zu Fuß zu erledigen – der Weg zum Wandern als bewusstes Naturerlebnis war geebnet.

Man wurde mobiler. Die Sonntage mussten nicht mehr im eigenen Dorf oder der Stadt verbracht werden. Von nun an konnte man Orte bereisen, die ohne die Eisenbahn schier unerreichbar gewesen wären.

Besonders die städtische Bevölkerung nutzte diese Möglichkeit: Endlich war sie in der Lage, aus den engen Städten, deren Bild sich im Zuge der Industrialisierung immer mehr verändert hatte, auszubrechen und einen Sonntag auf dem Land, in der freien Natur zu verbringen.

1869 wurde der Deutsche Alpenverein (DAV) gegründet – mit dem Ziel, Wanderwege anzulegen und preiswerte Einkehrmöglichkeiten aufzuzeigen, mit denen sich die Bergbauern ein Zubrot verdienen sollten.

Der "Wandervogel"

Richtig populär wurde das Wandern aber erst 30 Jahre später. Und es waren nicht die Erwachsenen und Berufstätigen, die dieser Freizeitbeschäftigung zu ihrem ersten Aufschwung verhalfen, sondern Jugendliche und Schüler.

1896 begann der Berliner Student Hermann Hofmann mit einigen Jugendlichen Wanderungen in die nähere Umgebung zu unternehmen. So etwas hatte es zuvor nie gegeben:

Das Freizeitprogramm von Jugendlichen aus der Bürgerschicht spielte sich im wilheminischen Deutschland gewöhnlich innerhalb der Familie ab, gemeinsame Unternehmungen mit Gleichaltrigen gab es – besonders für Mädchen – nicht.

Wandervögel beim Pfingstausflug

Wandervögel beim Pfingstausflug

Zunächst war Hofmanns Gruppe auch nur für Jungen zugelassen. Die zeigten sich begeistert: Immer mehr Schüler schlossen sich der Gruppe an und auch die Wanderungen wurden bald ausgedehnter – der "Wandervogel" war geboren.

Unter Hofmanns Nachfolger Karl Fischer folgte 1901 schließlich die offizielle Gründung des "Wandervogel e.V. – Ausschuss für Schülerfahrten", bald wurden auch in anderen Städten Wandervogel-Gruppen gebildet.

Wandern war plötzlich zum Politikum geworden. Die frühen Wandervögel wollten sich von ihrem Elternhaus emanzipieren, sie wollten ein Stück Freiheit erlangen – und in gewisser Weise gegen die gedanklichen Strömungen ihrer Zeit protestieren.

Dieser Protest vollzog sich hauptsächlich durch den Rückgriff auf alte Muster: Romantische Ideale, mittelalterliche Vorbilder wie der "Scholar" (der "fahrende Schüler") und altes Liedgut sollten einen Kontrapunkt zur Industrialisierung und zur Schnelllebigkeit des Stadtalltags setzen.

Freiheit auf der ganzen Linie: Man kleidete sich bei den Wanderungen bewusst leger (Anzug und steifer Kragen blieben zu Hause) und schlief in Zelten oder unter freiem Himmel.

Ab 1907 wurden auch die ersten Mädchenwandergruppen gegründet – ein kleines Stück frühe Emanzipation. Wandern war plötzlich in aller Munde, ein Volkssport war geboren.

Wandern heute

"Trekking" oder "Hiking", das klingt moderner, sportlicher und herausfordernder als "Wandern" – steht aber im Grunde für das Gleiche: für eine aktive Form der Freizeitgestaltung an der frischen Luft.

Ein junger Wanderer steht am Wegesrand. Im Hintergrund sind zwei weitere junge Wanderer zu erkennen.

