Raubverlage – Das gefährliche Geschäft mit der Wissenschaft

Wissenschaftlerin schaut durch ein Mikroskop

Wissenschaftliches Arbeiten

Raubverlage – Das gefährliche Geschäft mit der Wissenschaft

Wissenschaft gibt uns Orientierung. Dafür muss sie glaubwürdig sein. Doch immer mehr Wissenschaftler veröffentlichen ihre Forschung nicht mehr in Fach-, sondern in sogenannten Raubverlagen. Die bringen gegen Geld selbst schlampige und falsche Studien in Umlauf.

Wissenschaftler unter Druck

Wissenschaftler stehen unter enormem Druck, ihre Forschung zu veröffentlichen. "Publish or perish" ist in wissenschaftlichen Kreisen ein gängiger Ausdruck: Veröffentliche, oder gehe unter.

Denn nur eine veröffentlichte Forschungsarbeit wird in Fachkreisen zur Kenntnis genommen, wird kommentiert und zitiert.

Wer eine akademische Karriere plant, muss besonders viel publizieren. Denn bei Bewerbungen oder der Verleihung akademischer Grade spielt die Anzahl der Veröffentlichungen eine bedeutende Rolle. Zudem koppeln Förderer ihre Finanzierung oftmals an die Vorgabe, die Forschung zu veröffentlichen.

Am liebsten möchten Wissenschaftler ihre Arbeit in den Journalen renommierter Fachverlage sehen. Das Problem: Es gibt deutlich mehr Studien, als Platz in den Zeitschriften. Und die Forschung muss bestimmten wissenschaftlichen Qualitätsansprüchen genügen.

Forscherin hinter Reagenzgläsern

Nur wer seine Forschung veröffentlicht, macht Karriere

Fachverlage

Wissenschaftliche Zeitschriften haben die Aufgabe, Forschungsergebnisse zu verbreiten. Am Kiosk findet man sie nicht. Sie richten sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum. Deshalb abonnieren vor allem Bibliotheken und Universitäten die teuren Journale.

Um zu gewährleisten, dass nur qualitativ hochwertige Forschung zur Veröffentlichung kommt, gibt es ein bestimmtes Verfahren: das so genannte "Peer-Review", zu deutsch etwa "Begutachtung durch gleichrangige Kollegen". Dafür reicht der Wissenschaftler seinen Artikel beim Fachverlag ein. Der Verlag leitet die Arbeit zunächst zur Bewertung an andere Wissenschaftler des Fachgebiets weiter.

Entdecken sie Fehler oder Ungenauigkeiten, bekommt der Autor den Artikel zur Überarbeitung zurück. Bis zur Veröffentlichung können so Monate vergehen. Oder er wird gar nicht abgedruckt, wie die Mehrzahl der eingereichten Texte.

Drei wissenschaftliche Fachjournale

Wissenschaftliche Artikel erscheinen in Fachjournalen

Open Access

Neue Wege der Wissensverteilung wurden erst durch den Einzug des Internets möglich, durch die Gründung so genannter "Open Access"-Verlage. Sie kommen der Forderung nach, dass der Zugang zur Forschung nicht elitär sein darf wie bei den Fachverlagen. Da Forschung zu einem großen Teil durch Steuergelder finanziert wird, müsse der Steuerzahler auch freien Zugang dazu erhalten.  

Das Geschäftsmodell der Open-Access-Verlage unterscheidet sich grundlegend von dem der wissenschaftlichen Fachverlage: Nicht mehr der Kunde zahlt für die Veröffentlichung, sondern der Autor, der seine Forschung veröffentlichen möchte. Es gibt auch Angebote, wo keine Gebühren erhoben werden oder Institutionen diese übernehmen. Der große Vorteil der Open-Access-Verlage: Die Forschung ist jedem Bürger kostenfrei online zugänglich.

Die Europäische Kommission für Forschung und Innovation unterstützt diesen freien Zugang zur Forschung. Bis 2020 wird es in EU-Ländern verpflichtend sein, öffentlich geförderte Forschung generell in Open-Access-Journalen zu veröffentlichen. Derzeit sind es etwa nur 20 Prozent der wissenschaftlichen Arbeiten.

Raubverlage

Viele Open-Access-Verlage bürgen mit Peer-Reviews für die Qualität ihrer Journale. Doch es gibt auch schwarze Schafe unter ihnen, sogenannte Raubtierverlage: sie geben nur vor, vollwertige wissenschaftliche Journale zu verlegen. In Wahrheit veröffentlichen sie gegen Geld der Autoren jeden Artikel, ohne ihn vorher zu prüfen.

Auf Qualität zu verzichten können sich die Raubverlage leisten, da sie finanziell unabhängig von der Gunst ihrer Leser sind. Die Gefahr bei diesen Open-Access-Verlagen ist, dass durch sie auch schlampige oder manipulierte Studien an die Öffentlichkeit gelangen. Laien – und teilweise sogar Experten – können solche Studien von seriösen nicht unterscheiden und könnten in die Irre geführt werden. So können zum Beispiel Betrüger mit gefälschten medizinischen Studien für ihre Produkte werben.

Die große Enthüllung

Die Raubverlage nutzen es aus, dass Wissenschaftler unter hohem Druck stehen, ihre Arbeit zu publizieren. Sie umwerben sie, damit sie bei ihnen publizieren. Und so veröffentlichen auch renommierte Forscher in den pseudowissenschaftlichen Journalen. Ein krasser Fall von wissenschaftlichem Fehlverhalten.

2018 deckte die Recherche von NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung Magazin" das Ausmaß dieser wissenschaftlichen Scheinwelt auf: Weltweit veröffentlichen rund 400.000 Forscher in Raubjournalen. In Deutschland sind es etwa 5.000, darunter Mitarbeiter deutscher Spitzenhochschulen, Institute und Bundesbehörden. Durch ihr Verhalten riskieren sie, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft zerstört wird.

Mikroskop

Die wissenschaftliche Scheinwelt gerät ins Visier

Wege aus der Misere

Derzeit diskutieren Wissenschaftler weltweit, wie man das Problem mit den Raubverlagen eindämmen könnte. Ein Vorschlag: Nicht mehr die Anzahl der Publikationen, sondern die Qualität der Forschung soll in Zukunft ausschlaggebend für eine akademische Karriere sein. Dadurch würde der Publikationsdruck für die Forscher geringer.

Zudem könnten Schwarze Listen von solchen Open-Access-Verlagen, in denen Wissenschaftler nicht veröffentlichen dürfen, Orientierung bringen.  Eine abschreckende Wirkung ginge auch von der Kürzung von Fördergeldern aus, sollte in Raubtverlagen veröffentlicht werden.

Autorin: Birgit Amrehn

Stand: 15.01.2019, 13:27

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