Fotoagentur Magnum

Eve Arnold am Set

Geschichte der Fotografie

Fotoagentur Magnum

Von Salim Butt

Lange Zeit war das Berufsbild des Fotojournalisten nicht sonderlich anerkannt. Die Fotografen galten lediglich als Handlanger der schreibenden Reporter. Erst mit der Einführung von reinen Bildillustrierten, in denen das Foto mehr Bedeutung hatte als der Text, änderte sich die Lage der Fotografen. Sie wurden besser bezahlt, doch die Rechte an ihren Bilder erhielten die Magazine oder eigens eingerichtete Fotoagenturen. Die Konsequenz: Eine eigene, von Fotografen gegründete Agentur musste her.

Die Gründung

Als im Jahr 1947 die Fotografen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David Seymour in Paris zusammentrafen, um gemeinsam über ihre berufliche Zukunft nachzudenken, stellte sich ihnen ihre Lage folgendermaßen dar: Der Fotojournalismus hatte sich als legitime und geschätzte Form der Berichterstattung etabliert, nicht zuletzt durch Magazine wie "Life", die die Fotografie zum Mittelpunkt ihrer Hefte machten. Gute Fotos waren gefragt.

Foto von Henri Cartier-Bresson. Er sitzt an einem Tisch, dreht sich seitlich von der Kamera weg.

Henri Cartier Bresson war einer der Gründer

Gleichzeitig waren Bildagenturen, wie zum Beispiel Associated Press, gegründet worden, um Zeitungen und Zeitschriften in aller Welt mit Bildern zu versorgen. Das aber waren profitorientierte Organisationen, für die das einzelne Foto eine Handelsware darstellte. Der Fotograf sollte liefern, was der Kunde wünschte.

Die vier Fotografen, die sich 1947 in Paris berieten, gehörten damals zwar zu den gefragtesten ihres Fachs, sahen sich aber einer Maschinerie ausgesetzt, in der der einzelne Fotograf ohne Einfluss war. Magazine und Agenturen handelten untereinander die Preise aus, beanspruchten die Verwertungsrechte, "verstümmelten" nach Belieben Fotos, indem sie sie aus dem Zusammenhang rissen oder nur Ausschnitte veröffentlichten.

Capa, Rodger, Seymour und Cartier-Bresson, letzterer hatte kurz zuvor durch eine Ausstellung seiner Arbeiten im Museum of Modern Art auch Anerkennung als Fotokünstler gefunden, wollten sich aus diesem "Würgegriff" befreien.

Es erschien ihnen notwendig, ihre Geschäfte in Zukunft selbst zu verwalten, um ihre Selbständigkeit und die vollständige Kontrolle über ihre Arbeiten in eigenen Händen zu halten. Zu diesem Zweck gründeten sie eine eigene Agentur: Magnum.

Das Konzept

Magnum sollte anders sein als alle anderen Agenturen, mehr Künstlergemeinschaft als Auftragsvermittlung, mehr Fotografen-Kooperative als Bilderhändler. Schließlich sahen sich die Gründer zugleich als Künstler und als Reporter. Und da ihre Arbeiten gefragt waren, konnten sie auch bei den Abnehmern durchsetzen, was ihnen notwendig erschien.

Fortan musste bei jeder Veröffentlichung der Name des Fotografen genannt werden, ein Beschneiden der Bilder war nicht mehr gestattet und die Urheberrechte blieben beim Fotografen, verwaltet durch Magnum. Wer nicht mitspielen wollte, bekam eben keine Bilder mehr.

Schwarzweiß-Porträt von Inge Morath. Sie guckt seitlich an der Kamera vorbei.

Inge Morath wurde 1955 Mitglied bei "Magnum"

Um die Unabhängigkeit aller Mitglieder auch für die Zukunft zu gewährleisten, schrieben die Gründer in den Statuten fest, dass jeder durch Magnum vertretene Fotograf auch gleichzeitig Teilhaber der Agentur werden sollte. Durch diesen klugen Schachzug konnten sie in den folgenden Jahren bedeutende Talente wie Eve Arnold, Inge Morath, Marc Riboud oder Dennis Stock für ihr Modell gewinnen.

So entwickelte sich Magnum schnell zu einer Vereinigung der prominentesten und engagiertesten Fotografen der Welt. Um diese profilierte Künstlervereinigung noch mehr zu festigen, beschloss man, alle Entscheidungen basisdemokratisch zu treffen. Auch neue Mitglieder wurden fortan von den Teilhabern gemeinsam durch ein Wahlverfahren bestimmt.

Der Magnum-Stil

Warum brauchen Fotografen eigentlich so viel wirtschaftliche Unabhängigkeit? Reicht es nicht, wenn sie ihre Bilder regelmäßig verkaufen können, unabhängig davon, was danach mit den Arbeiten geschieht?

Der Fotograf Robert Capa wurde mit nur 40 Jahren getötet.

Robert Capa starb bereits 1954

Die Magnum-Gründer und ihre ersten Weggenossen waren da anderer Meinung. Eben weil sie sich als eine Symbiose aus Künstler und Reporter sahen, waren sie auch davon überzeugt, dass gerade ihr spezieller, ihr subjektiver Blick erst den Gang der Weltgeschichte wirklich dokumentierte.

Also mussten sie nach ihren eigenen Regeln arbeiten können, denn was konnten Zeitungsmacher und Agenturen, die selbst keine Fotografen waren, davon schon verstehen?

