Muschelseide

Hand mit  Muschelseide

Muscheln

Muschelseide

Von Vladimir Rydl

Seide ist ein Rohstoff, der aus den Kokons der Seidenraupe gewonnen wird. Diese ernährt sich von Blättern des Maulbeerbaumes. Sie wurde im antiken Rom sogar mit Gold aufgewogen. Doch mindestens genauso wertvoll und geschätzt wie klassische Seide war früher die Muschelseide.

Muschelseide konnte zu sehr feinen Stoffen verarbeitet werden. Sie besteht aus den Byssus-Fäden, mit denen sich die Große Steckmuschel (Pinna nobilis) im Wurzelwerk von Unterwasserwiesen des Mittelmeeres verankert.

Kleidung aus Muschelseide (Byssus) wird in der Bibel an mehreren Stellen erwähnt, als Kleidung von Pharaonen und Königen. Anders als Seide lässt sich diese Faser nicht allzu gut färben, weist aber von Natur her einen goldfarbenen Schimmer auf, der sie sehr nobel wirken lässt.

Die Faser ist sehr stabil und dauerhaft, ein wenig wie die moderne Nylonfaser. Um ein Kilogramm Byssus-Seide zu gewinnen, mussten 3000 dieser bis zu einem Meter langen Muscheln von Tauchern aus dem Meer heraufgeholt werden. Dank des hohen Preises, den man für die Stoffe erzielen konnte, lohnte sich dies so lange, bis die Muschel kurz vor der Ausrottung stand. Inzwischen steht sie unter vollständigem Schutz.

Große Steckmuschel

Die Große Steckmuschel steht inzwischen unter Artenschutz

Wenn man bedenkt, dass Kleidung aus Muschelseide sehr verbreitet war, aber gleichzeitig auch wertvoll, verwundert es schon, wie wenige Kleidungsstücke daraus nur noch erhalten sind. Europaweit nur noch circa 30 Stücke, darunter zwei Paar Handschuhe in Rostock.

Das Gegenstück des Turiner Grabtuches, der Schleier von Manoppello, der auch als "Volto Santo" bezeichnet wird, besteht ebenfalls aus Muschelseide. Einem Material, das schon zur Todeszeit Jesu bekannt war. Das Tuch zeigt, wie kunstvoll dieses Material bereits in der Antike verarbeitet werden konnte: Es wirkt gegen das Licht fast transparent.

Beide Tücher werden in der Katholischen Kirche als Reliquien angesehen. In das aus Leinen bestehende Turiner Grabtuch soll Christus bei seiner Beerdigung eingewickelt gewesen sein. Seine Gesichtszüge sollen sich auf das Tuch übertragen haben.

Die auf dem aus Byssus bestehenden Volto Santo abgebildete Person weist sehr ähnliche Merkmale wie die des Turiner Grabtuches auf. Allerdings ist die Machart des Schleiers völlig unterschiedlich – und natürlich das Material.

Feines Tuch, auf dem das Gesicht eines Mannes mit kinnlangen Haaren und Bart zu sehen ist.

Das "Volto Santo" ist aus Muschelseide

Weiterführende Infos

WDR | Stand: 22.06.2020, 15:24

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