Klettern

Kletterer am Berg

Gebirge

Klettern

Von Bettina Wiegand

Wie der Superheld Spider-Man hängen Freeclimber an glatten Wänden oder turnen an schwindelerregenden Überhängen. Mit dem Klischee des spießigen, lederbehosten Bergsteigers hat die Klettergemeinde nichts mehr zu tun: Sie ist jung, bunt und unkonventionell.

Die Vielfalt des Kletterns

Früher nannte man jede Art von Klettern einfach Bergsteigen. Doch das hat sich geändert. Inzwischen haben sich so viele verschiedene Disziplinen entwickelt, dass es für den Laien gar nicht so einfach ist, sie auseinander zu halten. Grundsätzlich unterscheidet man heute Alpinklettern und Sportklettern.

In den Bergen ist das Risiko für die Sportler generell höher, denn sie müssen jederzeit mit Wetterumschwüngen, schlechten Sicherungsmöglichkeiten und hohen Ausdauerbelastungen zurechtkommen. Die Touren ziehen sich meistens über viele Seillängen zum Gipfel und erfordern das Biwakieren – also das Kampieren – in der Wand.

Das Sportklettern dagegen findet überwiegend an Felswänden statt, die mit nur einer Seillänge bewältigt werden können und gut gesichert sind. Es ist der ideale Einstieg für Anfänger, da es in den klassischen Klettergebieten wie zum Beispiel dem Frankenjura auch zahllose Touren mit einfachem Schwierigkeitsgrad gibt. Die meisten Kletterer haben sich auf die ein oder andere Sportart spezialisiert.

Für eine kleine Gruppe von Extrem-Sportlern gibt es jedoch keine Grenzen. Sie bezwingen die schwierigsten Hochgebirgswände im Alleingang ohne Seil, klettern an gefrorenen Wasserfällen in schwindelerregende Höhen oder hängen mit zwei Fingern an extremen Überhängen.

Ihre atemberaubenden Leistungen motivieren auch andere zur Nachahmung. Längst hat sich das Klettern daher zu einem populären Trend- und Wettkampfsport entwickelt.

Ein Kletterer mit nacktem Oberkörper hängt an einer Felswand

Sport am Abgrund

Freiklettern / "Freeclimbing"

Schon vor mehr als 150 Jahren kletterte man im Elbsandsteingebirge ohne künstliche Hilfsmittel. Die Besteigung des Falkensteines durch Schandauer Turner 1864 gilt dort als Geburtsstunde des Bergsports.

Rudolf Fehrmann war es, der 1908 den ersten Kletterführer der Sächsischen Schweiz herausgab und darin auch gleich das Credo der Freikletterer proklamierte: strikter Verzicht auf Hilfsmittel. Mit deutschen Auswanderern gelangte das Freiklettern nach Amerika und erlebte in den 1950er Jahren im legendären Yosemite Valley in Kalifornien einen Boom.

In den 1970er Jahren kam der Sport als "Freeclimbing" nach Europa zurück. Die Philosophie ist einfach: Nicht die Besteigung des Gipfels steht im Vordergrund, sondern das "Wie". Der Ehrgeiz des Freeclimbers konzentriert sich darauf, ein Kletterproblem zu lösen, das durch die Route vorgegeben ist. Dabei ist nicht nur der Schwierigkeitsgrad entscheidend, sondern auch der Stil.

Oft wird Freiklettern fälschlicherweise mit Soloklettern verwechselt. Doch während man beim Soloklettern auf jegliche Sicherung verzichtet, erlaubt die Philosophie des Freikletterns den Einsatz technischer Hilfsmittel.

Seil, Karabiner oder Haken dürfen allerdings nicht zur Fortbewegung benutzt werden, sondern nur zur Sicherung. Als Halte- und Trittpunkte benutzt der Kletterer die Strukturen der Felswand.

Zwei Bergsteiger im Yosemite Valley.

Klettern im Yosemite Valley ist legendär

Bouldern

Bouldering nennt man das Klettern ohne Seil in niedriger Höhe an einem Felsblock. Dabei geht es in erster Linie darum, kurze, aber technisch möglichst anspruchsvolle Felspassagen zu überwinden.

