Das Maracanã-Stadion

Luftbild des Maracanã-Stadions.

Brasilien

Das Maracanã-Stadion

Von Carsten Upadek

Das Maracanã-Stadion: ein Monument, ein Volksheiligtum. Hier wurden Helden geboren und Träume begraben. In dem Oval spielten die besten Fußballer Brasiliens und Megastars der Musik. Das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wurde hier ausgetragen und zwei Jahre später die Olympischen Spiele. Für viel Geld wurde das einst größte Stadion der Welt zu einer modernen Arena umgebaut. Das löste heftigen Streit aus.

Das besetzte Dorf

"Widerstand! Widerstand! Sie kommen! " Vermummte linke Autonome rennen an einem Vormittag Anfang 2013 durch die Ruine einer alten Feudalvilla in Rio de Janeiro. Steine und Schaufeln liegen bereit.

Draußen vor dem Hoftor stehen mit Rauchbomben und Pfefferspray bewaffnete Militärpolizisten der Spezialeinheit Batalhão de Choque, spezialisiert auf Zwangsräumungen. Von innen ist das Tor verbarrikadiert mit Eisenketten, Holzbalken und Stacheldraht. Dahinter bilden Dutzende Menschenrechtler, Intellektuelle und Indianer eine Menschenkette, um das besetzte Gelände zu verteidigen. Fehlalarm. Alle warten angespannt.

Den Umbau bezahlte der Steuerzahler

Hinter dem verfallenen Gebäude erhebt sich die beeindruckende Silhouette des Maracanã-Stadions, Anfang 2013 eine riesige Baustelle. Die alte Feudalvilla ist Teil des Außenbereichs. Eigentlich sollte das Stadion schon längst fertig sein, aber Bauarbeiterstreiks, Regenfälle und Fehlplanung verzögern die Arbeiten. Das Stadion wird komplett umgebaut, um den Anforderungen des Fußball-Weltverbandes FIFA zu genügen.

Eine neue Tribüne wird errichtet, um die Sicht zu verbessern. Statt Stehplätzen entstehen 110 VIP-Logen und ein Membran-Dach, das gleichzeitig Regenwasser für 292 Toiletten auffängt. Schließlich ist ein Parkplatz mit Souvenir-Läden geplant, wo noch die alte Villa steht.

Es ist der dritte Umbau des Maracanã seit 1999. Insgesamt gibt die Staatsverwaltung Kosten von umgerechnet knapp 400 Millionen Euro an. Manche Kritiker sprechen sogar von 500 Millionen. Zum Vergleich: Der grundlegende Umbau und die Modernisierung des Berliner Olympiastadions für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland hat etwa die Hälfte gekostet.

Bezahlt wird der Maracanã-Umbau von öffentlichem Geld, also vom Steuerzahler. Nur noch die denkmalgeschützten Außenwände und die typische Oval-Form erinnern an das Original-Stadion, das für Jahrzehnte das größte der Welt war.

Bauarbeiten am Maracanã-Stadion.

Viele Jahre ist das Maracanã-Stadion eine riesige Baustelle

Geburtsstunde einer Legende

Im Eiltempo war das Stadion für die Fußball-WM 1950 mitten in Rio de Janeiro errichtet worden. Der Ort liegt an der Grenze zwischen dem reichen Süden und dem armen Norden der Stadt an einem Flüsschen.

Den haben die Tupi-Indianer schon vor langer Zeit in ihrer Sprache "Ähnlich einer Rassel" getauft – nach dem wie eine Rassel klingenden Geräusch, das die hier lebenden Papageien machen. So nennen auch die Bewohner von Rio de Janeiro das neue Stadion "Ähnlich einer Rassel": "Maracanã".

In ihm hatten die Arbeiter 500.000 Säcke Zement und 10.000 Tonnen Eisen verbaut. Kurz vor der WM musste sogar die Armee mit Soldaten und Lastwagen helfen, damit das Stadion einigermaßen fertig wurde.

Das Finale der Fußball-WM am 16. Juli 1950 war die Geburtsstunde der Legende Maracanã: Fast 200.000 Menschen drängelten sich in dem Stadion der Superlative. Sie alle wollten ihre Seleção beim sicheren Titelgewinn gegen Uruguay sehen.

Anfang der zweiten Spielhälfte ging Brasilien in Führung: Die Menge tobte. Doch dann drehte Uruguay das Spiel in 15 Minuten und gewann 2:1. Ganz Brasilien war entsetzt! Drei Menschen im Maracanã starben an Herzinfarkten, einer stürzte sich von der Tribüne.

