Drachenfliegen

Jo Hiller hebt ab 06:32 Min. Verfügbar bis 03.09.2020

Luftfahrt

Drachenfliegen

Ein paar Schritte und dann gleiten, so weit die Flügel tragen. Der Traum, sich wie ein Vogel in die Lüfte zu schwingen, ist uralt. Otto Lilienthal war der Erste, der es tatsächlich schaffte, den Vogelflug zu imitieren. Im Sommer 1891 flog er bei Potsdam mit einem aus Leinwand und Weidenruten gefertigten Gleiter, dem "Derwitzer Apparat".

Fliegen im Schlafsack

Bis heute gibt es Menschen, die es ihm gleichtun und auf Flügel aus Stoff setzen. Während Lilienthal nur wenige Meter weit flog, bringen es seine Erben auf Hunderte von Kilometern.

Mit dem Kopf nach vorne gleiten Drachenflieger durch die Luft und lassen sich von Aufwinden über Gebirgsketten und Täler tragen - manchmal Hunderte von Kilometern weit. Der Drachen kommt ohne Motor aus und wird unter den Piloten auch als Hängegleiter bezeichnet.

Der Pilot liegt während des gesamten Fluges in der Waagerechten unter dem Drachen. Eine Art Schlafsack schützt ihn vor Wind und Kälte. Profis tragen zusätzlich noch Neoprenbekleidung, die den Körper auch bei Temperaturen weit unter Null Grad warmhält. Viele Drachenflieger sagen, dass sie durch ihre liegende Position dem Fluggefühl eines Vogels am nächsten kommen.

Drachenflug von der Zugspitze

Schwarzweiß-Foto: Drachenflieger segelt ins Tal

Der Durchbruch: Mike Harker segelt 1973 von der Zugspitze

Die Ursprünge der modernen Hängegleiter gehen auf die Raumfahrt zurück. Der amerikanische Ingenieur Francis Rogallo und seine Frau Gertrude hatten 1948 die Idee für flexible Tragflächen aus Stoff und Schnüren. Für die US-Weltraumbehörde NASA rüstete Rogallo Raumkapseln und Raketenstufen mit diesen Flächen für die Rückkehr zur Erde aus.

Letztlich entschied sich die NASA aber gegen die Rogallo-Flügel und für den Fallschirm. Doch Rogallos Erfindung war dadurch nicht verloren: Aus ihr entwickelte sich Mitte der 60er Jahre an der Küste Kaliforniens die Sportart Drachenfliegen.

Es war auch ein Amerikaner, der das Drachenfliegen in Europa populär machte: der Kalifornier Mike Harker. Unter großem Medienrummel segelte er am 15. April 1973 mit einem Drachen von der Zugspitze ins Tal. Er flog zwölf Kilometer weit, überwand einen Höhenunterschied von 1980 Metern und benötigte dafür gerade einmal zwölf Minuten.

Steuern mit Gewicht

Ein Drachen wiegt rund 33 Kilogramm. Hinzu kommen das Gurtzeug, das GPS-Gerät für die Orientierung in der Luft und das Variometer, das dem Piloten die Thermik anzeigt. Insgesamt kommt der Drachen auf ein Gewicht zwischen 50 und 55 Kilogramm.

Drachenflieger in der Luft

Die Ausrüstung wiegt 50 Kilogramm

Die mehrfache Weltmeisterin im Drachenfliegen, Corinna Schwiegershausen, wiegt gerade einmal so viel wie ihre komplette Ausrüstung und ist froh, dass sie für den Start am Hang ihre Ausrüstung nur wenige Schritte tragen muss. Gesteuert wird der Drachen durch Gewichtsverlagerung, indem der Pilot den Steuerbügel nach links oder rechts verschiebt.

Start und Landung

Die meisten Drachenflieger starten an einem Hang mit drei bis vier Schritten Anlauf. Eine Alternative zu diesem Klippenstart ist im flachen Gelände der Schleppstart mithilfe eines Ultraleichtflugzeugs, das den Drachen samt Piloten nach oben zieht. Auf der gewünschten Höhe klinkt der Pilot sich aus. Manche Flieger nutzen auch den Ballonstart. Hierbei wird der Drachenflieger unter einem Ballon senkrecht nach oben gezogen. Am höchsten Punkt löst der Pilot das Seil und fliegt frei weiter. Außerdem gibt es noch die Möglichkeit eines Elektro-Antriebs als Aufstiegshilfe, der am Drachen montiert ist.

