Smartphones – Verführerische Unterhaltungsmaschinen

Big Data

Smartphones – Verführerische Unterhaltungsmaschinen

Von Tanja Fieber und Katrin Focke

Warum ist es eigentlich so schwer, die Finger vom Smartphone zu lassen? Ganz einfach: Es greifen ähnliche Mechanismen wie beim Glücksspiel. Mit dem Aufleuchten des Displays setzt das Glücksversprechen ein.
Welche Informationen wird man gleich durch das Handy gewinnen? Welche (digitalen) Schätze wird man heben? Aus lauter Vorfreude schüttet der Körper das Glückshormon Dopamin aus.

Ständige Unterbrechung

Smartphones sind also nicht nur praktisch, sondern auch äußert verführerisch. Es kann zur Sucht werden, ständig nach ihnen zu greifen. Doch auch ohne Sucht ist dieses Verhalten problematisch: Wer sich ständig selbst unterbricht, verlernt, sich längere Zeit auf eine Sache wirklich zu konzentrieren.

"Es besteht die Gefahr, dass wir Menschen uns eine Aufmerksamkeitsstörung antrainieren, weil wir uns alle paar Minuten aus einer Tätigkeit reißen lassen und nicht in diesen flow kommen, dass wir in einer Tätigkeit voll aufgehen."

Benjamin Grünbichler

Schlechtes Vorbild

Das geht nicht nur Teenagern so, sondern auch Erwachsenen. Seien wir ehrlich: Häufig sind wir ganz schön schlechte Vorbilder für Kinder und Jugendliche. Wir können uns selbst kaum disziplinieren im Umgang mit den Supercomputern und nutzen sie wie Spielzeug.

Die Präventions- und Suchthilfe "neon" in Rosenheim erhält inzwischen nicht nur Anfragen von Familien und Schulen, sondern auch von Betrieben, die versuchen, der Internetsucht ihrer Mitarbeiter Herr zu werden.

Ein erschreckendes Beispiel aus jüngster Zeit: das Zugunglück von Bad Aibling im Februar 2016. Ein Fahrdienstleiter spielte mit dem Handy und war dadurch so abgelenkt, dass er den Tod von zwölf Menschen verursachte.

Sensible Phase

Laut der "JIM-Studie 2015" nutzen bereits 99 Prozent der 12- bis 13-Jährigen ein eigenes Mobiltelefon. Die Untersuchung zeigt auch, dass pathologisch Spielsüchtige ihr Nutzungsmuster meist in der frühen Adoleszenz entwickelt haben.

Kinder und Jugendliche sollten also nicht allein gelassen werden mit dem Smartphone. Sie brauchen dringend Anleitung, wie man die Geräte sinnvoll einsetzt.

Tödliche Selfies

Die Deutsche Bahn schlägt Alarm, dass sich Zwischenfälle auf Bahnstrecken häufen, auch tödliche. Was viele Jugendliche unterschätzen: Moderne Züge fahren schnell und lautlos. Ihr Fahrtwind hat eine gefährliche Sogwirkung, wenn sie mit weniger als 2,5 Metern Abstand vorbeifahren. Bremswege sind meist mehrere Hundert Meter lang.

Tipps zum Umgang mit Smartphones

Für Erwachsene

  • Warnzeichen: Man bekommt Familie, Job oder Freundschaften nicht mehr auf die Reihe, weil das Smartphone einen davon abhält. Wer auf exzessive Smartphone-Nutzung angesprochen wird, sollte handeln und seinen Handy-Gebrauch reduzieren.
  • Tipps, welche Einstellungen man beim Smartphone überprüfen sollte, finden Sie auf dieser Seite im Abschnitt "Daten schützen".

Für Kinder

  • Warnzeichen: Kinder werden aggressiv, wenn sie Handys längere Zeit nicht nutzen dürfen oder sie vernachlässigen andere wichtige Dinge im Leben.
  • Bieten Sie Kindern Alternativen zum Smartphone (Sport, Ausflüge, Hobbypflege), damit ihre Bedürfnisse im Leben befriedigt werden und sie Bestätigung auch außerhalb der digitalen Welt bekommen.
  • Seien Sie ein gutes Vorbild für Ihre Kinder und nehmen Sie sich Zeit für die Familie, nicht fürs Handy.
  • Kindern unter 16 Jahren sollten nicht einfach ein Smartphone geschenkt bekommen. Besser: Mit dem Kind reden und Nutzungsregeln vereinbaren.
  • Sicherheitsvorkehrungen treffen
  • Drittanbietersperre einrichten
  • Kindersicherung auf dem iPhone / Android aktivieren (Einstellungen/Allgemein/Einschränkungen)
  • Im Play-Store Altersbeschränkungen für Apps, Spiele, Filme und Musik einstellen
  • Apps und Internetseiten für Kinder aussuchen
  • Smartphone mit PIN-Code sperren
  • Prepaid statt Vertrag
  • Mehr Infos finden Sie hier:

Daten schützen

Datenschutzexperten warnen, dass wir unbewusst eine Spur von Daten im Netz auslegen, wenn wir Smartphones benutzen. Wie groß ist diese Spur und wie sensibel sind die Daten?

Unsere Reporterin Katrin Focke will es genau wissen und macht einen Selbstversuch – mit Hilfe von Josef Reitberger vom Computermagazin "Chip". Sie besorgt sich ein Test-Gerät und nutzt es so, wie es viele User tun: Sie akzeptiert alle Einstellungen, die Google ihr vorschlägt.

Testergebnis: Man sieht auf den Meter genau, wo sich unsere Reporterin in der Testzeit von zehn Tagen aufgehalten hat. Und noch mehr: Auch Orte, die sie über Google Maps gesucht hat, und Fotos dieser Orte werden sichtbar. Der Grund: Sie hatte den Dienst "Google Now" mit Standortverfolgung und Speichern in der Cloud aktiviert – so wie es ihr automatisch vorgeschlagen wurde.

"Daten sind die Währung, mit der man kostenlose Apps bezahlt."

Benjamin Grünbichler

Mitgefangen, mitgehangen

Als User hat man kaum eine Wahl und wenig Kontrolle über die Speicherung seiner Daten. Man kann nur wenige Einstellungen beeinflussen. Google geht beim Datensammeln transparenter vor als Apple.

Doch beide Firmen sammeln Daten. Zugriffe von Diensten zu unterbinden, ist eine Lösung, allerdings funktionieren dann viele Apps nicht mehr oder nur eingeschränkt und das Smartphone ist weniger nützlich.

"Das Glücksversprechen der Smartphones geht so ein bisschen verloren, wenn man Ortungsdienste etc. nicht nutzt."

Josef Reitberger

Datenschutz-Tipps von Chip-Chefredakteur Josef Reitberger

  • Bei jeder neuen App entscheiden, auf welche Daten sie Zugriff haben darf. Das kann man in den Einstellungen überprüfen.
  • Speichern von Fotos in iCloud unterbinden.
  • Hot-Spots-Speicherung abstellen.

Stand: 07.06.2019, 15:30

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