Die Sesamstraße

Ernie und Bert.

Figurentheater

Die Sesamstraße

Von Christiane Tovar

Sie heißen Grobi, Elmo, Krümelmonster und Ernie und Bert: Kaum jemand, den die frechen Puppen nicht durch die Kindheit begleitet haben. Seit mehr als vier Jahrzehnten läuft die Sesamstraße jetzt in Deutschland. Inzwischen ist sie längst Kult, nicht zuletzt wegen der Puppen des legendären Puppenbauers Jim Henson, die fast alle aus New York eingeflogen wurden.

Wie alles begann

Die Sesamstraße war besonders – von Anfang an. Bevor die amerikanische Fernsehproduzentin Joan Ganz Cooney die Idee hat, eine Sendung speziell für Vorschulkinder zu machen, gibt es keine vergleichbare Serie. Bis Mitte der 1960er Jahre glaubt niemand, dass Kinder mithilfe des Fernsehens lernen können.

Eine weitere Besonderheit: Die neue Kindersendung richtet sich nicht etwa an die Mittelschicht, sondern an sozial schwächere Familien.

Die Sesamstraße ist eine Straße mitten in der Großstadt, mit rauchenden Gullys und scheppernden Mülltonnen, in denen sogar jemand wohnt: Oscar, ein anfangs noch orangefarbenes, wuscheliges Monster mit chronisch schlechter Laune und einer Vorliebe für Müll.

Auf den Treppen vor den Häusern spielen die Kinder und lassen sich mal von den Puppen, mal von den Erwachsenen die Welt erklären.

Eine bunte Welt für Kinder

Die Welt der Erwachsenen ist dabei – ganz wie in einer echten Großstadt – genauso bunt und vielfältig wie die von Ernie und Bert, Grobi und dem gelben Riesenvogel Bibo.

Denn neben Afroamerikanern leben in der fiktiven Straße Hispanics, Asiaten und Amerikaner mit weißer Hautfarbe. Die Multikulti-Gesellschaft war allerdings – nur kurze Zeit nach der Ermordung Martin Luther Kings Jr. – alles andere als alltäglich in den USA.

So wird die "Sesame Street", so der Originaltitel, anfangs von vielen Menschen mit Befremden aufgenommen. Das geht so weit, dass Eltern auf die Straße gehen, um gegen die Sesamstraße zu demonstrieren.

Bibo mit drei Schauspielern in der Sesamstraße.

Bibo schafft es auf das Cover des Time Magazine

Doch der Protest nützt wenig, ganz im Gegenteil: Es dauert nicht lange, bis die Sesamstraße, die am 10. November 1969 zum ersten Mal in den USA ausgestrahlt wird, die meistgesehene Kindersendung in Amerika ist.

Sie gewinnt drei Emmys, und Bibo, der große gelbe Vogel, schafft es auf das Cover des Time Magazine. So viel Erfolg spricht sich herum und bald darauf wollen auch andere Fernsehnationen die Serie übernehmen.

Die Sesamstraße wird zum Zankapfel

Der erste Sender weltweit, der die Rechte erhält, ist der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Am 8. Januar 1973 läuft die Sesamstraße zum ersten Mal in Deutschland im Fernsehen.

Wie auch in den USA lässt die Kritik nicht lange auf sich warten. Der Bayerische Rundfunk (BR) strahlt die Serie zunächst nicht aus. Dem damaligen BR-Fernsehdirektor Helmut Oeller ist die Sesamstraße "zu amerikanisch", denn in Deutschland gebe es keine unterprivilegierten Kinder.

Auch das renommierte Zeit-Magazin meldet sich kritisch zu Wort, genauso wie Erziehungswissenschaftler und Eltern, die das Programm für ihre Kinder nicht angemessen finden.

Kritisiert wird unter anderem, dass die Serie zu schnell und zu unterhaltend sei. Die Beiträge seien in ihrer Machart zu sehr an Werbung angelehnt.

Aber es gibt auch Befürworter, und so wird die Sesamstraße zu dem Medienthema der 1970er Jahre. Die Bundesregierung lässt eine Forschungsarbeit über den Nutzen der Sesamstraße für Vorschulkinder erstellen.

Interessantes Ergebnis: Zwar profitieren Kinder der "Unterschicht" von dem Programm, Kinder der "Mittel- und Oberschicht" allerdings in noch größerem Ausmaß.