Beim Bouldern klettert man bewusst in geringer Höhe von maximal sieben Metern, um jederzeit abspringen zu können. Die Sportler legen dazu am Felsblock Schaumstoffmatten aus, sogenannte "Crashpads", um das Verletzungsrisiko zu minimieren.

Bouldern war in der Vergangenheit vor allem als Trainingsmöglichkeit beliebt, hat sich aber mittlerweile zu einem eigenständigen Sport entwickelt. Erfunden hat das Bouldern der Amerikaner John Gill. Er war auch der erste, der das vom Turnen bekannte Magnesia beim Klettern gegen schweißnasse Hände einsetzte.

Technisches Klettern

Die goldene Zeit des technischen Kletterns lag in den 1950er und 1960er Jahren, als mit Haken und Trittleitern die großen Alpenwände erstbegangen wurden. Beim technischen Klettern werden die Zwischensicherungen (zum Beispiel Haken, Schlingen) und künstlichen Haltepunkte (Strick- und Trittleitern) zur Fortbewegung mitbenutzt.

Es gibt beim technischen Klettern eine eigene Schwierigkeitsbewertung von A0 bis A5. Mit A0 ist hier das Freiklettern gemeint. Der Kletterer benutzt dabei Sicherungspunkte wie etwa Haken zum Festhalten oder Treten.

Je höher die Schwierigkeitsstufe ist, desto mehr künstliche Hilfsmittel muss der Kletterer zum Überwinden der Route einsetzen. Bei A5 bewegt er sich dementsprechend nur noch mit solchen Hilfsmitteln fort, die aber aufgrund der Beschaffenheit des Felsens nur schwer anzubringen sind und gerade eben noch das Gewicht des Kletterers tragen.

Eisklettern und Mixed Climbing

Ein entscheidender Unterschied zum Felsklettern besteht darin, dass man Eisklettern nicht als Trockentraining üben kann. Und Eisklettern ist teuer. Man braucht nicht nur winterfeste Funktionskleidung, sondern zusätzlich zur normalen Kletterausrüstung einiges an Spezialgerät (etwa Eisschrauben, Eispickel, Steigeisen).

Eisklettern ist auch wesentlich gefährlicher als normales Klettern, denn Standplätze und Zwischensicherungen sind normalerweise nicht so sicher wie im Fels. Der Sportler muss über ein hohes Maß an Erfahrung verfügen, um den Zustand des Eises richtig zu beurteilen. Innerhalb von Stunden kann sich dessen Struktur ändern und das birgt unerwartete Risiken.

Für Anfänger ist diese Klettervariante also nicht geeignet. Vom Mixed Climbing spricht man, wenn eine Tour sowohl Eis- als auch Felspassagen aufweist.

Ein Bergsteiger im Eis

Eisklettern erfordert viel Erfahrung

Klettersteiggehen

"Vie ferrate" – zu deutsch "Klettersteige" – sind eine ganz eigene Form, die Berge zu erklimmen. Von vielen Freeclimbern belächelt, haben sich die "Ferratisti" längst zu einer eingeschworenen Szene zusammengeschlossen.

Es wäre ein Fehler, das Klettersteiggehen zu unterschätzen. Um an senkrechten Felsleitern hochzukraxeln oder sich über schwindelerregende Seilbrücken zu schwingen, braucht man nämlich auch eine gehörige Portion Mut und sportliche Fitness.

Eine Kletter-Route im fünften Schwierigkeitsgrad, aufgerüstet mit Drahtseil oder Steiganlage, verlangt eben doch mehr als einen sicheren Tritt. Zur Ausrüstung gehören normale Bergschuhe, ein Helm und ein sogenanntes Klettersteigset, das aus Seilbremse und Sicherheitskarabinern besteht.

Ein Bergsteiger auf einem Klettersteig.

Auch für Klettersteige muss man schwindelfrei sein

SWR | Stand: 17.04.2020, 17:40

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