Interview: Gibt es Alternativen zu Antibiotika?

Pipette, die eine Flüssigkeit auf Bakterienkulturen in der Petrischale träufelt.

Pharmaindustrie

Interview: Gibt es Alternativen zu Antibiotika?

Von Andrea Wengel

Eine Biotechfirma in Regensburg erforscht Designer-Proteine, die krankmachende Keime zerstören, ohne Resistenzen zu erzeugen. Darauf haben alle gewartet, sollte man meinen. Doch der Firmengründer Markus Graf Matuschka von Greiffenclau bleibt nüchtern. Denn der Weg eines guten Wirkstoffs zum Patienten ist lang, steinig und teuer – und so mancher Firma ist unterwegs schon die Luft ausgegangen, sagt der Unternehmer.

Planet Wissen: Im Kampf um Antibiotika-Resistenzen setzt die WHO auf die Entwicklung von neuen Antibiotika. Was halten Sie von dem Vorhaben?

Markus Graf Matuschka von Greiffenclau: Es ist nicht sinnvoll, neue Varianten von etwas zu suchen, was zuvor ja genau dieses Problem verursacht hat. Es gibt kaum noch Bakterienstämme oder -spezies, die keine Resistenzen haben. Wenn wir die Bakterien immer neuen Antibiotika aussetzen, werden wir die Resistenzen verstärken. Denn das Wirkprinzip von Antibiotika ist immer dasselbe. Das heißt, die Bakterien sind schon darauf trainiert, und alles was sie noch tun müssen ist, ein neues Protein oder einen Rezeptor anders zu strukturieren. Damit gewinnt man noch nicht einmal mehr Zeit, meiner Meinung nach.

Wo wird das zunehmende Versagen von Antibiotika am deutlichsten spürbar?

Mittlerweile sterben jedes Jahr über 94.000 Menschen an einer bakteriellen Sepsis, also einer Blutvergiftung, und zwar relativ unabhängig vom Alter – das sind 250 Menschen am Tag; über 200.000 erleiden eine Sepsis. Aber das findet keine große Resonanz.

Welchen Weg sehen Sie, das Problem Antibiotika-Resistenz in den Griff zu kriegen?

Wir müssen eine neue Methode finden, Bakterien gezielt zu eliminieren. Die Probleme von Antibiotika sind ja nicht nur die Resistenzen, sondern auch die Nebenwirkungen bis hin zu Gehörverlust oder Nierenversagen. Studien belegen zudem, dass Antibiotika das Mikrogenom, also die Gesamtheit der Zusammensetzung der Bakterien im Menschen, nachhaltig negativ verändern.

Wir haben zehnmal mehr Bakterien auf und in uns, als eigene Körperzellen. Die Zusammensetzung unseres Mikrogenoms hat einen ganz erheblichen Einfluss auf unsere physische und psychische Entwicklung und Gesundheit als Mensch. Antibiotika können nicht unterscheiden zwischen Bakterien, die gut, und Bakterien, die schlecht für uns sind. Übrigens ist die weitaus größte Anzahl der Bakterienspezies gut für uns oder mindestens neutral. Doch auch sie werden abgetötet. Die negativen Folgen der Antibiotika werden uns erst jetzt nach vielen Jahren bewusst.

Der lange Weg zum Medikament Planet Wissen 17.09.2021 03:55 Min. Verfügbar bis 10.03.2026 SWR

Sie setzen auf Designer-Proteine, sogenannte Artilysine. Was ist das Besondere daran?

Die Artilysine lassen sich so konstruieren, dass sie unterscheiden können, ob es ein pathogenes, also krankmachendes, Bakterium ist, oder eines, was wir nicht angreifen wollen. Die Außenhülle der Bakterienzelle wird über Ionen, also geladene Teilchen, zusammengehalten und ist negativ geladen. Von Spezies zu Spezies gibt es feine Ladungsunterschiede. Über diese Ladung docken die Artilysine an, destabilisieren die Zellwand und bringen sie zum Platzen. Dieser Vorgang passiert im Bruchteil von Sekunden.

Es ist wie bei einer Staumauer, die aus Metallplatten besteht. Setzen Sie an einer Stelle einen Magneten an, ziehen die Platten dorthin. Gleichzeitig wird die Mauer an einer anderen Stelle zu dünn, um dem Wasserdruck weiter standzuhalten. Dasselbe machen wir mit Bakterien. Anders als Antibiotika greifen die Artilysine nicht in den Stoffwechsel der Zelle ein, somit gibt es keine Resistenzen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für die differenzierte Wirkweise der Artilysine, bei dem sich Antibiotika gut ersetzen lassen?

Nehmen wir das Beispiel Neurodermitis. Das ist eine genetisch bedingte Erkrankung, die dazu führt, dass im Mikrobiom der Haut der Staphylococcus aureus besonders gut wächst und mit bis zu 70 Prozent der Population vertreten ist; normalerweise sind es weniger als ein Prozent. Jetzt hat er einen ganz engen Verwandten, den Staphylococcus epidermidis. Das ist "der Gute", den wir haben wollen. Das Artilysin kann diese beiden Stämme voneinander unterscheiden und gezielt nur den Staphylococcus aureus eliminieren. Für den Patienten ist die Wirkung schnell spürbar; innerhalb weniger Stunden gehen Jucken und Rötung zurück.

