Schluchten

Schlucht mit Wasserfall im Yellowstone-Nationalpark

Gebirge

Schluchten

Ob zu Fuß oder mit dem Boot – Schluchten sind ein idealer Ort, um der Natur in ihrer ganzen Ursprünglichkeit zu begegnen. Der Grand Canyon in Nordamerika, die Gorges du Verdon in Südfrankreich oder der Kupfer-Canyon in Mexiko hinterlassen bei ihren Besuchern ein Gefühl der Grenzerfahrung mit der Erhabenheit der schöpferischen Natur. Denn Schluchten sind nicht nur eine besondere Landschaftsform, sie bieten als Biotope der Tier und Pflanzenwelt einen einzigartigen Lebensraum.

Schlucht ist nicht gleich Schlucht

Geomorphologie heißt die Wissenschaft, die sich mit der Gestalt der Erdoberfläche und den Kräften, die diese formen, beschäftigt. Für Geomorphologen ist die Schlucht eine besondere Talform. Denn "Tal" ist die korrekte Bezeichnung für sämtliche Erosionsrinnen, die das Wasser in Jahrmillionen auf seinem Weg über die Erde hinterlassen hat.

Dabei gibt es viele verschiedene Täler, von der engen steilen Klamm bis zum weiten offenen Muldental – und jedes hat seine eigene Entstehungsgeschichte.

Die Tiefenerosion

Wie tief sich das fließende Wasser in ein Tal einschneidet ist von verschiedenen Faktoren abhängig. So kann das Wasser reißend sein oder ruhig strömen – und so ganz unterschiedliche Kräfte entfalten. Dies wirkt sich besonders auf die Menge und Art des transportierten Materials aus.

Geomorphologen sprechen in diesem Zusammenhang von regelrechten Erosionswaffen. Erosionswaffen sind Sand, Steine und Geröll – wirkungsvolles Schleifmaterial, mit dem ein schnell fließendes Gewässer sein Bett beständig vertiefen kann. Solche tief eingeschnittenen Sturzbäche findet man vor allem in bergigen Regionen.

Alpenfluss mit großen Geröllbrocken

An ihrem Oberlauf schleppen Flüsse viel Erosionsmaterial mit sich

Erreicht das Gewässer flachere Gebiete, nimmt die Fließgeschwindigkeit deutlich ab. Damit schwindet die Kraft des Wassers, seine Fracht weiter mit sich zu tragen. Diese wird nach und nach, beginnend mit großem und schweren Geröll bis hin zum feineren Sand, am Grund des Flussbettes abgelagert. Die Folge: Das Tal füllt sich auf.

Die Breitenerosion

Die einschneidende Kraft des Wassers wirkt aber nicht nur nach unten, sondern auch an den Rändern des Flussbettes. Entsprechend verbreitert sich dieses und damit auch das Tal. Auch hier gibt es unterschiedliche Faktoren, die bei diesen Prozessen eine Rolle spielen.

So gilt etwa, je erosionsbeständiger das Gestein durch das ein Fluss fließt, desto steiler werden seine Talwände. So entstehen etwa die tiefen Täler einer Schlucht mit ihren steilen Wänden. Ist das Gestein eher weich, wird auch seitlich mehr abtransportiert und das Tal verbreitert sich.

Eine weitere Größe ist das Klima: In trockenen Gebieten mit wenig Niederschlag bleiben die Flusshänge länger erhalten. In Regionen mit reichlich Niederschlag wird das Material an den Hängen stärker erodiert. Zum Niederschlag kommt auch die Temperatur: Bei Kälte gefriert Wasser – es kommt zu Frostsprengungen und damit erhöhter Erosion an den Talhängen.

Gebirgsfluss, dessen Ufer verschneit sind

Auch Frost beeinflusst die Talformung

Letztendlich wird durch das Zusammenspiel von Tiefen- und Breitenerosion sowie den Zeitraum, in dem die verschiedenen Kräfte wirken, die Form des jeweiligen Tales bestimmt.

Die Klamm

Das Flussbett der Klamm wird von nahezu senkrechten, teils überhängenden Wänden umgrenzt. Die Klamm ist die steilste Talform. Das Wasser hat eine Schneise durch das Gestein geschlagen, ohne dabei die Talwände abzutragen. Damit die Seiten des Tales nicht verwittern, muss das Gestein, welches den Fluss umgibt, sehr hart sein. Das Wasser muss große Kräfte entfalten, um sich in solch hartes Gestein eingraben zu können.

