Faszination Vinyl-Schallplatte

Planet Wissen 28.06.2022 02:49 Min. Verfügbar bis 28.06.2027 SWR

Tonträger

Vinyl-Schallplatten sind wieder gefragt

Vinyl liegt im Trend – 2022 gingen 4,5 Millionen Schallplatten über deutsche Ladentheken. Ein Treiber ist die Digitalisierung: Viele Vinyl-Fans wollen bewusst Musik hören und schätzen die Schallplatte als Gesamtkunstwerk aus Musik und Cover-Kunst.

Von Martina Janning

Vinyl-Boom durch junge und alte Käufer

Das Knistern, bevor es losgeht – das kennzeichnet für viele Menschen den unvergleichlichen Sound einer Schallplatte. Längst sind es nicht nur die älteren Semester, die Musik auf Vinyl schätzen. Auch die Jüngeren entdecken den Reiz der Rillen.

Das spiegeln die seit Jahren steigenden Vinyl-Absatzzahlen wider. Laut den Daten vom Bundesverband der Musikindustrie (BVMI) und GfK Entertainment wurden 2021 rund 4,5 Millionen Schallplatten in Deutschland verkauft – zehn Jahre zuvor waren es gerade mal 700.000 Exemplare.

Balkendiagramm mit den seit 2009 steigenden Absatzzahlen von Vinyl-Schallplatten in Deutschland.

Die Vinyl-Verkaufszahlen steigen stetig

Im Dezember 2021 war die Nachfrage nach Schallplatten so groß, dass es zu einem Stau in den Presswerken kam. Die britische Musikerin Adele veröffentlichte nach sechs Jahren wieder ein Album und stürmte damit die Charts.

Um die Nachfrage bedienen zu können, gab ihre Plattenfirma eine Großbestellung bei den Presswerken auf, die große Stückzahlen herstellen können. Davon existieren weltweit nur einige wenige. Die Folgen spürte die gesamte Branche; für die Schallplatten vieler anderer Künstler hatten die Presswerke keine Kapazitäten mehr frei.

So entstehen Schallplatten

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Mehr Plattenspieler verkauft

Auch die Hersteller von Plattenspielern profitieren vom Vinyl-Boom. In Deutschland stieg die Zahl der verkauften Abspielgeräte im ersten Halbjahr 2021 um acht Prozent auf rund 63.000 Plattenspieler, berichten BVMI und GfK.

Die Stiftung Warentest zollte dem steigenden Interesse auf ihre Weise Rechnung und teste Ende 2021 Schallplattenspieler – zum ersten Mal seit 36 Jahren.

Ein Trend bei Plattenspielern heißt "Retro" und bezeichnet den Nachbau von alten Modellen, die aber mit moderner Technik ausgerüstet sind. Ein anderer Plattenspieler-Trend sind Spezialanfertigungen für große Geldbeutel.

Revival: Plattenspieler aus dem Südwesten

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Bewusst Musik hören mit Schallplatten

Wer heutzutage Vinyl-Schallplatten auflegt, setzt ein Statement – ein Statement für Entschleunigung. Und ein Statement für selbstbestimmtes Musikhören. Es geht um das Erlebnis, ein Musikalbum aktiv durchzuhören und sich nicht bloß durch die Playlist eines Streamingdienstes zu klicken.

Für Medien-Professor Dr. Markus Caspers ist das Schallplatten-Hören eine Entscheidung gegen das Virtuelle und Digitale, das die ganze Zeit handhabbar und verfügbar ist. "Es ist eine bewusste Entscheidung für eine Auswahl und gegen das Alles", sagt Caspers.

Eine junge Frau mit Kopfhörer sitzt hinter einem Plattenspieler auf dem Boden.

Entschleunigung durch Schallplatten hören

Die Digitalisierung ist ein wichtiger Treiber des Vinyl-Booms. In einem durchdigitalisierten Alltag entsteht die Sehnsucht nach etwas zum Anfassen. Das Auflegen einer Schallplatte ist ein sehr haptischer Akt – in die Hand nehmen, aus der Hülle ziehen, mit den Fingerspitzen wenden, auf den Plattenspieler legen, Staub abwischen, den Plattenspieler einschalten und erst dann: Musik hören.

Mit dem Auflegen einer Schallplatte seien außerdem Erinnerungen verbunden, findet Vinyl-Fan Caspers. "Wo hat man die gekauft? Wer hat sie einem geschenkt? Wann hat man sie das letzte Mal gehört? Oder das erste Mal?" Viele Menschen erinnern sich an ihre erste Langspielplatte. Wer erinnert sich schon an seinen ersten Musik-Download?

Platten-Cover – Kunst auf kleinem Format

Anfassen, hören, sehen – zum Gesamterlebnis jeder Schallplatte gehört das Platten-Cover. Designer unterscheiden zwei grundsätzliche Arten der Cover-Gestaltung: das Starporträt, das die Interpretin oder den Interpreten zeigt, und das Konzept-Cover, das die Musik interpretiert und durch sein Design einen Vorgeschmack auf die Musik gibt.

Ausnahmen bilden die Schallplatten von kleinen Verlagen und Techno-Platten, deren Hüllen in der Regel ungestaltet sind und wo nur der sogenannte Label-Sticker in der Mitte der Schallplatte designed ist.

Platten-Cover-Kunst

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Bis in die 1940er-Jahre wurden Schallplatten maximal mit einer Papiertüte verkauft. Ein junger Artdirektor und Grafiker bei der Schallplattenfirma Columbia, Alex Steinweiss, erkannte das Potenzial von Platten-Covern und kam auf die Idee, den Käufern durch die Gestaltung des Platten-Hülle Hinweise auf die Art der Musik auf der Schallplatte zu geben.

1939 gestaltete Alex Steinweiss erstmals eine Schallplatten-Hülle – und legte den Grundstein für die Cover-Gestaltung.

Manche Schallplatten-Cover haben regelrecht Geschichte geschrieben, wie das bewusst ungestaltete "Weiße Album" von den Beatles, "Sticky Fingers" von den Rolling Stones, wo sich der abgebildete Reißverschluss beim Original öffnen ließ, die Banane von Andy Warhol auf dem Debütalbum von The Velvet Underground oder "Nevermind" von Nirvana mit dem nackten Baby unter Wasser, das nach einem Dollarschein an einem Angelhaken zu tauchen scheint.

UNSERE QUELLEN

(Erstveröffentlichung: 2022)

Quelle: SWR | Stand: 22.06.2022, 15:00 Uhr

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