Die wundersame Welt der Wanzen

Eine Staubwanze gut getarnt im Laub

Wanzen

Die wundersame Welt der Wanzen

Von Claudia Heissenberg

Käfer sind bekannt für ihre Formenvielfalt, Schmetterlinge für ihre Schönheit und Fliegen können fliegen. Aber Wanzen sind und können das alles auch und noch viel mehr. In der wundersamen Welt der Wanzen gibt es eine Menge zu entdecken. Von wegen widerliches Ungeziefer.

Wanzen in der Medizin

Wanzengeruch, so glaubte der griechische Arzt Dioscurides in der Antike, könne Ohnmächtige aufwecken. Er empfahl als Mittel gegen das viertägige Fieber, vor Einsetzen des Fieberanfalls sieben Wanzen mit Bohnen gekocht zu verzehren.

Der römische Gelehrte Plinius der Ältere hielt Wanzen für hilfreich bei Schlafsucht und Schlangenbissen und schrieb bewundernd: So habe Mutter Natur selbst den kleinsten Geschöpfen unermessliche Kräfte gegeben.

Für die heutige medizinische Forschung ist interessant, dass Wanzen kein Immunsystem mit Antikörpern haben wie zum Beispiel Säugetiere, sondern sehr effektiv antibakteriell wirkende chemische Stoffe, genannt Peptide.

Daraus sollen in Zukunft Wirkstoffe entwickelt werden, die vor Infektionen schützen und auch resistente Bakterien unschädlich machen. Der Bedarf ist groß, denn immer mehr Krankheiten lassen sich nicht mit den gängigen Antibiotika kurieren.

Wanzen in der Forschung

Eine tragende Rolle bei der Entdeckung des X-Chromosoms spielten die hübschen schwarz-roten Feuerwanzen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren Wissenschaftler davon überzeugt, dass das Geschlecht von Mensch und Tier durch äußere Einflüsse, wie zum Beispiel die Temperatur, bestimmt wird.

1891 fand der deutsche Zoologe Hermann Henking bei seinen Untersuchungen an männlichen Feuerwanzen heraus, dass die Hälfte ihrer Spermien eine deutlich sichtbare Struktur mehr enthielt als der Rest und nannte sie den X-Faktor.

Befruchtete man eine Eizelle mit diesen Spermien, entwickelte sich daraus ein Weibchen, bei Spermien ohne den X-Faktor schlüpfte ein Männchen aus dem Ei. Dass dieses X-Chromosom tatsächlich das Geschlecht von Mensch und Tier bestimmt, wurde allerdings erst 20 Jahre später bestätigt.

Feuerwanze an einem grünen Strauch.

Die Feuerwanze hat eine auffällige Zeichnung und ist weit verbreitet

Wanzen in der Kunst und Literatur

Bei Künstlern und Schriftstellern sind Wanzen nicht sonderlich beliebt. Andere Insekten, wie Ameisen und Bienen, Marien- und Hirschkäfer, Heuschrecken und Gottesanbeterinnen, spielen eine deutlich größere Rolle.

Zwar dichtete angeblich schon Goethe "die Flöhe und die Wanzen/ gehören auch zum Ganzen" und auch Heinrich Heine und Kurt Tucholsky widmeten den kleinen Tierchen die eine oder andere Strophe. Aber abgesehen von knapp 100 Wanzenabbildungen auf Briefmarken meist exotischer Länder ist das Vorkommen der possierlichen Tierchen in den schönen Künsten spärlich.

In Paul Shiptons Insektenkrimi "Die Wanze" heißt der Detektiv, der sich auf die Fährte eines spurlos verschwundenen Ohrenkneifers begibt, Wanze Muldoon. Tatsächlich aber ist er ein Käfer.

Wanzen und der Nachwuchs

So unterschiedlich wie die Wanzen selbst ist übrigens auch ihr Paarungsverhalten. In den meisten Fällen sitzen die Tiere bei der Begattung mit den Hinterleibern gegeneinander.

Wenn sie gestört werden, schleppen die größeren Weibchen die Männchen hinter sich her in ein Versteck. Nach der Paarung legt sie ihre Eier in der Regel an der Wirtspflanze ab, doch es gibt Ausnahmen.

Tritomegas sexmaculatus, die gefleckte Schwarznesselwanze, vergräbt ihre Eier im Boden, wartet tagelang, bis die Larven geschlüpft sind und kehrt mit der Kinderschar, die ihr im Gänsemarsch folgt, auf die Wirtspflanze zurück.

Auch andere Wanzenarten betreiben regelrechte Brutpflege. Die gefleckte Brutwanze bewacht zum Beispiel nicht nur ihre Eier, sondern kümmert sich auch rührend um die ausgeschlüpften Larven.

Ritterwanze

Die Ritterwanze paart sich mitunter länger als 24 Stunden

Meister der Tarnung

Doch auch im real existierenden Insektenleben gibt es Wanzen, die ihre wahre Identität verschleiern. So täuschen einige Arten vor, Ameisen zu sein. Mimese heißt dieses Phänomen, zu Deutsch: Nachahmung.

Die Tarnung ist so perfekt, dass die räuberischen Tiere – meist Larven – von den Ameisen nicht als Fremde erkannt werden. So können sie unbemerkt in deren Bauten eindringen und dort ihr Unwesen treiben, ohne auf Gegenwehr zu stoßen.

Bisher ist wissenschaftlich nicht endgültig geklärt, warum sich gleich mehrere Wanzenarten als Ameisen ausgeben. Ein Grund ist vermutlich die Nahrungsbeschaffung. Aber möglich ist auch, dass die Wanzen sich so vor bestimmten Fraßfeinden schützen, welche Ameisen als Beutetiere nicht mögen.

Stand: 11.09.2018, 10:49

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