Die Arbeiten der Magnum-Fotografen waren engagierte Sozialreportagen. Ihre Bilder, so dachten sie, waren das Ergebnis intensiver Auseinandersetzung mit der Realität und ausführlicher Recherchen über den Gegenstand ihrer Reportagen. Wochenlange Motivsuche war für sie ebenso selbstverständlich, wie die Bereitschaft ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, wenn es zum Beispiel darum ging, die Schrecken eines Kriegs überzeugend zu dokumentieren.

Zwei der vier Gründer (Capa und Seymour) fielen tragischerweise schon innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Gründung Kriegen, über die sie berichteten, zum Opfer.

Jedenfalls nutzten die Magnum-Fotografen ihre Unabhängigkeit, um immer dort zu sein, wo sie es für richtig hielten, wo sie Brennpunkte des sozialen Geschehens vermuteten. Und das ist auch bis heute so geblieben.

So wird ein Magnum-Fotograf nicht unbedingt bei einem Wirtschaftsgipfel oder einer Königshochzeit auftauchen. Eher findet man ihn in einem afrikanischen Armenviertel, bei einer kaum beachteten Volksgruppe im kanadischen Hinterland oder eben mitten in den Krisenherden der Welt.

Der kunstvoll arrangierte Tod

Die Kriegsberichterstattung war von Anfang an einer der Schwerpunkte der fotografischen Arbeit von Magnum. Schließlich war Gründer Robert Capa seinerzeit der berühmteste Kriegsfotograf der Welt. Seine Bilder von der Landung der Alliierten in der Normandie etwa, oder seine Aufnahme eines scheinbar im Sterben zu Boden fallenden Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg, sind bis heute unvergessen geblieben.

Ein Journalist fotografiert im Krisengebiet

Kriegsberichterstattung ist einer der "Magnum"-Schwerpunkte

Solche Fotos vergegenwärtigen den fotografierten Augenblick, und wenn es ein Schrecklicher war, kann das Bild schockieren oder anrühren. Aber diese Bilder fesseln auch, weil sie künstlerisch durchkomponiert sind: Selbst der ungeübte Betrachter sieht auf den ersten Blick, dass er keinen zufälligen Schnappschuss vor sich hat.

Diese ästhetische Distanz, oder unmenschliche Distanzlosigkeit, je nachdem wie herum man es interpretieren möchte, hat gerade Magnum vielfach zur Zielscheibe von Kritik gemacht. Dürfen Leid und Grauen solchermaßen ästhetisiert und damit letztlich auch vermarktet werden?

George Rodger gab das Fotografieren von Kriegen schließlich auf, weil er – wie er Jahre später gestand – sich selbst dabei beobachtet hatte, wie er "den Tod in nette fotografische Kompositionen" packte.

Die Menschenrechte als fotografisches Credo

In ihrem grundlegenden moralischen Anspruch ließen sich die Magnum-Fotografen aber weder durch solche Debatten, noch durch die veränderten Sehgewohnheiten einer zunehmend medienverwöhnten Welt beirren.

Als in den 1970er Jahren das Foto für die Magazine mehr ein illustratives und dekoratives Element wurde – als die Fotos dem Design, dem zeitgemäßen "Look" zu entsprechen hatten – klinkten sich Magnum-Fotografen aus dem Betrieb aus, indem sie ihre Arbeiten in eigenen Büchern veröffentlichten.

So wurden zum Beispiel Susan Meiselas' Arbeiten über Nicaragua und Gilles Peress' Beobachtungen während des Umsturzes im Iran auch in Hochglanzmagazinen abgedruckt. Aber nur in den Bildbänden konnten die Fotografen sie nach ihren Vorstellungen editieren und betexten.

In solchen Büchern und den dazu begleitenden Ausstellungen konnten die Magnum-Fotografen weiter ihren ursprünglichen Anspruch verwirklichen, das heißt in ihren Bildern oder Reihen komplexe Aussagen erzeugen, die einen nachdenklichen und nicht nur einen rasch konsumierenden Betrachter verlangen.

Aussagen, die den Idealismus der Gründer und ihrer Nachfolger widerspiegeln sollen. Der Katalog zur Feier ihres 50-jährigen Bestehens zitierte dazu die Erklärung der Menschenrechte, die Konvention gegen den Völkermord und die Genfer Konvention gegen Kriegsverbrechen.

Ein elitärer Club

Bis heute haben der Agentur rund 100 Fotografen angehört. Es waren nie mehr als 60 Aktive zur gleichen Zeit und ihre Namen lesen sich für viele wie ein Who-Is-Who der Fotografie. Neben den bereits genannten waren das zum Beispiel Werner Bischof, Ernst Haas, René Burri, Marilyn Silverstone, Eli Reed, Raymond Depardon, Philip Jones Griffiths, James Nachtwey, Martin Parr und viele andere mehr.

Der Fotograf James Nachtwey schaut direkt in die Kamera. Im Hibtergrund hängen einige seiner Bilder in einer Ausstellung.

James Nachtwey war bis 2001 Mitglied der Agentur

Junge Talente sind bereit, jahrelang zu warten bis sie endlich aufgenommen werden. Luc Delahaye beispielsweise, einer der Jüngeren in der Tradition der Kriegsberichterstatter, harrte vier Jahre als Kandidat aus, ehe er 1998 endlich Vollmitglied wurde.

Unter Fotografen gilt es als eine Art Ritterschlag, Mitglied bei Magnum geworden zu sein. Denn – trotz notorischen Mangels an Geschäftssinn – die Agentur sichert den Teilhabern bis heute ihre künstlerische Unabhängigkeit.

Weiterführende Infos

Stand: 26.07.2019, 16:30

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