Kraft bezieht das Wasser durch sein Gefälle. Starkes Gefälle an Flussoberläufen sorgt für stürzende Wassermassen mit hoher Fließgeschwindigkeit. Das Wasser kann so gewaltige Mengen an Erosionswaffen mit sich reißen. Diese sorgen im weiteren Verlauf des Flusses dafür, dass sich der Wasserstrom auch in den harten Untergrund kontinuierlich eintiefen kann. Klammen lassen sich daher besonders im Alpengebirge und an den Oberläufen von Flüssen antreffen.

Fußgänger in einer Klamm

Die Höllentalklamm in Bayern

Die Schlucht

Schlucht und Klamm ähneln sich. Doch während bei der Klamm die Talwände teils überhängend verlaufen, liegen die Talwände bei einer Schlucht etwas weiter zurück. Dabei geben Schluchten und Canyons den Blick frei auf das, was unter uns liegt. Gesteinsschicht für Gesteinsschicht legen sie die Entstehungsgeschichte der Erde offen und zeugen von der beständigen Veränderung der Landschaft.

Blick in die Vikos-Schlucht

Tief und imposamt: die Vikos-Schlucht in Griechenland

Das Kerbtal

Ein Kerbtal erkennt man an dem V-förmigen Querschnitt des Tales. Die Kraft des Wassers wirkt sich nicht allein auf die Talsohle aus, sondern greift auch die Hänge des Tales an. Tiefen- und Seitenerosion halten sich im Gleichgewicht.

Das Gestein an den Hängen des Tales ist weniger standfest. Erdrutsche und Frostsprengungen schrägen die Talwände ab, sie verwittern. Die Fließgeschwindigkeit des Wassers reicht aus, das anfallende Material wegzuspülen. Der Fluss nimmt die gesamte Breite der Talsohle ein.

Blick in das Reintal

Das Reintal an der Zugspitze hat die typische V-Form eines Kerbtals

Der Canyon

Eine Sonderform des Kerbtals ist der Canyon. Canyons entstehen, wenn sich Gewässer in beinahe waagerecht lagernde Gesteinsschichten einschneiden, die unterschiedlich hart sind.

Das weiche Gestein wird vom vorbeiströmenden Wasser leichter abgetragen als die harten Schichten – dadurch entsteht die schöne Treppung, die für die Canyons so typische Maserung. Die getreppten Hänge bleiben nur in regenarmen Gegenden erhalten. Das wohl berühmteste Beispiel dieser Art ist der Grand Canyon im Nordwesten von Arizona.

Der Zrmanja-Canyon im kroatischen Paklenica-Nationalpark

Der Zrmanja-Canyon im kroatischen Paklenica-Nationalpark

Das Sohlental

Lässt die einschneidende Wirkung des Wassers nach, entstehen breitere Talformen. Aus einem Kerbtal entwickelt sich dann ein Sohlental: ein kastenförmiges Tal mit einer breiten Talsohle.

Während die Abtragungskraft des Flusses nach unten hin schwächer wird, bleiben die Kräfte der Seitenerosion weiterhin aktiv. Die Hänge verwittern und flachen ab. Das Wasser besitzt nicht mehr genügend Kraft, um die angesammelten Sedimente abzutransportieren. Das Geröll häuft sich am Grund des Tals auf. Der Flusslauf nimmt nun nicht mehr die gesamte Fläche des kastenförmigen Talgrundes ein.

Das Muldental

Eine sehr weit verbreitete Talform ist das Muldental. Dem Fluss werden von der Flächenabtragung an den Hängen mehr Gesteinsbrocken zugeführt, als das Wasser wegspülen kann.

Die Folge: immer mehr Geröll bleibt in der Talsohle liegen und bildet einen weichen Übergang zwischen Talsohle und Talwänden. Der Fluss sucht sich seinen Weg und verläuft im tiefsten Punkt der Mulde.

Muldental in den schottischen Highlands

Muldentäler betten sich weich in die Landschaft ein

Trockentäler

Trockentäler sind Relikte einer vergangenen Zeit. Einst hat auch sie die Kraft eines fließenden Wassers in die Erdoberfläche gekerbt. Doch Flüsse, Bäche und Ströme brauchen oft Jahrmillionen, um die Erdoberfläche nachhaltig zu verformen. Von der einstigen Kraft der Wassermassen zeugen dann heute noch die trocken gefallenen Täler.

Ein Fußweg schlängelt sich durch ein Tal

Einst durch einen Fluss geformt: das Wental auf der Schwäbischen Alb

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 22.05.2018, 13:34

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