Impfung und Therapie

Aids

Impfung und Therapie

Von Jennifer Dacqué, Wiebke Ziegler und Hildegard Kriwet

Eine der wirkungsvollsten Methoden, eine Krankheit auszurotten, ist das flächendeckende Impfen. Bislang ist es allerdings noch keiner Forschungseinrichtung gelungen, einen wirksamen Impfstoff gegen das Aids-auslösende HI-Virus (HIV) zu entwickeln.

Immer wieder Rückschläge

Bei einer Impfung wird dem Körper eine abgetötete oder geschwächte Form eines Virus zugeführt. Dies löst eine Immunabwehr aus und der Organismus produziert Antikörper gegen den Erreger. So wird es schon lange gegen Krankheiten wie Pocken, Masern und Hepatitis gemacht. Beim HI-Virus ist diese Methode jedoch problematisch.

Da das Virus im Körper des Wirtes immer wieder mutiert, kann ein Impfstoff nicht dauerhaft vor einer Infektion schützen. Keines der bislang am Menschen getesteten Impfpräparate brachte die erwünschte Wirkung. Die Folge: Eine Testreihe nach der anderen musste abgebrochen werden.

1998 scheiterte die Studie mit dem vielversprechenden Wirkstoff Aidsvax der Firma VaxGen. 2007 brachen die Firmen MSD und Merck ihre Impfstudien ab, nachdem die Zahl der Ansteckungen bei den Testpersonen nicht zurückging, sondern sich teilweise sogar erhöhte.

Dennoch wird die Forschung – trotz der vielen Rückschläge – nicht eingestellt. Noch immer besteht Hoffnung, nicht zuletzt deshalb, weil manche Menschen offenbar über einen natürlichen Schutz vor der Krankheit verfügen.

So entdeckten kanadische Forscher 2008, dass der Körper mancher Menschen vermehrt eine bestimmte Eiweiß-Mischung produziert, die das Virus daran hindert, sich zu vermehren. Mediziner versuchten daraufhin, sich diese Erkenntnis bei der Impfstoffentwicklung zunutze zu machen.

Dem Forscher-Team um den Virologen und Nobelpreisträger David Baltimore vom California Institute of Technology gelang es 2011 zum ersten Mal, einen Impfstoff für Mäuse zu entwickeln. Sie injizierten den Nagern Gene, die im Körper des Tiers Antikörper gegen das HI-Virus produzieren sollten. Das Ergebnis: Die behandelten Mäuse waren bis zu ihrem Tod vor einer Ansteckung mit HIV geschützt.

Auch in Deutschland wird geforscht

Das HI-Virus kennt keine Landesgrenzen. Schon lange arbeiten daher Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammen an HIV-Impfstoffen und -Medikamenten. Auch in Deutschland gab es in den vergangenen Jahren Studien und Versuchsreihen, die mitunter recht erfolgreich waren.

Ein Mann befüllt eine Forschungspalette mithilfe einer Pipette mit einer Flüssigkeit.

Michael Schindler vom Heinrich-Pette-Institut

Auch an der Medikamenten-Forschung sind deutsche Wissenschaftler beteiligt. 2007 entdeckten Forscher der medizinischen Hochschule Hannover und der Universität Ulm ein Protein im Blut des Menschen, das das HI-Virus daran hindert, in die Körperzellen einzudringen.

2008 testeten sie den Wirkstoff, genannt VIRIP (Virus-Inhibitorisches-Peptid), an 18 Patienten. Schon nach zehn Tagen Behandlung fanden die Mediziner weniger Erreger im Blut der Patienten als vorher.

Das Besondere an VIRIP ist, dass es die HI-Viren gar nicht erst in die gesunde Zelle hineinlässt, während die gängigen Aids-Medikamente erst dann wirken, wenn das Virus die Zelle bereits befallen hat. Aus diesem Grund haben diese Medikamente häufig starke Nebenwirkungen.

Als Präparat mit einer neuen Wirkweise könnte es langfristig die bisherigen Therapien ergänzen und verbessern. Klinische Studien haben die Wirksamkeit von VIR-576, wie der Wirkstoff jetzt heißt, im Jahr 2012 bestätigt.

