Aids

Rund 800 Schülerinnen und Schüler des Würzburger Siebold Gymnasiums stehen im Pausenhof ihrer Schule in Form einer Aidsschleife

Krankheiten

Aids

Von Sine Maier-Bode, Hildegard Kriwet und Katrin Ewert

In Europa hat das "Acquired Immune Deficiency Syndrome", kurz Aids, an Schrecken verloren. Die Erkrankung wird durch das Humane Immunschwäche-Virus (HIV) ausgelöst, das durch Medikamente beherrschbar geworden ist. Doch noch immer ist Aids nicht heilbar. Die Chronik einer Krankheit.

Anfang der 1980er-Jahre: die ersten Fälle

Im Sommer 1981 waren die Mediziner der US-Seuchenüberwachungsbehörde "Center for Disease Control" alarmiert: Fünf bislang gesunde homosexuelle Männer im Raum Los Angeles infizierten sich mit der seltenen Lungenerkrankung Pneumocystis-Pneumonie (PCP), die normalerweise nur Menschen mit einem schwachen Immunsystem befällt.

Fast parallel dazu trat in New York City das Kaposi-Sarkom, eine Krebserkrankung, ungewöhnlich häufig auf. Die Vermutung lag nahe, dass die Mediziner eine neue Krankheit entdeckt hatten. Sie hatte zu dem Zeitpunkt zwar noch keinen Namen, aber viele Symptome.

Da anfangs vor allem Homosexuelle von den seltenen Erkrankungen betroffen waren, vermuteten Wissenschaftler einen Zusammenhang. Das Syndrom bekam den Namen "Gay-Related Immune Deficiency" (GRID).

Doch schon bald mussten Forscher den Namen, der übersetzt so viel bedeutet wie "Schwulenbezogene Immunschwäche", durch einen anderen ersetzen. Denn es tauchten immer mehr heterosexuelle Patienten auf.

Erst im Sommer 1982 nannten Mediziner den Immundefekt "Acquired Immune Deficiency Syndrome" (auf Deutsch: Erworbenes Immunschwäche-Syndrom), kurz Aids. Auch in Deutschland diagnostizierten Ärzte die Erkrankung das erste Mal bei einem Patienten.

1982 wussten Forscher bereits von 14 Ländern, in denen die Krankheit aufgetreten war. Sie hatten erste Vermutungen, dass ein bestimmtes Virus den Immundefekt mit den vielen Krankheitsbildern auslöst.

Eine Computergrafik mit dem Modell eines HI-Virus

Bald gab es erste Hinweise auf ein Virus als Auslöser

Mitte der 1980er-Jahre: Entdeckung des Virus'

Der französische Wissenschaftler Charlie Dauguet arbeitete in der Forschergruppe um den Virologen Luc Montagnier am Pasteur Institut in Paris an der Forschung von Retroviren. Diese Viren speichern ihre Erbinformationen in der sogenannten Ribonukleinsäure (RNS) und übertragen diese in das Erbgut ihres Wirtes. 

Dauguet entdeckte 1983 unter dem Elektronenmikroskop als erster Wissenschaftler das Virus, das die Krankheit AIDS auslöst. Es erhielt zunächst den Namen Lymphadenopathie-Virus (LAV).

Kurz darauf gelang es auch dem US-Amerikaner Robert Gallo, das Retrovirus zu isolieren. Er nannte es "Human T-cell Lymphotropic Virus-III" (HLV-III). Erst 1986 einigten sich die Forscher auf einen endgültigen Namen: Humanes Immunschwächevirus (HIV). Die Wissenschaftler waren zu diesem Zeitpunkt optimistisch, dass sie bald ein Medikament gegen die neu entdeckte Krankheit finden würden.

Porträtfoto des französischen Wissenschaftlers und Mit-Entdeckers des Aids-Erregers, Luc Montagnier.

Luc Montagnier, Mit-Entdecker des Aids-Erregers

Doch schon bald mussten die Forscher erkennen, wie sehr sie sich getäuscht hatten. In der Zwischenzeit häuften sich die Krankheitsfälle. Ende 1983 waren in den USA 3000 Menschen mit dem Virus infiziert, mehr als 1000 davon waren bereits gestorben.