Drachenflieger hebt von Startrampe ab

Klippenstart am Hang

Oft ist es ein Teil des Drachenflieger-Abenteuers, dass die Piloten nicht genau wissen, wo sie landen werden. Denn die Luftströmung ist manchmal unberechenbar. So kommt es vor, dass der Pilot 30 Kilometer vom vereinbarten Landeplatz entfernt wieder den Boden berührt. Manchmal fehlt eben die geeignete Thermik, die einen zum gewünschten Ort trägt.

Drachenflug als Wettkampf

Weltmeisterschaften im Drachenfliegen wurden erstmals 1976 in Österreich ausgetragen und finden seitdem alle zwei Jahre statt. Bei Drachen-Wettbewerben gibt es verschiedene Disziplinen, zum Beispiel den Zielflug mit Umrundung von Wendepunkten: Die Athleten fliegen vorher festgelegte Wendepunkte einer bestimmten Strecke ab. Wer als Erster ins Ziel kommt, hat gewonnen.

Die Wendepunkte geben die Piloten vor dem Start in ihr GPS-Gerät ein, das den Flug genau dokumentiert. Oft sind diese Wendepunkte aber nicht nur bloße Koordinaten, sondern auch deutlich sichtbar: eine Brücke, ein Gipfelkreuz oder eine Kirche. Weitere Disziplinen sind der Streckenflug, Dreiecksflug, Zielrückkehrflug und der Zeitflug mit Ziellandung.

Orientierung in der Luft 04:13 Min. Verfügbar bis 03.09.2020

Für die Weltmeisterschaft 2006 in Florida hatte die Jury per Zufall den privaten Flugplatz von Steve Moers als Ziel zur Landung ausgewählt, dem Gitarristen der Band "Deep Purple". Keiner der Drachenflieger wusste, wer dort wohnt. Auch der Popstar wunderte sich zunächst über den unerwarteten Besuch, hieß die Piloten dann aber auf seinem Flugplatz willkommen.

Drachen im Krieg

Drachenfliegen war nicht immer nur ein Sport. Schon im Mittelalter wurden die Fluggeräte auch für die Kriegsführung eingesetzt. Im alten Japan etwa befestigten Heerführer unter Lenkdrachen Gegenstände, die unheimliche Geräusche erzeugten. Die Feinde glaubten so, sie würden von bösen Geistern angegriffen.

Geschichte des Drachenfliegens 01:48 Min. Verfügbar bis 03.09.2020

In Europa setzte die britische Armee 1906 bemannte Drachen zur militärischen Beobachtung ein. Die Idee dafür kam von Flugpionier Samuel Franklin Cody. Seine Drachen konnten Soldaten in die Höhe bringen, um den Feind auszuspähen. Sie wurden als Cody's War-Kite bekannt.

Zugdrachen für Schiffe

Ein Schiff wird von einem Drachen gezogen

Die Kraft des Drachens spart Treibstoff

Auch wirtschaftlich lassen sich Drachen nutzen, zum Beispiel um Schiffe zu ziehen. Bläst der Wind stark genug, kann ein Kapitän per Knopfdruck den Drachen vom Bug seines Schiffes an einer langen Leine steigen lassen - auf bis zu 400 Meter über dem Meeresspiegel. Dort ist der Wind noch kräftiger. Der Drachen wird per Autopilot gesteuert und zieht dann Achten, da so der Wind perfekt genutzt wird.

Unter optimalen Bedingungen kann ein Schiff mit der Hilfe eines Drachens zwei bis drei Tonnen Kraftstoff am Tag einsparen - in etwa so viel wie ein Einfamilienhaus im Jahr für Wasser und Heizung verbraucht. Bisher gibt es weltweit aber noch nicht viele Schiffe, die diese Technologie nutzen. Etwa eine Million Euro kostet es die Eigentümer, Schiffe mit einem Drachensystem auszurüsten.

Autorin: Annika Zeitler

Stand: 22.01.2016, 11:00

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