Jüdischer Humor

Paul Spiegel, Portrait

Jüdisches Leben

Jüdischer Humor

Von Jürgen Dreyer/Sybille Hattwich

"Gott lacht mit seinen Geschöpfen, nicht über seine Geschöpfe", so steht es im Talmud. Dies scheint eine wichtige Voraussetzung für viele Formen jüdischen Humors zu sein. Mithilfe von Spott, Respektlosigkeit, schwarzem Humor und bissiger Kritik ist er fast immer eine Verteidigung der Menschlichkeit gegen jede Ideologie, Gewalt und engstirnige Gesetzlichkeit.


Ezra Ben Gershom, der die Kulturgeschichte des jüdischen Humors erforschte, fand keine Formel, mit der sich die Besonderheit jüdischen Humors erklären ließe. Aber er nannte zwei Merkmale: Oft ist es ein "Humor der Unterdrückten" und stärker als in anderem Humor kommt in ihm die Selbstironie vor. Auffällig ist auch, dass die jüdischen Helden humoristischer Erzählungen auch in größten Schwierigkeiten Stolz und Selbstsicherheit bewahren und auf keinen Fall aggressiv werden.

"Jüdischer Humor war und ist die schönste Waffe einer Minderheit, denn Humor tötet nicht", schrieb Paul Spiegel, der 2006 verstorbene Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland. Humor zieht sich durch die gesamte jüdische Literatur, angefangen bei der Thora.

Gott lacht

Die wohl bekannteste humoristische Anekdote der jüdischen Bibel steht im vierten Buch Mose (Kapitel 22): Dort wird berichtet, dass ein König ein großes Heer versammelt hat, um das Volk Israel anzugreifen. Vorher soll allerdings noch ein großer Prophet Israel von einem Berg aus verfluchen.

Dieser Prophet namens Bileam reist auf einem Esel an, doch das störrische Tier weicht immer wieder vom Weg ab oder drängt sich an eine Mauer, sodass der Fuß des Propheten eingeklemmt wird. Bileam wird immer wütender und drischt auf das arme Tier ein. Schließlich fängt der Esel zu reden an und verkündet dem verdutzten Propheten, dass sein Handeln einen guten Grund hätte.

Da sieht auch Bileam endlich den Engel Gottes, der ihm den Weg mit einem großen Schwert in der Hand versperrt. Der Esel wusste also besser als der große Prophet, dass eine Verfluchung Israels keine gute Idee wäre. Gott hätte einfachere Wege wählen können, um den Propheten in die Schranken zu weisen, aber dies war sicherlich der humorvollste.

Buchdruck: Ein Mann schlägt einen Esel mit einem Stock. Der Esel wird von einem Engel mit Schwert aufgehalten

Ein störrischer, aber kluger Esel

Die "Bauernschläue" osteuropäischer Juden

Eine wichtige Figur jüdischen Humors ist der naiv wirkende, aber gewitzte Jude, der in Osteuropa im jiddischen Schtetl lebt und unter Armut und Verfolgung leidet. Ein Denkmal setzte ihm Scholem Aleijchems mit seinem Roman "Tewje, der Milchmann", der als Musical "Anatevka" weltberühmt wurde. Es gibt daneben aber noch viele weitere Erzählungen und Anekdoten, die diesen Menschentyp beschreiben.

Die Schlacht bei Tannenberg nähert sich ihren Höhepunkt. Der zaristische Offizier lässt seine Truppe antreten: "Die Stunde ist gekommen. Gleich werden wir angreifen und kämpfen. Mann gegen Mann." Da meldet sich ein jüdischer Soldat und ruft dem Offizier zu: "Bitte zeig mir meinen Mann. Vielleicht kann ich mich mit ihm gütlich einigen."

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Gott und einem polnischen Juden? Antwort: Gott weiß alles. Auch der polnische Jude weiß alles, aber besser.

