Berührung – Warum wir sie brauchen

Neue "Streichelrezeptoren" entdeckt Planet Wissen 15.10.2021 01:43 Min. Verfügbar bis 15.10.2026 SWR

Fühlen

Berührung – Warum wir sie brauchen

Von Angelika Wörthmüller

Spüren, fühlen, tasten. Was wäre das Leben ohne diese Empfindungen? Der Tastsinn hat schon im Mutterleib eine wichtige Bedeutung – und behält sie ein Leben lang. Nicht erst seit der Corona-Pandemie klagen Menschen über einen Mangel an Berührung.

Der Tastsinn ist immer präsent

Auch wenn es uns nicht bewusst ist: Wir brauchen den Tastsinn eigentlich immerzu. Es fängt schon morgens an, wenn wir die weichsten Socken aus dem Schrank fischen. Dann kramen wir nach dem Schlüssel in der Hostentasche oder nach dem Taschentuch im Jackett.

Wir streichen den Kindern über den Kopf und genießen es, wenn eine Freundin uns umarmt. Wir streichen mit der Hand über den Buchdeckel und zig-Mal am Tag über den Touch-Screen des Handys.

Immer verlassen wir uns darauf, dass er funktioniert, dass uns die Tasse nicht aus der Hand rutscht und wir das Streichholz rechtzeitig fallen lassen, bevor es uns die Finger versengt.

Aber was passiert dabei eigentlich im Körper? Wie funktioniert unser Tastsinn?

Streicheln aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn

Die Haut ist nicht nur das größte, sondern auch das wichtigste Sinnesorgan. In ihr wirken verschiedene Zellen zusammen.

Mit den sogenannten Merkelzellen, von denen besonders viele an Lippen und Fingerkuppen sind, können wir Gegenstände in ihrer Beschaffenheit, also ihrer Härte und Form erspüren. Die Meissner-Körperchen an Händen und Fingerspitzen registrieren als Vibration, wenn etwas aus der Hand gleitet. Tastsinn-Rezeptoren für Kälte und Schmerz sind über die gesamte Haut des Körpers verteilt. Für das Raum-Empfinden gibt es wieder andere Spezialisten: die Gleichgewichts-Sinneszellen in tieferen Hautschichten und in den Muskeln.

Was passiert bei Berührung? Planet Wissen 15.10.2021 02:46 Min. Verfügbar bis 15.10.2026 SWR

Außerdem haben Menschen – ebenso wie Affen– noch etwas Besonderes: sogenannte C-taktile Nervenzellen. Sie befinden sich ausschließlich an behaarten Hautstellen und reagieren besonders gut auf langsame Berührung.

Kein Mensch kann die C-taktilen Nervenzellen selbst aktivieren, das kann nur ein Gegenüber. Ein anderer Mensch oder auch ein Roboter, wie Untersuchungen der Dresdner Neurowissenschaftlerin Professor Ilona Croy zeigen.

Werden die C-taktilen Nervenzellen aktiviert, dann landen die Reize direkt im Belohnungszentrum des Gehirns. Botenstoffe wie das "Glückshormon" Dopamin oder das als Bindungs- und Kuschelhormon bekannte Oxytocin werden ausgeschüttet – ein Hinweis darauf, dass der Mensch von Anbeginn der Evolution ein soziales Wesen war.

Berührung gehört aber nicht nur zum Leben dazu, sie hat auch eine ganze Reihe weiterer segensreicher Wirkungen: Bei Stress wirkt sie entspannend und sie stärkt das Immunsystem, wie eine Studie der Carnegie Mellon University in Pittsburgh zeigte.

Dafür wurden Testpersonen mit Erkältungsviren infiziert. Die Teilnehmer, die angaben, öfter in den Arm genommen worden zu sein, bekamen seltener einen Schnupfen als die mit weniger Körperkontakt.

Berührung erhöht Überlebenschancen von Frühgeborenen

Ärzte machten die Entdeckung: Genauso wichtig wie der Brutkasten ist für Frühgeborene regelmäßiger Hautkontakt mit den Eltern. Mehrere Stunden liegen die Kleinen auf dem Körper von Mutter oder Vater und tanken menschliche Wärme – "Kangarooing" heißt diese Methode.

Studien haben gezeigt, dass die Känguru-Methode die Sterblichkeit bei Frühgeborenen tatsächlich senken kann. Ein Fund, der auch Mediziner überraschte. Eine derart einfache Methode mit so durchschlagender Wirkung.

Schon nach der Geburt soll möglichst früh Hautkontakt hergestellt werden. Spätestens 15 Minuten nach einer Entbindung per Kaiserschnitt wird das Baby in der Kinderklinik Solingen zur Mutter gebracht. Die meisten Geburtskliniken achten heute darauf, dass Babys von Anfang an viel Berührung bekommen.

Wie Frühchen durch Berührung gestärkt werden Planet Wissen 15.10.2021 04:29 Min. Verfügbar bis 15.10.2026 SWR

Für Kinder ist Körperkontakt von essenzieller Bedeutung, allerdings nicht für alle gleichermaßen. Manche Kinder brauchen es, sehr häufig in den Arm genommen zu werden. Sie gehen gern an der Hand, sitzen oft auf dem Schoß und schlafen am liebsten im Bett der Eltern. Andere haben ein weniger ausgeprägtes Berührungs-Bedürfnis.

Ob Viel-Knuddler und Wenig-Knuddler, daraus ließen sich weder Rückschlüsse auf den Charakter, noch auf den Entwicklungsstand ziehen, sagt Professor Florian Heinen, Chefarzt für Neuropädiatrie und kindliche Entwicklung am Haunerschen Kinderspital der Uni München.

Aber klar ist: Ein gewisses Maß an Streicheleinheiten brauchen Kinder, um zu gesunden und zufriedenen Menschen heranzuwachsen. Denn Berührung regt das Wachstum von Nervenfasern an. Kinder erfahren, dass es ihnen gut geht, wenn ein anderer da ist und sie berührt. So lernen sie, Nähe zuzulassen und werden bindungsfähig.

Kuschelpartys gegen Berührungsmangel?

Aus den USA ist ein Trend nach Europa geschwappt: Kuschelpartys. Eine unkomplizierte Art, Berührung zu erfahren. Einfach anmelden und hingehen. Unter Anleitung einer Trainerin treffen sich Leute zum gemeinsamen Tanzen und Kuscheln – ohne erotische Hintergedanken.

Fremdkuscheln für die Seele Planet Wissen 15.10.2021 05:06 Min. Verfügbar bis 15.10.2026 SWR

Bei manchen Menschen erzeugen Kuschelpartys einen spontanen Widerwillen. Denn nicht jede Art von Berührung ist automatisch angenehm. Die "Me too"-Debatte hat das zuletzt intensiv thematisiert.

Berührung ist intim, sobald sie über einen Händedruck hinausgeht. Sympathie, Geruch, Körperhaltung – die Faktoren, aufgrund derer jemand die natürliche Schutzzone übertreten darf, sind vielfältig. Kuschelpartys sind also nicht für jeden eine Lösung

SWR | Stand: 10.10.2021, 19:00

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