Auch Jüngere entdecken das Wandern für sich

Defintionen, was das Wandern ist und wie sich vom einfachen Spazierengehen unterscheidet, gibt es viele. Aber im Prinzip zählt zum Wandern alles, was eine Fußreise beschreibt, wo also das Gehen das entscheidende Fortbewegungsmittel ist. Insofern kann man zum Wandern unterschiedliche Freizeitaktivitäten zählen:

  • Tagestouren: Acht von zehn deutschen Wanderern ist auf Tagestouren unterwegs. Zumeist liegen die Wanderwege in der Nähe des Wohnorts oder sind schnell mit dem Auto zu erreichen. Meist handelt es sich bei Tagestouren um Rundwege.
  • Fernwandern über mehrere Tage und viele Kilometer, mit oder ohne Gepäck
  • Trekking ist Teil des Fernwanderns. Trekkingtouren sind meist anspruchsvolle Weitwanderungen, bei denen man mehrere Tage (oder sogar Wochen) unterwegs ist und sein eigenes Gepäck mit sich trägt.
  • Bergwandern: Anders als beim Bergsteigen werden hier nicht die Hände eingesetzt.
  • Nordic Walking: Fitnesstrend mit Stöcken
  • Pilgern: Fasst man den Begriff weit, kann man zum Wandern auch das Pilgern zählen, das seit Jahrhunderten Tradition hat und in nahezu allen Religionen vorkommt. Die Motivation ist hier eher religiöser-spiritueller Natur.
  • Geocaching ist eine moderne Form der Schatzsuche oder Schnitzeljagd, bei der man mit einem GPS-Empfänger und Koordinaten ein verstecktes Kistchen sucht. Routen, die oft aus mehreren Aufgaben bestehen, aus denen sich wiederum neue Koordinaten ergeben, findet man zuhauf im Internet.
  • weitere Varianten wie Gehmeditation, Barfuß- oder Nacktwandern

Gewandert wird allein, mit Freunden oder in Wandervereinen, die allerdings oft Nachwuchssorgen haben. Denn junge Wanderer suchen ihre Routen meistens auf eigene Faust. An geführten Wanderungen, wie sie von Vereinen angeboten werden, nehmen nur wenige von ihnen teil.

Vereinswanderer suchen die Geselligkeit, sie lassen sich die Strecken gern von ausgebildeten Wanderführern zeigen und laufen so nicht Gefahr, im unbekannten Terrain die Orientierung zu verlieren.

Die Jüngeren suchen ihre Routen hingegen lieber im Internet, sind, was funktionale Outdoorkleidung betrifft, auf dem neuesten Stand und setzen auf das individuelle Naturerlebnis, Selbstfindung inklusive.

Naturgenuss steht im Vordergrund

Ab Ende der 1990er Jahre haben die Deutschen das Wandern wieder als Freizeitsport für sich entdeckt. Die Zahl der Wanderer wuchs, und Wandern gilt seitdem nicht mehr als spießige Beschäftigung für Senioren, sondern ist in fast allen Alterstufen ein beliebtes Hobby. Der deutsche Wanderer ist im Schnitt 48 Jahre alt. Es wandern genauso viele Frauen wie Männer.

Ein Wanderer steht auf einem Berg an einem Wegweiser.

Lohn der Mühe

Die meisten wandern, um die Natur und Landschaft zu genießen, zur Entspannung, weil es gesund ist und um gemeinsame Zeit mit dem Partner, der Familie oder Freunden zu verbringen. Der sportliche Aspekt steht eher im Hintergrund, nur jedem Fünften geht es (auch) darum.

Längst hat auch die Tourismusindustrie die Wanderer wieder für sich. Gasthöfe und Pensionen, des Wanderers beliebteste Übernachtungsmöglichkeiten, schließen sich zu regionalen Verbänden zusammen, um die Verpflegung entlang einer Wegstrecke zu gewährleisten.

Einige Gasthöfe verleihen sogar Handys an ihre Gäste, die diese dann bei der nächsten Station wieder abgeben können – sicher ist sicher.

Stille, abgelegene Wanderrouten werden heutzutage eindeutig bevorzugt, "Waldautobahnen", die sich Sonntag für Sonntag mit Ausflüglern füllen, sind nicht das Ziel der "neuen" Wanderer.

Autoren: Yvonne Deck/Christoph Teves

Stand: 19.06.2018, 10:58

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