Die Karikatur zeigt drei orthodoxe Juden in typischer Tracht

Gewitzt und schlau: osteuropäische Juden

Witze über die eigene Religion

Zur jüdischen Selbstironie gehört, dass ihr nichts heilig ist, nicht einmal die eigene Religion, wie man zum Beispiel an diesem Witz über den Synagogengottesdienst sehen kann.

Als Gott die Erde schuf, wollte er allen Kreaturen 40 Jahre Lebenszeit zubilligen. Da stand das Pferd vor ihm und fragte: "Was soll meine Aufgabe sein?" Gott antwortete: "Dich werden Menschen reiten" - "Wenn das so ist, reichen mir auch 20 Jahre." Gott erhörte seinen Wunsch.

Dann stand der Esel vor ihm: "Was soll denn nun meine Aufgabe sein?" "Lasten tragen", antwortete Gott. Der Esel war betrübt und sprach: "Dann verzichte ich auf die 40 Jahre und mir reichen auch 20 Jahre."

Dann trat der Vorsänger vor den Allmächtigen: "Was soll denn nun meine Aufgabe sein" – Da sprach Gott: "Deine Aufgabe wird ganz leicht sein. Du wirst nur in der Synagoge vorsingen müssen." – "Na ja, dann", freute sich der Kantor, "gib mir doch ruhig zu den 40 Jahren noch 40 dazu." Und Gott erhörte auch ihn und gab ihm die 20 Jahre des Pferdes und des Esels dazu. Daher kommt es, dass der jüdische Vorsänger zwar bis 40 passabel singt, danach aber wiehert wie ein Pferd und schreit wie ein Esel.

Jüdische Klischees

Dass Juden besonders geschäftstüchtig oder gar raffgierig seien, ist ein – auch von ihnen selbst – gepflegtes Klischee. Der jüdische Humor schafft es, nicht alles aggressiv zurückzuweisen, sondern Vorurteile augenzwinkernd im Witz zu verarbeiten.

Moische liegt im Sterben. Die Familie hat sich um sein Bett versammelt. Er fragt mit schwacher Stimme: "Sarah, meine Frau, ist mein Sohn Berl da?" "Ja, er steht neben dir", schluchzt seine Frau. "Und wo ist meine Tochter Rivka?" – "Hier bin ich, Vater!" – "Und wo ist meine zweite Tochter Esther", fragt Moische weiter. "Ich bin hier, mein Vater". Esther küsst ihm die Stirn. "Und wo ist Benjamin?" – "Ich bin auch hier", sagt Benjamin sanft und leise. Da richtet sich Moische plötzlich vom Bett auf, öffnet die Augen und fragt entsetzt: "Und wer steht im Geschäft???"

Umgang mit christlichem Spott

Oft schon sahen Anhänger des Christentums auf das Judentum mit seinen "umständlichen" Verboten herab und spotteten. Im jüdischen Witz bekommen sie die passende Antwort.

"Seien Sie ehrlich, Rabbi, haben Sie noch nie in Ihrem Leben Schinken gegessen, nicht mal eine einzige Scheibe, hauchdünn", fragt der Bischof. – "Ja, ich gebe es ja zu. Einmal tat ich es, aus Neugier", antwortet der Rabbiner und beugt sich vor zu dem Bischof: "Aber unter uns, Eminenz...wenn wir uns schon unsere Sünden beichten. Wie steht es mit Ihnen? Haben Sie schon einmal mit einer Frau geschlafen?" Der Bischof atmet tief durch. "Ein einziges Mal", gesteht er mit leiser Stimme. "Meine Haushälterin war krank und ihre Vertreterin war so ein junges Ding vom Lande..." – "Na und", zwinkert ihm der Rabbiner zu, "hundertmal besser als Schinken, nicht wahr?"

Offener Antisemitismus

Oft haben sich Juden beschimpfen und beleidigen lassen, ohne sich gegen eine feindselige Umgebung wehren zu können. Im Witz reagieren sie mit gelassener Souveränität, selbst auf "Schläge unterhalb der Gürtellinie" von Nicht-Juden, die zum Beispiel über ihre Beschneidung spotten.