In den Vereinigten Staaten und in Europa entwickelte sich eine hysterische Stimmung. In Deutschland schreckte ein Titel des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" die Menschen auf. "Homosexuellen-Seuche" wurde Aids dort genannt.

Doch der Artikel klärte auch darüber auf, dass dies eine gefährliche Bezeichnung ist. Denn noch wusste niemand genau, wie das Virus übertragen wird. Eines war allerdings zu diesem Zeitpunkt schon sicher: Es kann jeden treffen – Mann und Frau, Homosexuelle und Heterosexuelle, Erwachsene und sogar Kinder.

1985 bis 1995: Jahre des Lernens, Jahre des Leidens

1985 rüttelte der Tod des Schauspielers Rock Hudson große Teile der Bevölkerung auf. Erst jetzt wurde vielen bewusst, dass Aids beliebte Prominente ebenso treffen kann wie den Bekannten von nebenan. Noch vor seinem Tod hatte Rock Hudson die "American Foundation of Aids Research" mit ins Leben gerufen.

Die Schauspielerin Elizabeth Taylor übernahm den Vorsitz, nachdem Hudson gestorben war. Ihr Engagement trug ebenso zum Umdenken in der Bevölkerung bei wie der Besuch Lady Dianas, der damaligen Ehefrau des britischen Thronfolgers Charles, auf einer Aids-Krankenstation. Dass sie bei ihrem Besuch keine Handschuhe trug und dennoch HIV-Infizierten die Hand schüttelte, war zu diesem Zeitpunkt eine Sensation.

Prizessin Diana bekommt vom Aids-Patienten Martin Johnson einen Blumenstrauß überreicht

Prinzessin Diana zeigte keine Berührungsängste im Umgang mit Aids-Patienten

Inzwischen war bekannt, dass das Virus nur durch Blut- und Sexualkontakt verbreitet werden kann. In Deutschland wurde die "Aids-Hilfe" gegründet. Seit 1987 betreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Kampagne "Gib Aids keine Chance". Seither kennt jeder Kinogänger die kurzen Filme, die über die Immunschwächekrankheit aufklären.

Während auf der einen Seite das Wissen und damit die Toleranz gegenüber den Erkrankten wuchs, gab es auch zahlreiche Rückschritte im Umgang mit der Krankheit. Die USA untersagten HIV-Positiven die Einreise, Papst Johannes Paul II. verbot Kondome, Bayern verpflichtete bis 1995 Beamtenanwärter zu einem HIV-Test und in den USA durfte der Jugendliche Ryan White keine Regelschule besuchen, nachdem er durch eine Bluttransfusion an Aids erkrankt war.

Ende 1990 schätzten Wissenschaftler die Zahl der HIV-Infizierten auf acht Millionen Menschen. Unter denen, die an den Folgen der Infektion starben, waren bekannte Persönlichkeiten wie der Künstler Keith Haring, der Muppets-Vater Jim Henson und der Sänger der Rockgruppe Queen, Freddy Mercury.

An die berühmten und an die unbekannten Toten erinnert seit 1987 der "Aids Memorial Quilt" – eine Art Stoffdecke, die von Tausenden Menschen in der ganzen Welt erweitert wurde.

Ein Teil des "Aids Memorial Quilt" liegt vor dem Washington Monument

Der "Aids Memorial Quilt" besteht aus mehr als 44.000 Einzelteilen und wächst ständig weiter

1991 kam die Rote Schleife ("Red ribbon") als Zeichen hinzu, die in Europa ein Jahr später auf einem Gedenkkonzert für Freddy Mercury in London tausendfach verteilt wurde.

Bis dahin stand zur Linderung der Infektion nur ein Medikament zur Verfügung: der Wirkstoff Azidothymidin (AZT). Es hatte allerdings starke Nebenwirkungen und die meisten Patienten entwickelten schnell Resistenzen gegen das Mittel.

1996 bis 2005: Entwicklung wirksamer Medikamente

Die Forscher sammelten immer mehr Erkenntnisse zum Ursprung des Virus'. Da bis zum Ausbruch von Aids-Symptomen – etwa häufige Infektionen, Fieber und Nachtschweiß – oft mehrere Jahre vergehen, musste das Virus schon vor den 1980er-Jahren existiert haben.