Sie haben die Sepsis angesprochen. Wie spezifisch können Artilysine hier eingesetzt werden?

Bei einer Sepsis bleibt keine Zeit exakt zu prüfen, welche Keime das Leben des Menschen bedrohen. Hier geht es um Stunden, das heißt Sie müssen sehr schnell reagieren. Dafür haben wir Artilysine entwickelt, die 90 Prozent der Bakterienspezies, die eine Sepsis auslösen, angreifen. Wir können sie mittlerweile so konstruieren, dass wir auch breiter gehen können. Bei bestimmten Anwendungsgebieten wie akute Lungenentzündung oder eben Sepsis, ist das auch notwendig. Denn hier spielt Zeit eine Rolle.

Das klingt nach der Lösung eines großen Problems, auf die alle gewartet haben. Was macht es dann so schwer, ein solches Produkt auf den Markt und zum Patienten zu bringen?

Das hat viele Gründe – und der erste ist Geld. Unsere Firma ist selbstfinanziert. Es ist also nicht so, dass wenn Sie das Molekül entwickelt haben, die Arbeit getan ist. Sondern jetzt wird es von Schritt zu Schritt immer teurer. Eine Zulassung dauert rund zehn Jahre – aus gutem Grund. Denn es kann passieren, dass Sie in der Prä-Klinik, also in der Phase, wo Sie die Toxizität in Tierversuchen prüfen, gute Ergebnisse haben, aber in Phase 2, wo Sie an kranken Menschen forschen, plötzlich adverse, also negative, Effekte sehen. Biotech ist ein Risikogeschäft.

Über welche finanzielle Größenordnung bei der Entwicklung eines neuen Wirkstoffs bis zur Marktreife reden wir?

Bei einem topischen Wirkstoff (Medikamente, die nicht eingenommen oder gespritzt werden, Anm. d. Red.) sind Sie, bis das Produkt zugelassen ist, irgendwo zwischen 30 und 40 Millionen Euro angekommen. Bei einem systemischen Wirkstoff – also einer, der im ganzen Körper verteilt wird, wie bei der Sepsis – reden wir von etwa 200 Millionen Euro. Das muss man erst einmal haben. Und das ist bezogen auf eine kleine Firma, wie wir das sind.

Dazu kommen noch die Patente. Sie müssen international gültig sein. Die Kosten dafür liegen irgendwo zwischen 400.000 und einer Viertelmillion Euro. Unser Portfolio verfügt mittlerweile über 22 Patentfamilien und knapp 300 nationalisierte Patente. Das ist der zweitgrößte Posten im Budget. Es schützt Sie aber nur begrenzt. Wenn jemand gegen das Patent verstößt, müssen Sie vor Gericht ziehen. Und das ist auch wieder sehr teuer.

Wie kann sich das ein mittelständisches Unternehmen oder ein Start-up überhaupt leisten?

Das ist schwierig. Kosten und Risiken bleiben bei den kleinen Unternehmen haften. Erst, wenn ein Wirkstoff oder ein Molekül erfolgreich in der Phase 2 Studie – also am Patienten – läuft, hat die Pharmaindustrie ein Interesse, zu kaufen. Den Konzern kostet das vielleicht 300 oder 400 Millionen Euro und er erzielt damit Minimum 500 Millionen Jahresumsatz. Und die Margen, die Pharmakonzerne haben, gehen bis zu 95 Prozent.

Welche Hürden müssen noch überwunden werden?

Sie haben natürlich auch den Widerstand der Antibiotikahersteller, die verständlicherweise kein Interesse daran haben, Unruhe in den Markt bringen, solange sie noch Patente auf Antibiotika haben und damit noch gut verdienen.

Das Nächste ist der Gesetzgeber. Wenn Sie Krebs haben, gesteht der Staat Ihnen etwa 400.000 Euro Behandlungshilfe zu. Wenn Sie aber an einer Sepsis oder an einer Lungenentzündung leiden, die unter Umständen tödlicher ist als eine Krebserkrankung – die Zahlen sind ja deutlich, eine Sepsis ist viel tödlicher als Krebs – dann kriegen sie 100 Euro für die Behandlung zugestanden. Und dann lohnt es sich für die Pharmaindustrie natürlich nicht, jetzt einen viel schwierigeren Weg zu beschreiten, denn das kostet sehr viel Energie, Zeit und Geld.

Wird hier Idealismus von der banalen Realität eingeholt?

Es ist ein teures Geschäft, Menschen das Leben retten zu wollen. Wir haben das bisher gelöst, weil ich mir das gottseidank leisten kann und es auch für sinnvoll erachte, das zu tun, denn wir laufen weiterhin beschleunigt auf eine Resistenzwand zu. Wir sind weltweit die Nummer eins, in dem was wir tun. Bei uns klopfen Chinesen, Japaner, Amerikaner und Koreaner an – aber in Deutschland selbst interessiert sich niemand für uns.

SWR | Stand: 03.03.2021, 21:00

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