Der Kunde im Brooklyner Tuchgeschäft hat sich einen Stoff ausgesucht und wendet sich grinsend an den jüdischen Besitzer, Zalman Kowalski: "Geben Sie mir davon ein Stück, das von ihrer Nasenspitze bis zur Spitze ihres Pimmels reichen würde." Der alte Zalman verbeugt sich und verspricht, die Ware direkt nach Hause zu liefen. Zwei Tage später stehen fünf große Lastwagen vor dem Haus des Kunden. Unzählige Ballen des ausgesuchten Stoffes werden ausgeladen. Am Ende bekommt der Kunde die – sehr hohe – Rechnung überreicht und eine kleine handgeschriebene Notiz: "With compliments von Zalman Kowalsky – wohnhaft in New York, beschnitten in Warschau."

Wie es jüdischer Brauch ist, wurde die entfernte Vorhaut am Ort der Beschneidung begraben.

Hitler und die Juden

Dany Levis Hitler-Film "Mein Führer" hat in Deutschland Anfang 2007 eine heftige Diskussion darüber ausgelöst, ob man so humoristisch mit dem Thema umgehen dürfe.

Im Film holt der depressive Hitler seinen jüdischen Schauspiellehrer aus dem KZ. Der soll ihn aufbauen und trainieren, damit Hitler wieder zu kämpferischen Reden fähig wird und das deutsche Volk für den "Endsieg" mobilisieren kann.

Was heute Teile des deutschen Publikums empört, ist nur Ausdruck eines jüdischen Humors, den es schon zu Lebzeiten Hitlers gab. Ein Beispiel:

Hitler schaut in Calais auf den Ärmelkanal hinaus und fragt sich: "Wie kommen wir da nur heil rüber, um England einzunehmen?" Einer seiner Getreuen steht neben ihm und hat eine Idee: "Lassen Sie es uns so machen, wie einst die Juden mit dem Roten Meer." – "Ausgezeichnet", freut sich der Führer "Schafft mir einen Moses herbei!" Aus dem nächstgelegenen KZ wird der erstbeste Moses herangeschafft und vor Hitler gestellt. "Bist du in der Lage, das Meer hier zu teilen", fragt ihn der Diktator. – "Jawohl, ich brauche nur den Stab. Dann ist das alles kein Problem", antwortet der Jude. – "Ja, ja der Stab. Aber wo ist dieser Stab", will Hitler wissen. – "Im British Museum", erwidert Moses seelenruhig.

Charlie Chaplin im Film 'Der große Diktator'

Auch Charlie Chaplin machte sich über Hitler lustig

Hoffnungslosigkeit?

Es gibt kein Aufgeben, keinen Grund, nicht doch das letzte Wort zu haben. Vielleicht liegt darin jüdischer Stolz begründet, so wie er sich im Witz in der Ausweglosigkeit zeigt.

Frankreich wurde von den Nazis erobert. Ein alter Jude geht in eine Pariser Reiseagentur, weil er auf eines der letzten großen Schiffe möchte, die von Le Havre auslaufen. "Wohin wollen Sie denn reisen", fragt ihn die Angestellte. "Wohin? Ich weiß nicht...Hätten Sie vielleicht eine Weltkarte, Mademoiselle?" – "Aber sicher, bitte schön." Der Mann dreht die Karte hin und her, schaut sich Länder und Kontinente an, schüttelt immer wieder den Kopf. Am Ende blickt er auf und fragt mit einem Seufzer: "Und Sie hätten nicht zufällig noch eine andere da, Mademoiselle?"

Quelle für die hier erzählten Anekdoten ist die Sammlung von Elena Loewenthal: "Ein Hering im Paradies. Eine Enzyklopädie des jüdischen Witzes".

Weiterführende Infos

Stand: 08.04.2019, 16:00

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