Interview: Umgeschulte Linkshänder
Planet Wissen (PW): Warum wurden früher die meisten Linkshänder umgeschult?
Dr. Johanna Barbara Sattler (J.S.): Es galt als nicht vornehm, zum Beispiel beim Essen, das Messer in die linke Hand zu nehmen. Auch bei der Begrüßung sollte das "gute" Händchen genommen werden. Es gibt noch viele andere Beispiele, die deutlich machen, dass die linke Seite abgewertet und sogar als schlechter und bedrohlich angesehen wurde. Die Ursprünge sind vielfältig. Schon bei den alten Griechen war die linke Seite die Unglück bringende. Das wurde im Manichäismus, einer religiösen Strömung im 3. Jahrhundert nach Christus, übernommen und beeinflusste sowohl das christliche Brauchtum als auch den Islam. Im Islam galt die linke Seite sogar als die unsaubere Seite.
Starken Einfluss auf den möglichst "normierten" Gebrauch der Hände hatten dann die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, das Exerzieren beim Militär und die Industrialisierung mit genormten Maschinen. Dort wurde überall ein normierter Handgebrauch eingefordert. So wurden dann die alten Vorbehalte gegenüber der linken Seite auf die Linkshänder weiter übertragen und führten zu einer sehr intoleranten Haltung ihnen gegenüber. Das Vorurteil, dass die beiden Seiten eine unterschiedliche Wertigkeit haben, pflegen manche Menschen noch heute. Begünstigt durch antiautoritäre Strömungen, hat aber in den 90er Jahren doch ein entschiedener Wandel stattgefunden, der unter anderem mit gesellschaftlicher Liberalisierung zu tun hatte. Parallel dazu war sehr viel Aufklärungsarbeit im pädagogischen Bereich erforderlich.
PW: In Ihrem Buch "Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn" schreiben Sie, dass die Umschulung der angeborenen Händigkeit einer der massivsten Eingriffe – ohne Blutvergießen – in das menschliche Gehirn ist. Was passiert dort genau bei der Umschulung?
J.S.: Es kommt dabei zu einer falschen Belastung im Gehirn. Die motorisch dominante Hälfte – also bei Linkshändern die rechte – wird unterbelastet, die nicht dominante Hälfte überbelastet. Auch bei der Interaktion der beiden Hemisphären kommt es zu Störungen. In einer Untersuchung hat man die Hirntätigkeiten von umgeschulten und nicht umgeschulten Links- und Rechtshändern während des Schreibens untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass bei nicht umgeschulten Linkshändern die rechte Hirnhälfte aktiv ist und bei Rechtshändern die linke. Das ist die ganz normale Gehirntätigkeit. Interessant war hingegen, dass bei den umgeschulten Linkshändern beide Hirnhälften aktiv waren. Das führt zu großer Unruhe im Gehirn. Es ist auch absolut nicht sinnvoll, denn eigentlich wird für das Schreiben in diesem Zusammenhang ja nur eine Seite gebraucht, alles andere ist eine Überbelastung.
PW: Welche Störungen und Irritationen kann so eine Umschulung zur Folge haben?
J.S.: Immer wieder treten Gedächtnisprobleme, Konzentrations- und Sprachschwierigkeiten auf. Auch die feinmotorischen Fähigkeiten sind oftmals beeinträchtigt. Außerdem fällt es vielen umgeschulten Linkshändern schwer, ihre Gedanken so klar zu formulieren und aufzuschreiben, wie sie sie vor ihrem geistigen Auge sehen. Zu den weiteren Beeinträchtigungen gehören zudem Wortfindungsstörungen. Mir ist der Fall einer umgeschulten Linkshänderin bekannt, die den ersten Teil ihrer Magisterarbeit mit der rechten und den anderen mit der linken Hand geschrieben hat. Ihr Professor hat dann hinterher gesagt, dass der zweite Teil inhaltlich und sprachlich weitaus besser gewesen sei und ob sie diesen allein verfasst habe. Das zeigt noch einmal, wie beeinträchtigt umgeschulte Linkshänder sein können. Neben den primären beobachte ich auch immer wieder sekundäre Folgen. Dazu gehören stark überhöhter Leistungseinsatz (Überkompensation), emotionale Beeinträchtigungen, die zu Verhaltensauffälligkeiten führen können, und depressive Phasen bis hin zu Suchterkrankungen, die mit den schon genannten Irritationen in enger Verbindung stehen.
PW: Finden Sie spätere Rückschulungen auf die linke Hand sinnvoll?
