Von Fliegen, Fischern und Freizeitforschern  – Interview mit Prof. Johannes Vogel

Portraitaufnahme von Johannes Vogel im Planet Wissen Studio.

Hobbyforscher

Von Fliegen, Fischern und Freizeitforschern  – Interview mit Prof. Johannes Vogel

  • Johannes Vogel will die Wissenschaft mehr für Bürgerforscher öffnen
  • Bürgerforschung besteht aus vier unterschiedlich anspruchsvollen Stufen
  • Die deutsche Politik hat ein großes Interesse an der Bürgerforschung

Johannes Vogel ist Wissenschaftler – begonnen hat er seine wissenschaftliche Karriere aber eigentlich als Freizeitforscher: Schon als Kind entwickelte er eine Leidenschaft für Tiere und Pflanzen und machte bei einem naturkundlichen Verein mit. Heute ist Johannes Vogel Chef des Berliner Naturkundemuseums und versucht dort, Laien und Experten fürs gemeinsame Forschen zu begeistern.

Planet Wissen: Herr Vogel, Sie setzen sich sehr für die Bürgerforschung ein. Aber nicht alle Wissenschaftler denken so wie Sie – warum nicht?

Johannes Vogel: Ich glaube, die Wissenschaftler haben ein bisschen Angst, die Deutungshoheit über den heiligen Bereich Wissenschaft zu verlieren. Sie wurden ja schließlich dazu ausgebildet, etwas Besonderes zu leisten. Aber ich sehe das so: Forscher sind Bürger, also können Bürger auch Forscher sein!

Ich glaube, dass jeder Mensch zum Wissenschaftler geboren ist. Wir sind neugierig, wir beobachten, wir sind interessiert. Das sind Grundvoraussetzungen, um Wissenschaftler zu sein. Außerdem sind Wissenschaftler manchmal auf die Hobbyforscher angewiesen, weil zum Beispiel Natur so komplex ist.

Allein in Deutschland leben zum Beispiel mindestens 35.000 Insektenarten. Wenn wir die alle erforschen wollen, brauchen wir ganz viele Hände und Köpfe. Auch in der Astronomie, der Ahnenforschung oder in Heimatkunde können Freizeitforscher den Wissenschaftlern helfen.

Es sollte also nicht mehr darum gehen, OB Bürger forschen, sondern WIE – dass sie dabei wissenschaftliche Kriterien erfüllen und ihre Ergebnisse gültig sind. Wenn allerdings ein hoher experimenteller Aufwand erforderlich ist, brauchen wir natürlich nach wie vor die Berufsforscher.

Wie können Wissenschaftler sicherstellen, dass die Forschungsergebnisse von Laien wirklich richtig sind?

Erst mal müssen Wissenschaftler ihnen einfach vertrauen, weil sie gar nicht die Kapazitäten haben, um alles direkt zu überprüfen. Das geht nur nach und nach. Aber die meisten Hobbyforscher wissen schon ganz gut, was sie tun. In meinen Augen sind sie eigentlich auch Experten, weil sie sich zum Teil schon lange mit einen Thema beschäftigen.

Aber es ist trotzdem wichtig, dass Wissenschaftler mit ihnen zusammenarbeiten. Deswegen stellt das Naturkundemuseum Berlin Hobbyforschern zum Beispiel seine Sammlungen als Vergleichsmaterial zur Verfügung und berät sie wissenschaftlich.

Bürgerforschung besteht aus vier Stufen. Können Sie uns die erklären?

Die unterste Stufe ist die des Beobachtens, Zählens und Mitmachens. Hier trifft man auf viele Menschen, die Interesse an Natur haben.

Auf der nächsten Stufe sind schon bedeutend weniger Leute: Hier haben Wissenschaftler eine Frage, die sie nur mit den Beobachtungen vieler Bürgerforscher beantworten können – wie zum Beispiel das Erforschen der Insekten in Deutschland.

Die dritte Stufe ist für mich eigentlich die wichtigste, denn hier begegnen sich Berufswissenschaftler und Hobbyforscher auf Augenhöhe. Sie arbeiten zusammen an einem Projekt, das sie gemeinsam entwickeln und auswerten. Dieses passiert langsam auch in Deutschland, aber das Fliegenfischen-Projekt in Großbritannien ist ein Vorzeige-Beispiel für diese dritte Stufe.

Das Fliegenfischen-Projekt?

Das wurde vor fast zehn Jahren ins Leben gerufen, als sich Fliegenfischer bei der Umweltbehörde wegen verschmutzter Gewässer beschwerten. Den Fischern war aufgefallen, dass es in vielen Bächen immer weniger Forellen gab.

Sie führten das darauf zurück, dass durch Insektizide aus der Landwirtschaft die Fliegen und damit die Nahrung der Forellen in den Bächen und am Ufer vernichtet wurden. Davon waren dann natürlich auch die Forellen betroffen.

Die Experten der Umweltbehörde haben die Laien aber damals nicht ernstgenommen. Sie verwiesen stattdessen auf ihre jährlichen Wasserkontrollen, die immer positiv waren. Daraufhin wandten sich die Fischer an das Naturkundemuseum in London und wurden dort zu Umweltbeobachtern ausgebildet, um die Fliegen an den Bächen professionell zählen zu können.

Die Behörde hat das irgendwann mitbekommen und erkannt, dass die vermeintlichen Laien wohl doch ziemlich genau wussten, was sie taten. Von da an arbeiteten Hobby- und Berufsforscher zusammen – und tun es bis heute.

Es gibt aber noch eine vierte Stufe.

Auf der letzten Stufe haben nicht die Wissenschaftler eine Frage, sondern die Bürger. Das ist aber ganz selten und passiert hauptsächlich im medizinischen Bereich, wenn es zum Beispiel für bestimmte genetische Krankheiten noch keine Forschung gibt und sich dann betroffene Eltern zusammen tun, Geld geben und Wissenschaftler beauftragen.

Wird denn das Erreichen der dritten und für Sie wichtigsten Stufe in Deutschland gefördert, damit es sie hierzulande bald auch gibt?

Ja, hier gibt es seitens der Politik ein großes Interesse daran, dass sich die Wissenschaft für die Bürger öffnet. Deutschland investiert nämlich sehr viel Geld in Forschung – es ist ein Wissenschafts- und Technologiestandort.

Aber um das zu bleiben, brauchen wir in Deutschland in der Gesellschaft ein Verständnis für Wissenschaft. Deswegen ist die Bürgerforschung so wichtig! Deutschland braucht wissenskundige Bürgerinnen und Bürger, um die Herausforderungen der Zukunft bewältigen zu können.

Interview: Katleen Mischewsky

Stand: 20.04.2016, 10:25

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