Der Schock brannte sich in das kulturelle Gedächtnis Brasiliens ein und bekam einen eigenen historischen Begriff: Maracanaço. Der Schütze des 2:1-Siegtores für Uruguay Alcides Ghiggia sagte Jahre später dem brasilianischen Fernsehen: "Nur drei Menschen haben das Maracanã zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich, der Mann des Maracanaço!"

Schwarzweiß-Foto vom WM-Endspiel 1950.

1950: Uruguay gewinnt das WM-Endspiel gegen Brasilien

Symbol für Rio

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Maracanã Rio de Janeiros wichtigste Fußballbühne und Auftrittsort für die großen Stars. Musiker wie Paul McCartney, Frank Sinatra oder Madonna spielten vor 170.000 Menschen.

Die besten Fußballer Brasiliens zeigten hier ihr Können – Pelé, Garrincha, Zico, Romario. Als Pelé, der "Weltfußballer des 20. Jahrhunderts", 1969 sein 1000. Tor schoss, stürmten die Fans vor Freude den Rasen. Als der große Außenstürmer Garrincha 1983 starb, verabschiedeten sich hier an seinem Sarg Tausende Fans.

Schwarzweiß-Bild: Pelé und Gegenspieler während eines Fußballspiels.

Fußballlegende Pelé schoss im Maracanã sein 1000. Tor

In einer Stadt mit starken sozialen Unterschieden war das Maracanã ein Ort ohne Arm und Reich. Denn die Eintrittskarte ins Maracanã konnte sich fast jeder Carioca leisten, wie sich die Einwohner Rios nennen. Zu den packenden Duellen der Lokalrivalen von Rio de Janeiro – Flamengo und Fluminense – nahmen Väter ihre Söhne mit, um der wichtigsten brasilianischen Religion zu huldigen: dem Fußball.

"Jeder Carioca hat eine emotionale Verbindung zum Maracanã. Über die Jahrzehnte ist es zu einem Monument für uns geworden", sagt der Forscher und Aktivist Gustavo Mehl. "Es ist Teil unserer Identität und ein Symbol für die Geschichte der Stadt und des Weltfußballs."

Demonstrationen gegen den Umbau

Rosângela Passos ist nicht zu überhören. Sie ist an diesem Tag Anfang 2013 eine der lautesten Demonstrantinnen gegen den Umbau des Maracanã. "Ich fühle Abscheu und Wut! Die Weltmeisterschaft sollte Glück und Frohsinn schaffen, aber sie bringt für uns nur Trauer."

Rosângela wohnt mit ihrem Mann und ihrem Sohn direkt neben dem Stadion. Nachdem FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke den WM-Organisatoren einen "Tritt in den Hintern" angedroht hat, sind zu den 5500 Arbeitern noch einmal 1000 angestellt worden, um mit dem Maracanã endlich fertig zu werden.

"Wenn es Mitternacht wird, fangen sie immer von Neuem an zu arbeiten. Sie hören nachmittags um vier auf und fangen um Mitternacht an. Wir leiden wie verrückt!" Doch das ist nicht der einzige Grund, warum Rosângela hier ist.

Ihr Sohn geht auf eine renommierte Schule, die an das Maracanã grenzt. Sie soll genauso abgerissen werden wie ein Schwimmbad, ein Leichtathletik-Stadion und die alte Feudalvilla, um die sich nun die Proteste entzünden.

Ein deutscher Prinz und ein heiliger Ort

2006 hatte Carlos Tukano mit einer Gruppe Menschen die Ruine der Villa neben dem Maracanã besetzt. Tukano ist ein Ureinwohner Brasiliens und wurde im hintersten Amazonasgebiet geboren, an der Grenze zu Kolumbien.

Lesen und schreiben lernte er in einer Schule der Kirche. "Ich wollte wissen, woher diese Weißen kommen, wie deren Kultur ist, deshalb bin ich mit 20 Jahren aus meinem Gebiet weggegangen. Ich wollte so etwas sein wie ein Botschafter für meine Kultur."

Inzwischen ist er ihr Verteidiger geworden. Dutzende Indigene mehrerer Stämme leben in dem alten Gebäude in Zelten und in kleinen Lehmhütten rings herum. Entlang der Fassade der zweistöckigen Villa ranken sich Pflanzen und Bäume. Fenster und Türen bestehen nur noch aus morschen Rahmen, Tauben nisten im Gebälk. Man kann nur noch erahnen, wie prächtig dieses feudal wirkende Anwesen einst gewesen sein muss.