Wissenschaftler terminierten das erste Auftreten des Virus' auf den Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie vermuten, dass eine Übertragung des Simian Immunodeficiency Virus (SIV) von Schimpansen und anderen Affenarten auf den Menschen stattgefunden hat, weil einige das Affenfleisch aßen. Im Menschen entwickelte sich das SI-Virus zum HI-Virus.

Die Ärzte waren mittlerweile dazu übergegangen, auf den Namen Aids zu verzichten. Der Grund dafür war, dass die Bezeichnung in der Gesellschaft immer noch mit vielen Vorurteilen beladen war. Stattdessen sprechen die Mediziner bis heute von HIV-Patienten in verschiedenen Stadien.

Mitte der 1990er-Jahre begann der HIV-Forscher David Ho mit ersten Kombinationstherapien. Endlich hatte man eine Behandlungsmethode entwickelt, die zwar nicht heilt, aber das Leben mit Aids erträglich machen kann.

Doch die Epidemie war längst nicht gestoppt. Vor allem in den ärmeren Ländern der Welt starben Menschen an den Folgen der Krankheit, da sie nicht aufgeklärt wurden und Medikamente für sie zu teuer waren.

Eine Hand hält eine Pille, die andere eine Blisterpackung

Inzwischen reichen oft ein bis zwei Tabletten pro Tag für die Behandlung aus

Neben Aufklärung waren Generika – also billig hergestellte Nachahmer-Medikamente – für diese Länder die einzige Möglichkeit, die Epidemie in den Griff zu bekommen. Dies sah 2001 sogar die Welthandelsorganisation (WTO) ein und sprach den Entwicklungsländern das Recht zu, bei nationalen Notständen Generika herzustellen.

Im selben Jahr wurde der "Globale Fond" zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria gegründet. Sein Ziel ist es, vor allem die Wirtschaft für die Aids-Bekämpfung zu gewinnen. Zwei Jahre später stimmte die WTO zu, dass nicht nur die Länder Generika erhalten, die sie auch herstellen, sondern dass auch eine Einfuhr aus dem Ausland erleichtert werden soll.

In Peking rang man sich 2003 endlich durch, im Fernsehen einen Werbefilm für Kondome zu senden. Auch im Westen wurde klar, dass die Aufklärung weiter gehen muss.

In den USA gewann 2004 ein Fernsehfilm alle Golden-Globe-Preise in seiner Sparte. "Angels in America", ein Film nach einem Theaterstück aus den 1990er-Jahren, erzählt die Geschichten mehrerer an Aids erkrankter Menschen im Amerika der 1980er-Jahre. Im Film wird klar, dass die Politik die neue Epidemie damals am liebsten verschwiegen hätte.

Szenenfotos aus der US-Serie "Angels in America"

"Angels in America" entfachte die AIds-Diskussion erneut

2006 bis heute: Aufklärung bleibt wichtig

Bis heute gibt es weder eine Impfung noch ein Heilmittel gegen Aids. Laut UNAIDS, dem gemeinsamen Aids-Programm der Vereinten Nationen, infizierten sich im Jahr 2019 rund 1,7 Millionen Menschen neu mit HIV. Weltweit gibt es 38 Millionen HIV-Positive. Seit Ausbruch der Epidemie haben sich knapp 76 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Davon sind knapp 33 Millionen an den Folgen von Aids gestorben.

Wer von HIV und Aids spricht, denkt heute oft nur an das südliche Afrika. Dort leben zwei Drittel aller Infizierten. Doch auch auf anderen Kontinenten wie Asien und Osteuropa nehmen die Infektionszahlen wieder zu. Eine neue Generation ist erwachsen geworden, die den Schrecken der ersten Aids-Jahre nicht miterlebt hat und leichtsinniger mit dem Thema umgeht.

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts von 2019 leben in Deutschland rund 91.000 Menschen mit HIV. 2.600 Menschen infizieren sich pro Jahr neu. Damit geht die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland leicht zurück. Trotzdem bleibt es auch hierzulande wichtig, die Menschen darüber aufzuklären, wie sie sich gegen HIV schützen können.

WDR

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