Die Behandlung einer HIV-Infektion

Bisher ist es den Pharmakonzernen noch nicht gelungen, ein Medikament zu entwickeln, das das HI-Virus komplett aus dem Körper vertreibt. Das HI-Virus ist ein Retrovirus, das heißt es speichert seine Erbinformationen in der Ribonukleinsäure (RNS) und überträgt sie in das Erbgut der menschlichen Zellen. Deren Immunabwehr wird durch das Eindringen massiv geschwächt.

Die Behandlung einer Infektion setzt also darauf, die Virenanzahl im Organismus möglichst klein zu halten, damit das Immunsystem nicht zu sehr geschwächt wird.

Mehrere Medikamentenpackungen.

Die Forschung nach Medikamenten geht weiter

Nachdem HIV in den 1980er Jahren auftauchte, wurden Milliarden in seine Bekämpfung investiert. Heute stehen den Ärzten für die Therapie rund 20 verschiedene Medikamente aus fünf Wirkstoffklassen zur Verfügung, die der Patient meist in einer bestimmten Kombination einnehmen muss. Diese Präparate haben unterschiedliche Anwendungsgebiete und müssen genau auf den Patienten abgestimmt werden.

Doch nicht jeder HIV-positive Patient muss direkt Medikamente einnehmen. Erst wenn sich die Viren im Körper bis zu einem bestimmten Level ausgebreitet haben, setzt die antiretrovirale Therapie (ART) beziehungsweise hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) ein.

Eine derartige Therapie gegen die Retroviren wird – wenn sie einmal anfangen wurde – bis zum Lebensende fortgesetzt. Da die Medikamente zum Teil starke Nebenwirkungen haben, mitunter Kopfschmerzen, Nervenentzündungen oder Leberversagen, muss der betreuende Arzt genau überlegen, wann er die Behandlung beginnt.

Während der Therapie geht die Zahl der HI-Viren im Körper stark zurück, doch ganz verschwindet das Virus nie. Wenn die Medikamente abgesetzt werden, beginnt das Virus sofort wieder damit, sich zu vermehren und das Immunsystem anzugreifen.

Um sicherzugehen, dass ein HIV-Patient möglichst lange und nahezu ohne Nebenwirkungen leben kann, werden mehrere Medikamente kombiniert in genau abgestimmter Dosierung verabreicht.

Die Zukunft – Hoffnung durch Gentherapie?

Da die Versuche, einen Impfstoff gegen das HI-Virus zu finden, immer wieder gescheitert sind, richtet sich die Hoffnung zurzeit darauf, das Virus durch eine Gentherapie zu bekämpfen.

Erste Erfolge wurden im Februar 2016 veröffentlicht. Den Wissenschaftlern rund um Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg und dem Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik Dresden war es gelungen, durch eine Gentherapie das HI-Virus aus den befallenen Körperzellen zu entfernen. Dabei werden auf molekularer Basis die Erbinformationen der HI-Viren aus den befallenen Zellen "ausgeschnitten".

Eine Behandlung gegen das HI-Virus könnte so aussehen: Dem Immunsystem würden Stammzellen entnommen und mit einem künstlich erzeugten Enzym, der genetischen Schere, verändert. Diese veränderten Zellen würden dann wieder injiziert.

Die daraus entstehenden Immunzellen sollen dann eigenständig das HI-Virus in anderen befallenen Zellen erkennen und mit der Schere bekämpfen. Auf diese Weise könnte sich, so die Hoffnung, das Immunsystem langfristig selbst reparieren.

An dieser Methode war lange geforscht worden. Anfang 2019 teilte die Universität Düsseldorf mit, nach einer speziellen Stammzelltransplantation sei bei einem ihrer Patienten das HI-Virus nicht mehr nachweisbar. Damit wäre der Mann der dritte Mensch weltweit, der von HIV geheilt worden wäre.

Weiterführende Infos

Stand: 01.12.2017, 10:00

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