Die kleinen Zuschauer interessiert die ganze Aufregung wenig: Sie lieben ihre Sesamstraße – ganz gleich, wie kontrovers die Erwachsenen darüber diskutieren.

Die deutsche Sesamstraße: Tiffy, Samson und Co

Im deutschen Fernsehen läuft zunächst eine Mischung aus deutschen und amerikanischen Filmen, die synchronisiert werden. In den Einspielern geht es in der Regel um Zahlen oder Buchstaben.

Sie dauern selten länger als drei Minuten und leben unter anderem von Wiederholungen und Übertreibungen – damit ähneln sie in ihrer Dramaturgie einem Werbespot.

Nach 250 Folgen ändert die Redaktion das Konzept. Die Rahmenhandlung, die auf der Sesamstraße spielt, wird nach und nach "eingedeutscht", bis sie 1978 mit einer komplett deutschen Version ganz verschwindet. Auch die Puppen werden ersetzt.

Von 1978 an sind Samson, ein tapsiger Bär, und die altkluge Tiffy im deutschen Fernsehen mit dabei. Für die Entwicklung schickt der legendäre Puppenbauer Jim Henson eigens Mitarbeiter aus New York nach Hamburg.

Puppen der Sesamstraße als Gruppenbild.

Samson, Tiffy und Co: Die Sesamstraße in neuer Besetzung

In der deutschen Sesamstraße treten bald regelmäßig Schauspieler auf. Zu den ersten gehören Lilo Pulver, Henning Venske und Manfred Krug (in den USA schauen dagegen Weltstars wie beispielsweise Diana Ross und später auch Bill Clinton, Michelle Obama und Kofi Annan vorbei).

Und es gibt einen deutschen Titelsong, der mittlerweile zum Klassiker geworden ist: "Der die das, wer wie was, wieso weshalb warum – wer nicht fragt bleibt dumm."

Viele Kritiker sehen allerdings in der "neuen" Sesamstraße eine weichgespülte Version, die nur noch wenig mit dem frechen, anarchischen Original zu tun hat. Doch Fans hat die Sesamstraße immer noch genug. In Deutschland gibt es seit Sommer 2009 sogar einen "Ableger" der Sesamstraße.

Wie geht es weiter?

"Eine Möhre für Zwei" heißt die Serie, die seit 2010 parallel zur Sesamstraße läuft. Die Hauptrolle spielen das Schaf Wolle und ein Pferd, das auch so heißt. Beide Puppen haben in der amerikanischen Version nur kleine Rollen.

Wolle beispielsweise musste sich vorher mit der Rolle eines "Wurfschafs" begnügen, das ab und an durch das Bild fliegen durfte. Wie in der Sesamstraße auch, geht es bei Wolle und Pferd um den Alltag der Kinder. Pädagogische Inhalte treten bei beiden Sendungen immer mehr in den Hintergrund. Es geht um Ängste, schlechte Laune, Versprechen und vieles mehr.

Die Puppen Wolle, Pferd und Finchen.

Wolle, Pferd und die Schnecke Finchen

Gesellschaftliche Themen finden ihren Platz in der Sesamstraße

Auch im amerikanischen Original ändern sich die Inhalte. So gibt es kurz nach dem Anschlag auf das World Trade Center eine Folge, in der Elmo Angst vor einem Feuer hat.

Eine weitere Neuheit in Amerika: Weil die Kinder dort immer dicker werden, bekommt das Krümelmonster nur noch in Ausnahmefällen Kekse – natürlich aus Vollkorn. Stattdessen stehen Äpfel und Kohlrabi auf dem Speiseplan des zotteligen Kinderlieblings. Außerdem zeigt First Lady Michelle Obama den Kindern, wie man einen Gemüsegarten anlegt.

Trotz aller Wandlungen: Die Sesamstraße ist nach wie vor ein Renner im Kinderfernsehen. Sie läuft in mehr als 120 Ländern. In Südafrika beispielsweise gibt es seit 2002 eine Figur namens Kami, die HIV-positiv ist und den Kindern das Thema Aids näherbringen soll.

In Deutschland hingegen packt man bislang keine wirklich heißen Eisen an. Aber wer weiß, wo es noch hingeht mit Ernie, Bert, Krümelmonster, Kermit und all den anderen? Denn noch ist auch für die deutsche Sesamstraße kein Ende in Sicht.

Stand: 23.07.2019, 14:43

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