J.S.: Das ist eine sehr individuelle Sache. Ich bin nicht grundsätzlich für die Rückschulung. Wenn jemand keine Probleme hat, sollte er eher weiter bei der rechten Hand bleiben. Auch für Menschen, die viel handschriftlich arbeiten oder feinmotorisch sehr anspruchsvolle Bewegungen machen müssen, ist eine Rückschulung nicht sinnvoll, wenn kein Leidensdruck da ist. Treten allerdings massive Störungen auf, so rate ich manchmal zur Rückschulung. Das sollte dann aber immer von einem Therapeuten begleitet werden, denn in der Rückschulungsphase können die schon genannten Probleme und Störungen verstärkt auftreten. Ich habe es auch schon erlebt, dass Menschen sich während und nach der Rückschulung sehr verändert haben, zum Beispiel kommt es immer wieder vor, dass Betroffene sich in so einer Phase von ihrem Partner trennen oder ihr Leben komplett auf den Kopf stellen.
PW: Woran können Eltern feststellen, dass ihre Kinder zur Linkshändigkeit neigen?
J.S.: Am besten merkt man das bei spontanen feinmotorischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel beim Greifen und Hantieren. Bei manchen Kindern ist es sehr früh klar – ungefähr im Alter von zwei Jahren – ob sie Links- oder Rechtshänder sind. Viele brauchen aber länger dafür. Hat sich das Kind auch mit viereinhalb Jahren noch nicht für eine Hand "entschieden", sollte man sich an einen Fachmann wenden. Wechselnder Handgebrauch kann nämlich auch ein Symptom von anderen Schwierigkeiten sein, die begleitend auftreten, zum Beispiel in der Feinmotorik und bei Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen. Wichtig ist, dass die Tests bei unklarer und wechselnder Händigkeit vor der Einschulung abgeschlossen sind. Denn dann sollten Kinder wissen, ob sie Rechts- oder Linkshänder sind, damit sie ihre "Schreibhand" kennen, wenn sie mit dem Schreiben beginnen.
PW: Müssen linkshändige Kinder anders gefördert werden als Rechtshänder?
J.S.: Ja. Ganz wichtig ist die Blattlage, auch schon beim Malen. Das Papier sollte nach rechts geneigt sein. Damit unterstützt man eine bessere Schreibhaltung und vermeidet die so genannte Hakenhand, bei der die Hand über dem Geschriebenen liegt. Außerdem ist es sehr wichtig, die Kinder schon im ersten Schuljahr mit dem Füller schreiben zu lassen, denn so lernen sie weit einfacher eine Schreibhaltung zu finden, bei der das bereits Geschriebene nicht verwischt wird. Linkshändige Kinder sollten außerdem schon früh lernen, mit entsprechenden Gebrauchsgegenständen für den Haushalt und für das Basteln, wie Linkshänderscheren, Anspitzer und Kartoffelschäler umzugehen. Ganz besonders wichtig ist es bei linkshändigen Kindern, dass sie bestimmte Tätigkeiten wie das Binden einer Schleife nur auf eine Art erlernen und nicht immer wieder unterschiedliche Varianten gezeigt bekommen. Da sollten sich Eltern zum Beispiel mit den Erziehern im Kindergarten absprechen.
PW: Konnten Sie einen Zusammenhang zwischen "Händigkeit“ und "Füßigkeit“ herstellen?
J.S.: Meistens sind Linkshänder auch Linksfüßler und umgekehrt. Zum Beispiel beim Fußballspielen. Da wäre dann das rechte Bein das Standbein, weil das linke geschickter ist und man damit besser schießen kann. Natürlich gibt es da aber auch Ausnahmen. So kann es zum Beispiel – bedingt durch Training oder durch Unsicherheiten der Beine – dazu kommen, dass die erste Tätigkeit im Ablauf mit dem dominanten Fuß oder Bein gemacht wird. Damit könnte es zusammenhängen, dass viele Fußballspieler ja auch mit beiden Füßen sehr gut schießen.
PW: Was halten Sie von der These, dass es unter Linkshändern mehr musische und kreative Menschen gibt?
J.S.: Vielleicht könnte das damit zusammenhängen, dass Linkshänder von Rechtshändern oft als "exotisch“ wahrgenommen werden. Linkshänder neigen nach meinen Beobachtungen zu anderen Herangehensweisen und Wahrnehmungsmustern. Sie betrachten Dinge oft ganzheitlicher. Außerdem habe ich erlebt, dass sie spontaner auf viele Situationen reagieren. Linkshändige Menschen werden deshalb möglicherweise von Rechtshändern als besonders kreativ erlebt. Aber ich glaube nicht, dass es unter den Linkshändern wirklich mehr Genies gibt als unter den Rechtshändern.
Christiane Tovar, Stand vom 08.03.2006
Sendung: Linkshänder - Das mache ich mit links, 10.07.2006