Der erste Besitzer des Gebäudes war 1864 ein deutscher Prinz: Ludwig August von Sachsen-Coburg und Gotha, der in Brasilien die Tochter des brasilianischen Kaisers geheiratet hatte. Das Gebäude überließ er der Wissenschaft.

Später lebte hier Marchal Cândido Rondon. "Er ist für die Indigenen ein heilige Person", sagt der Anthropologe Douglas Carrara. "Heilig, weil er sein ganzes Leben lang die indigene Kultur verteidigt hat." Hier gründete Rondon die erste Initiative Lateinamerikas zum Schutz der indigenen Völker. Später war in dem Gebäude das erste Indianer-Museum untergebracht. "Deshalb ist den Indigenen dieses Gebäude heilig", so Carrara.

Bemalter Indianer vor einer alten Villa.

Dieser indigene Krieger will die alte Villa neben dem Maracanã verteidigen

Verschwendung und Korruption

Kurz vor Sonnenuntergang bricht Jubel aus. Sichtlich schlecht gelaunt zieht sich die Spezialeinheit der Polizei zurück. Es ist inzwischen zu spät für eine richterliche Verfügung zur Zwangsräumung. Auch die Bauarbeiter nebenan auf der Baustelle des Maracanã applaudieren. Vor Freude klettern auch zwei Bauarbeiter über den Zaun und solidarisieren sich mit den Widerständlern. Dafür werden beide ihren Job verlieren.

Carlos Tukano sagt: "Wir sind doch nicht gegen die Weltmeisterschaft. Wir sind nicht gegen den Frohsinn. Wir sind gegen die Art, wie sie uns behandeln, ohne uns überhaupt zu fragen. Als wären wir ein unsichtbarer Teil der Gesellschaft. Das schmerzt mich sehr."

Politische Bewegungen haben sich mit den Indigenen solidarisiert. Das "Dorf Maracanã" ist zum Symbol gegen die Verschwendung und Korruption bei WM und Olympia in Brasilien geworden. Die Landesregierung schwenkt auf einen Kompromiss ein: Statt die alte Villa abzureißen, soll sie saniert und zum Olympia-Museum werden. Für die Indianer aber ist kein Platz.

An einem Freitag im Morgengrauen räumt die Spezialeinheit das Gelände. Carlos Tukano und seine Leute werden in provisorische Unterkünfte am Stadtrand gebracht. Seine Kraft ist nach Monaten des Kampfes aufgebraucht. Erkrankt gibt er auf.

Der geplatzte Traum vom WM-Finale

Wenig später wird das Maracanã von einem privaten Konsortium übernommen – unter Führung des früheren Multimilliardärs Eike Batista. Die Privatisierung wird nach langem Rechtsstreit Anfang 2014 juristisch bestätigt. Sie reizt den Forscher und Aktivisten Gustavo Mehl am ganzen Umbau besonders: "Das ist sehr fragwürdig. Batista ist ein persönlicher Freund des Gouverneurs und hat für dessen Wahlkampf viel Geld gespendet."

Nun bezahlt sein Konsortium Maracanã S/A etwa 1,7 Millionen Euro jährlich, um die Arena zu betreiben. In 33 Jahren wären das etwa 56 Millionen Euro. "Absurd" nennt Gustavo Mehl das. "Das ist nur ein Bruchteil der öffentlichen Gesamtkosten!" Zusätzlich soll das Konsortium die Parkplätze für Stadion, Geschäfte und das Olympia-Museum selbst bauen. Der öffentliche Protest hat dafür gesorgt, dass die Schule, das Schwimmbad und das Leichtathletik-Stadion doch erhalten bleiben sollen.

Im Juni 2013 wird das Maracanã für den Confederations-Cup wieder eröffnet: Generalprobe für die Fußball-WM. Nach dem Umbau ist aus dem Stadion eine moderne Sportarena für 73.500 Zuschauer geworden.

Die Spiele finden unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Brasilien gewinnt das Finale gegen Spanien und beginnt vom sechsten WM-Titel zu träumen. Am 13. Juli 2014 steigt das Finale der Weltmeisterschaft im Maracanã statt – leider ohne Brasilien, dafür gewinnt Deutschland gegen Argentinien.

Carsten Upadek auf einer Trainerbank.

Autor Carsten Upadek testet die Trainerbank im umgebauten Maracanã-Stadion

Stand: 19.07.2019, 11:45

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